Beihilfe zu Straftat

Friede alle zusammen!

In Sure 3:28 und 5:51 wird darauf hingewiesen, dass jemand, der den Glauben verinnerlicht hat und sich Juden und/oder Christen zum Walīy (Schutzherr, moralisch/politisch Verbündeter, vertrauter Freund, Helfender, Person mit Autorität) nimmt, zu ihnen gehört.

Eine Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellen könnte, lautet:

Wenn ein Muslim jemanden bei dessen Straftat auf irgendeine Weise unterstützt, sei es finanziell oder durch Anstiften/Planen oder dadurch, dass er während der jeweiligen Tat Schmiere steht oder nach der Tat zu Gunsten des Straftäters schweigt oder bei eventuellen Ermittlungen den Täter beispielsweise durch ein falsches Alibi in Schutz nimmt oder Ähnliches, „gehört“ dieser Muslim dann als Komplize zum Straftäter, will sagen, muss er dann in die Strafverfolgung mit einbezogen werden?

Ich bin der Meinung: Ja, er muss in die Strafverfolgung und Bestrafung mit einbezogen werden.

In diesem Fall taucht aber eine weitere Frage auf:

Wird der Beihilfe Leistende nur für seine Beihilfe bestraft oder auch für die tatsächliche vom Straftäter begangene Straftat? Immerhin wäre ja ohne seine Hilfe die Möglichkeit zum Durchführen der Straftat eventuell gar nicht gegeben gewesen. Die Offenbarungsschriften lehren uns zwar, dass niemand für die Missetat eines Anderen zur Rechenschaft gezogen wird (siehe etwa Hesekiel 18:20 oder Quran 53:38), andererseits könnte man argumentieren, dass durch die Beihilfe die Tat des Anderen zumindest teilweise auch zur eigenen Tat respektive Missetat und Last geworden ist.

Was ist eure Meinung zu diesem Fragenkomplex und wie lauten eure jeweiligen Belege?

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

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Entscheidend ist wie der Tatbeitrag des Dritten zu bewerten ist.


Generell gilt für die Frage der Strafbarkeit (ungeachtet der Religion, Geschlecht usw.) der Beteiligten:

Die Strafbarkeit richtet sich nach dem jeweiligen Strafgesetzbuch, nationales Recht in Dtld. ist StGB, mit der Folge, dass sofern eine Täterschaft (Anstiftung / Beihilfe / mitt. Täterschaft) bejaht werden sollte, diese Person gleich einem Täter bestraft wird vgl. 25-27 StGB), wobei vorsätz. rechtswidrige Tat vorausgesetzt wird. In der Strafzumessung könnten sodann Milderungsgründe Berücksichtigung finden wie bspw. in 27 Abs. 2 StGB.

Die Grenzziehung wann eine mittelbare Täterschaft oder eine bloße Beihilfe bzw. Anstiftung ist nicht immer einfach, hierzu gibt es genauere Grundsätze aus der Rspr. wie der Tatbeitrag in die Wertung genommen wird, mithin wie stark die Beteiligung war. (bei Interesse kann ich hierzu genauere Infos geben; u.a. ist zu fragen, inwieweit der Tatbeitrag eines Dritten zu der Haupttat des Haupttäters wesentlich (Stichwort: Zurechenbarkeit) war → Wertungsfrage)

In Bezugnahme auf 53:38 möchte ich ausführen, dass der Koran auch hier auf das sog. Eigenverantwortlichkeitsprinzip hinweist. Es gibt keine Fürsprache, jeder wird abgegolten nach seiner Tat (im pos. und auch im neg. Sinne). Ausgeschlossen ist damit, dass ein „unbeteiligter“ Dritter in Haftung genommen wird, da dieser kein Tatbeitrag leistet. Sollte ein Tatbeitrag geleistet worden sein (sei es nur bloße psychische Beihilfe, physische Beihilfe, Anstiftung durch Hervorrufen des Tatentschlusses oder als mittelbarer Täter (Stichwort: Handeln als Werkzeug des Täters)) der die Schwelle der Strafbarkeit überschreitet, ist m.E. kein Raum für 53:38, dh es liegt keine Tat nur eines Dritten vor, sondern eine Tat mehrerer Personen, die gemeinsam begangen wurde.

Update 200611, 10:12 Uhr: Einige Ergänzungen

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Selam Leute,
m. E. setzt auch Beihilfe zu einer Straftat einen eigenen, unabhängigen und willentlichen Entschluss voraus und sei es, diese Straftat durch Nichtverhindern zu ermöglichen. Das „irdische“ Strafmaß wird sich natürlich an der Schädlichkeit der ermöglichten Tat orientieren. Die Beihilfe selbst ist aber eine eigene Entscheidung und für diese Entscheidung ist der Beihelfende (? