AL-FĀTIHA - 2. Teil

Salaam!

Hier ist nun der zweite Teil meines Artikels über die erste Sure:

(2) Der Lobpreis gebührt Allah, dem autarken Urheber und Regulierer der Welten,

Der Islam erachtet nun eine gewisse Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf für wichtig. Dies zeigt sich in der dem ersten Vers der FĀTIHA folgenden sogenannten Hamdala (al-hamdu li-Llāh) mit den Worten „Der Lobpreis gebührt Allah“. Die Hamdala beinhaltet nicht nur ein Danken im speziellen engeren Sinne des Wortes, sondern vielmehr ein generelles fortwährendes demütiges und verehrendes Lobpreisen mit aufrichtigem Herzen und erfüllt von Liebe zu Allah. Durch diesen Beziehungsaspekt wird das vertrauensvolle stetige Sich-Ergeben gegenüber Allah realisiert, das auch die Definition des Wortes Islam in sich birgt. Das arabische Verb „hamada“ unterscheidet sich vom aus den gleichen Buchstaben bestehenden Verb „madaha“ (= loben, rühmen, preisen) darin, dass es neben der Bedeutung „loben“ im profanen Sinn und als Gegensatz zu „tadeln“ auch ein ständiges Verherrlichen in Ergebenheit und Demut beinhaltet, also zusätzlich eine spezielle, nämlich umfassendere und intensivere Bedeutung annehmen kann. Im Hinblick auf diesen sprachlichen Aspekt liegt es nahe, dass man das arabische Wort „hamd“ in der umfassenden Bedeutung „Lobpreis“ allein im Zusammenhang mit Allah verwendet.

Die Worte „dem autarken Urheber und Regulierer der Welten“, mit denen der zweite Vers fortgesetzt wird und aus denen die Lehre des Tauhid (= absoluter Monotheismus) schöpft, erklären, warum die Muslime Allah gegenüber ihre Ergebenheit und Dankbarkeit zeigen. Denn hier wird die islamische Vorstellung von unserem Schöpfer dargelegt, und hier wird ganz deutlich klargestellt, dass es nur EINE Gottheit gibt, DER allein alles von IHR Erschaffene, also das Universum und alles sich in ihm in verschiedenen Sphären der Existenz Befindliche gehört, DIE alles in Barmherzigkeit lenkt, erhält, regelt, anordnet und überwacht und DER allein der Lobpreis gebührt. Das absolute Einzig-Sein sowie die unumschränkte Macht Allahs sind die Grundlagen des Islam und die stete dankbare Ergebenheit des Menschen seinem Gebieter gegenüber zeigen des Menschen ständige Bewusstsein dieser Grundlagen. Allah steht das Recht auf Lobpreisen zu, weil ER der Besitzer der Welten ist und ihnen durch SEIN Verwalten Gedeihen und Wohlergehen zukommen lässt und für sie sorgt. ER ist nicht nur der alleinige Schöpfer, sondern quasi auch der einzige Manager als des von IHM Erschaffenen. Das in diesem Vers vorkommende Substantiv „rabb“ weist auf diesen wichtigen Aspekt des Monotheismus hin.

Dieses Substantiv ist abgeleitet vom Verb „rabba“, was ursprünglich „Herr sein“, „besitzen“, „beherrschen“ und „ein Kind aufziehen“ bedeutet. Davon abgeleitet ist auch ein weiteres Verb, nämlich „rabbaba“ mit der Bedeutung „vergöttlichen“. All dies fließt nun auch in das Substantiv „rabb“ ein. Ursprünglich ist im engeren Sinn ein „rabb“ jemand, der etwas stufenweise zur Reife und Vervollständigung bringt, also beispielsweise jemanden aufzieht respektive mit etwas behaftet ist, womit er zu tun hat und worüber er verfügt. Im weiteren Sinne und insbesondere in Verbindung mit Allah beinhaltet das Wort „rabb“ die folgenden Aspekte: Herr, Inhaber, Besitzer, Eigentümer, Herrschender, Regulierender, Regelnder, Bestimmender, jemand, der Verfügungsgewalt hat und etwas bereitstellt, Versorgender, jemand der Autorität besitzt, Erschaffender und Erhaltender und dafür Gesetze Schaffender. In diesem Sinn wird das Wort „rabb“ nur für Allah verwandt. In Sure 3:80 heißt es: „ Und ER weist euch nicht an, die Engel und die Propheten als autarke Urheber und Regulierer zu nehmen …“ Und in Sure 6:184 steht: „Sprich: «Wünsche ich denn einen Anderen außer Allah als autarken Urheber und Regulierer, wo ER doch der autarke Urheber und Regulierer von allem ist?»“

Meines Wissens gibt es im Deutschen kein einzelnes Wort, das all die genannten Bedeutungsaspekte beinhaltet. Um all die erwähnten Bedeutungen in möglichst kurzer Form darzustellen, habe ich mich für „autarker Urheber und Regulierer“ entschieden.

Im zweiten Vers der FĀTIHA werden wir ferner darüber informiert, dass es mehrere Welten gibt. Weil das arabische Wort „ ālamīn“ im maskulinen Plural steht, gibt es die Meinung, dass hier Vernunftwesen wie etwa Dschinn, Engel und Menschen gemeint sind und keine leblose Materie. Dem halte ich allerdings entgegen, dass der Quran selbst das Wort „ ālamīn“ erklärt, nämlich in Sure 26:24 mit den Worten „der autarke Urheber und Regulierer der Himmel und der Erde und dessen, was zwischen ihnen beiden ist“ und im Vers 28 derselben Sure mit den Worten „der autarke Urheber und Regulierer des Ostens und des Westens und dessen, was zwischen ihnen beiden ist“. Dies umfasst alles von Allah Erschaffene, als da sind die Himmel, die Erde und alles, was sich zwischen ihnen befindet, will sagen das gesamte Universum mit allem, was in diesem enthalten ist. Auch im Deutschen wird das Wort „Welt“ in verschiedener Hinsicht verwandt. So sprechen wir etwa von einer Erwachsenenwelt, Kinderwelt, Tierwelt, Pflanzenwelt oder Traumwelt. Und aus der Astrophysik wissen wir hinsichtlich der Lebenswelt von Lebewesen, dass es außerhalb unseres Sonnensystems im Universum Planeten gibt, die dem Planeten Erde und dessen Lebensbedingungen ähneln, und Sphären und Galaxien, die man ebenfalls als Welten betrachten kann. Möglicherweise gibt es auch eine bestimmte Welt für Engel und Dschinn als deren Lebensbereich und Heimat.

Der Meinung, dass es sich bei „ālamīn“ nur um Vernunftwesen handle, kann ich darüber hinaus auch deshalb nicht zustimmen, weil die Vernunftwesen nur einen Teilbereich der riesigen Schöpfung darstellen und Allah somit hinsichtlich SEINER Urheberschaft und Regulierung nur ein Teilbereich zugewiesen würde, was wiederum mit meinem Verständnis vom Wesen Allahs und SEINER alleinigen Allmacht nicht in Einklang zu bringen ist. Das Eins-Sein Allahs und SEINE unumschränkte Allmacht ohne jeglichen Teilhaber gehören zu den Grundlagen des Islam, was sich im authentischen Glaubensbekenntnis der Muslime, wie es im Quran in Sure 3:18 formuliert ist, wiederspiegelt: „Allah und die Engel und die über Erkenntnis Verfügenden bezeugen, dass es keine Gottheit außer IHM gibt, dem Unerschütterlichen der Gerechtigkeit: Es gibt keine Gottheit außer IHM, dem Allmächtigen, dem Allweisen.“

(3) dem Allerbarmer, dem Allbarmherzigen,

Im dritten Vers lesen wir erneut „des Allerbarmers des Allbarmherzigen“. Dass in der ohnehin schon kurzen Sure mit den ohnehin schon kurzen sieben Versen diese Worte wiederholt werden, gibt ihnen eine besondere Gewichtigkeit: Nachdem der vorangegangene Vers die unendliche Distanz des Menschen zu dessen allmächtigen Schöpfer und des Menschen lobpreisende Dankbarkeit und Ehrfurcht vor der Macht Allahs zum Ausdruck gebracht hat, bekräftigt dieser Vers noch einmal, dass Allah trotz SEINER Allmacht und Gerechtigkeit in umfassender Weise barmherzig ist und damit SEINEN Geschöpfen auch Lebensmut und Vertrauen spendet. Und so wie das Eins-Sein und die Allmacht des Schöpfers zentrale Begriffe im Islam sind, wird ebenfalls die unbegrenzte Barmherzigkeit Allahs besonders dadurch betont, dass die aus der Wurzel „barmherzig“ gebildeten Wörter mehr als einhundert Mal im Quran vorkommen. Die schwere Waagschale der Allmacht wird ins Gleichgewicht gebracht durch die ebenso schwere Waagschale der Barmherzigkeit, wodurch eine ausgeglichene und friedliche Situation in der Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf geschaffen wird.

(4) dem Herrschenden am Tage der Vergeltung!

Im vierten Vers „des Herrschers am Tage der Vergeltung“ wird ein islamisches Elementarprinzip vorgestellt: der Glaube an die Auferstehung und das Jüngste Gericht, dessen Datum nur der Herrscher kennt. Die Macht des Menschen, die dieser während seines Lebens auf Erden vielleicht besessen hat, ist nun definitiv beendet und es gilt nur noch das Wort respektive Urteil seines Schöpfers über das, was der Mensch getan hat und für das er nun Rechenschaft ablegen muss.

Allah wird in diesem Vers als „ مالك“ mālik respektive in der Warsch-Lesart als ملك malik bezeichnet. Erstere Lesart bezeichnet jemanden, der Befehls- respektive Herrschergewalt und Verfügungsrecht besitzt und bedeutet „Eigentümer“, „Besitzer“, „Herrschender“, letztere Lesart bedeutet „König“, „Monarch“, „Gebieter“ und ebenfalls „Herrschender“ und Besitzer von Befehls- respektive Herrschergewalt und Verfügungsrecht. Beiden ist der Aspekt des Herrschens zu eigen. Und da Allah am Jüngsten Tag als Richter zur Rechenschaft zieht und das endgültige Urteil hinsichtlich Belohnung mit dem Paradies oder Bestrafung mit dem Höllenfeuer fällt und somit eine herrschende Funktion ausübt, habe ich mich für „Herrschender“ als deutsches Äquivalent entschieden.

Das arabische, von mir als „Vergeltung“ übersetzte Wort heißt دين „dīn“ und hat sehr viele Bedeutungen, zu denen folgende gehören: Gehorsam, Bekenntnis, Gewohnheit, Brauch, Gesetz, Autorität, Abrechnung, Vergeltung und Religion. Ich habe für diesen Vers das Wort „Vergeltung“ gewählt, weil am Jüngsten Tag auf der Grundlage der Autorität Allahs und je nach Bekenntnis des Menschen und dessen Gehorsam oder Ungehorsam gegenüber den Gesetzen der Religion des Islam und je nach des Menschen entsprechenden Gewohnheiten und Bräuchen mit dem Menschen abgerechnet wird – entweder wird es ihm mit Belohnung oder es wird ihm mit Bestrafung vergolten. Und an diesem Tag der Vergeltung ist Allah der allein Herrschende.

Obwohl die umfassende Herrschaft Allahs im zweiten Vers der FĀTIHA schon einmal zum Ausdruck gebracht wurde, finden wir in diesem vierten Vers Allahs Herrschaft und Souveränität beim Letzten Gericht noch einmal gesondert als Spezifikum erwähnt. Auf diese Weise wird mit Nachdruck auf das unausweichliche Ereignis dieses Gerichts hingewiesen und klargestellt, dass man für seine Handlungen verantwortlich ist und zur Rechenschaft gezogen wird und es für sie eine Vergeltung in Form eines unanfechtbaren Urteils ohne jegliche Einspruchsmöglichkeit gibt.

(5) Ausschließlich DIR dienen wir anbetend und ausschließlich DICH bitten wir um Hilfe.

Der fünfte Vers setzt konsequent den Gedankengang und Aufbau dieser ersten Sure und den roten Faden des absoluten Monotheismus fort. Nachdem wir von der Allmacht Allahs und SEINEM Recht auf Lobpreis, aber auch von SEINER grenzenlosen Barmherzigkeit sowie von der auf uns alle zukommenden Vergeltung gelesen haben, ist es nur recht und billig, dass wir uns vor unserem Schöpfer in Liebe, Demut und Gehorsam verneigen, IHN verehrend anbeten und IHM dienen sowie SEINEN im Quran genannten Anordnungen Folge leisten. Der Quran enthält detailliert alles, was man braucht, um Allahs Wohlgefallen zu erlangen, worauf der Quran selbst an mehreren Stellen hinweist, wie etwa Sure 6:38 oder 16:89 oder 45:6. Institutionen wie Kirche oder Priesterschaft oder Ähnliches braucht also ein monotheistischer Muslim nicht. Die Kommunikation findet direkt zwischen Geschöpf und Schöpfer statt. Ein monotheistischer Muslim dient nur Allah anbetend und bittet nur Allah um Hilfe darum, was im folgenden Vers dargelegt wird. Diese Ausschließlichkeit wird im Vers besonders hervorgehoben durch die arabische Emphase-Partikel iyā, die die Funktion hat, ein vom Verb getrenntes Personalpronomen im Akkusativ (in diesem Fall also die auf Allah bezogene zweite Person Singular) von der Bedeutung und Intensität und Wichtigkeit her unter Hinzufügung dieser Partikel zu verstärken und ihm quasi ein Privileg oder Monopol einzuräumen, was ich in meiner Übersetzung durch das Wort „ausschließlich“ gekennzeichnet habe.

Anbetender Diener Allahs zu sein bedeutet, dass das Verhältnis zwischen Allah und dem Menschen nicht nur auf reine Andachtsübungen wie etwa Lesen des Quran, Bitt- und Dankgebete oder Fasten beschränkt ist, aber auch nicht nur auf das reine Dienen im Sinne von rechtschaffenen Handlungen auf der Basis der im Quran genannten Vorschriften; es umfasst beides. Das arabische Verb عبد ´abada bedeutet dienen, anbeten, verehren, ergeben gehorchen und sich vorgegebenen Vorschriften verpflichten. In den meisten Fällen finden wir deshalb im Quran auch immer dann, wenn die Gläubigen erwähnt werden, dass diese nicht nur mit den Worten „diejenigen, die den Glauben verinnerlichen (alladhīna āmanū)“ bezeichnet werden, sondern in ergänzender Form mit den Worten „diejenigen, die den Glauben verinnerlichen und rechtschaffene Werke verrichten“. Das heißt, erst durch rechtschaffenes Handeln verifiziert sich der verinnerlichte Glaube des Muslims.

Das anbetende Dienen wird in diesem Vers vor dem Bitten um Hilfe genannt, da erst aufrichtiges Gehorchen und Dienen das Herz für aufrichtiges Bitten öffnet und dieses Bitten rechtfertigt.

Was die Beziehung des Menschen zu seinem Schöpfer betrifft, können wir also zusammenfassend sagen, dass sie geprägt ist vom Tauhid und neben bestimmten Anbetungsbestimmungen vor allen Dingen das Dienen im Sinne von Handeln auf der Grundlage der Quran-Bestimmungen beinhaltet. Und hierin liegt auch der eigentliche Sinn des Lebens.

Die beiden Verben stehen in der ersten Person Plural. Das heißt, der Muslim, der diese Worte spricht, sieht sich als Individuum der muslimischen Gemeinschaft und sein Bewusstsein der islamischen Brüderlichkeit und das Gefühl, dass er nicht allein, sondern Teil der islamischen Community, der Umma ist, werden gestärkt. Darüber hinaus bringt er zum Ausdruck, dass er allein eventuell kein anbetend Dienender im umfassenden Sinn sein kann, sondern nur durch gegenseitiges Lernen und Austauschen von Wissen und Gedanken sowie Unterstützen der monotheistischen Muslime.

Die Worte „und ausschließlich DICH bitten wir um Hilfe“ sind nicht im generellen Sinn zu verstehen, dass wir also beispielsweise um Geld bitten oder um Erfolg in einer Prüfung oder um einen passenden Lebenspartner. Denn worum wir Allah primär und speziell bitten sollen, teilt uns der nächste Vers, der sechste Vers in dieser Sure mit:

(6) Führe uns den geraden Weg,

Denn der Weg ist das Ziel. Es ist der Weg der Geradlinigkeit im Charakter und im Handeln und in der Geradlinigkeit der Befolgung der geradlinigen Religion, hier also des Islam, auf der Basis des Quran, der wiederum die Quelle darstellt, die diesen Weg speist. Denn wer dem Quran folgt, der praktiziert den Islam und befindet sich somit auf dem Weg der Wahrheit, dem geraden Weg, der zum Wohlgefallen Allahs und zum Paradies führt.

Besonders erwähnenswert ist meines Erachtens, dass es im Vers „Führe uns den geraden Weg“ heißt und nicht „Führe uns zum geraden Weg“. Hier wird also derjenige angesprochen, der sich schon auf dem geraden Weg befindet, aber aus eigener Kraft und ohne die Hilfe Allahs nicht auf diesem Weg zu bleiben vermag und eventuell durch äußere Einflüsse Gefahr läuft, von diesem Weg abzuweichen. Gestützt wird dies dadurch, dass es im vorangehenden Vers heißt „… und nur Dich bitten wir um Hilfe“. Wir bitten Allah darum, dass ER uns die Führung mehren möge, dass wir also nicht auf dem Weg stehen bleiben, sondern immer weiter geführt werden und immer weiter gehen und dabei gefestigt werden und eben nicht von ihm abweichen.

Das arabische Substantiv „ صراط sirāt“ bedeutet Weg oder Straße. Im „Dictionary of the Holy Quran“ wird jedoch auf Folgendes hingewiesen: „Die Araber betrachteten einen Weg nur dann als صراط sirāt, wenn er die fünf folgenden wichtigen Merkmale umfasst: 1) Rechtschaffenheit. 2) Sicheres Führen zum Ziel. 3) Er ist der kürzeste Weg. 4) Es ist breit für Reisende. 5) Er ist in den Augen der Wanderer bestimmt als Straße zum Ziel.“

Wenn wir nun diese fünf Merkmale auf den Weg des Islam und des Quran übertragen, dann können wir Folgendes sagen: 1) Der Weg des Islam und des Quran ist der Weg der Rechtschaffenheit, denn er führt zum rechtschaffenen Handeln. Im Quran finden wir an zahlreichen Stellen die Formulierung „diejenigen, die den Glauben verinnerlichen und rechtschaffene Werke verrichten“. 2) Der Quran als Grundlage für ein rechtschaffenes Leben, das bei Allah auf Wohlgefallen stößt, bietet die absolute Sicherheit, zum Ziel zu führen, und dieses Ziel ist eben das Wohlgefallen Allahs. 3) Im Islam gibt es die direkte Kommunikation zwischen Geschöpf und Schöpfer und der Quran enthält nur wenige Verbote und nur wenige Verpflichtungen. Und im Vergleich zur Ewigkeit des Schöpfers und im Vergleich der vielen Milliarden Jahre der Geschichte des Universums ist das Leben des Menschen nur von äußerst kurzer Dauer. All dies kennzeichnet die Kürze des Wegs. 4) Trotz seiner Kürze ist der Weg für die ihn Beschreitenden breit genug, um sich entfalten zu können. Da es nur wenige Verbote und Verpflichtungen im Islam und die Willensfreiheit für den Menschen gibt, hat dieser die Möglichkeit, sein Leben in mannigfacher und vielfacher Weise unter Beachtung der wenigen Vorschriften des Quran frei zu gestalten, ohne deshalb von diesem Weg abweichen zu müssen. 5) Die diesen Weg Beschreitenden haben immer im Auge, dass dieser Weg dazu bestimmt ist, eine Straße zu sein, die zum Ziel führt. In diesem Bewusstsein dienen sie ausschließlich Allah und beten sie ausschließlich IHN an.

Diese Merkmale des Weges des Islam und des Quran werden im sechsten Vers der Sure AL-FĀTIHA in einem Wort zusammengefasst: „ مستقيم mustaqīm“, was gemäß verschiedener Wörterbücher direkt, ohne Krümmung, gerade, geradlinig, richtig, in Ordnung, gut ein- und ausgerichtet, redlich, rechtschaffen, tugendhaft und einfach bedeutet. All dies bringt zum Ausdruck, dass es sich beim Islam um einen einfachen, übersichtlichen und mit Rechtschaffenheit verbundenen Weg und nicht um einen verschlungenen und komplizierten und mit Dunkelheit verbundenen Weg handelt.

Im Hinblick auf die Formulierung „ihdinā / führe uns“ möchte ich übrigens noch anmerken, dass das arabische Wort „hidāya“ die gleiche Sprachwurzel wie das arabische Wort für „Geschenk“ hat, nämlich „hadīya“. Gibt es für einen monotheistischen Muslim ein schöneres Geschenk und grandiosere Gnade als auf dem geraden Weg zu sein, der ihn zu Allah führt?

Um zum Ausgangspunkt zurückzukehren, können wir also Folgendes sagen: Ja, der Weg ist das Ziel, aber wir dürfen dieses Ziel niemals aus den Augen verlieren, damit wir nicht Gefahr laufen, fehlzugehen und uns dadurch den Zorn Allahs zuzuziehen, und wir müssen uns um das Erlangen der Gnade einer stetigen Festigung und Weiterentwicklung auf diesem Weg immer wieder von Neuem bemühen. Und eben dies lehrt uns der letzte Vers dieser Sure, in dem uns die Leute vorgestellt werden, die sich auf diesem Weg befinden:

(7) den Weg derer, denen DU Gnade erweist, denen nicht gezürnt wird, und nicht der Fehlgehenden!

Dieser gerade Weg ist ein durch Gnade gekennzeichneter Weg und diejenigen, die auf ihm gehen, sind begnadete Menschen, weil sie Allah und nur IHM allein anbetend dienen, indem sie dem folgen, was ihnen im Quran vorgegeben ist, und rechtschaffen sind. Es ist der Weg des Lichts, zu dem Allah diejenigen führt, die sich IHM demütig ergeben und IHM aufrichtigen Herzens Gehorsam leisten, und nach dem sie streben. Neben diesem Weg gibt es noch einen anderen Weg, den Weg der Finsternis, auf dem sich diejenigen befinden, die den Zorn Allahs hervorrufen und sich damit SEINER Bestrafung aussetzen und insofern fehlgehen, als sie nicht zum Licht der Wahrheit streben. Ein wahrer Muslim hat nun immer danach zu streben, vor diesem Weg der Finsternis bewahrt zu bleiben und bittet deshalb Allah um die Gnade des Führens auf dem geraden Weg, so dass er daran gehindert wird, von diesem Weg abzuweichen und fehlzugehen und auf den Weg der Finsternis zu gelangen und damit den Zorn Allahs hervorzurufen.

Sprachlich betrachtet ist es erwähnenswert, dass im arabischen Text das Erweisen der Gnade im Aktiv und mit dem auf Allah weisenden Pronomen DU formuliert ist, während das Zürnen im Passiv steht. Dieses Stilmittel weist darauf hin, dass die Gnade Allahs eine von IHM als Agierenden ausgehende Wohltat darstellt und von IHM auch ohne Mitwirken des Menschen, also ohne dass dieser es eigentlich verdient hätte, großzügig gewährt wird, wohingegen der Zorn Allahs durch das jeweils schlechte Handeln des Menschen begründet und hervorgerufen wird, der Mensch also der Agierende und Allah quasi der Reagierende ist und nicht derjenige, der als Erster agiert. Im ersten Fall ist Allah somit wegen SEINER Barmherzigkeit die aktive Kraft und der einzige Grund für SEINE Gnade und im zweiten Fall ist der Mensch wegen seines verwerflichen Tuns die aktive Kraft und der einzige Grund für das Auslösen des Zorns Allahs.

Abschließend sehen wir, dass diese vom Umfang her „kleine“ Sure mit ihren sieben kurzen Versen eine von der Bedeutung und von ihrem Inhalt her sehr „große“ Sure ist, die viel zum intensiven Nachdenken bietet und zum Reflektieren anregt. Ibn Arabi soll einmal gesagt haben, dass derjenige, der jede Rezitation neu versteht, dank Allahs Gnade gewonnen habe, während derjenige, der ohne alles Verstehen rezitiert, verloren ist. Wie wir gesehen haben, gilt dies auch für die kurze Sure mit ihrem Aussagereichtum. Jeder der monotheistischen Muslime ist also aufgerufen, nach immer mehr Verstehen zu streben, um dadurch auf dem geraden Weg fortzuschreiten und dem Ziel näher zu kommen.

Und Allah weiß es am besten!

Salaam
Gunnar :green_heart:

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Frieden Gunnar!

Wieder mal ein sehr gelungener Beitrag, der sich sehr schön liest, veranschaulicht gemacht und leicht verständlich ist!

Eine schöne Kombination aus Praxis (Dienen) und Theorie (Qur’an) ist das wichtige in dieser Dunya.

Mein Lieblingsgebet ist:
„O Allah, leite mich bitte recht und lasse mein Herz nicht mehr von dir abweichen, nachdem du mich rechtgeleitet hast.“

Ich werde für dich beten, möge dich Allah belohnen für deine Mühe!

Salaam

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Friede, Ahmet,

und vielen Dank für dein freundliches Feedback und für dein Gebet für mich! Ich habe vor, mich weiter zu bemühen! :slightly_smiling_face:

Möge Allah dein (schönes) Lieblingsgebet annehmen!

Salaam
Gunnar :green_heart:

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Salam mein lieber Hasan,

dein Beitrag ist sehr schön und beeindruckend. Er hat mich berührt. Möge Allah Dich belohnen und uns allen auf den geraden Weg führen.

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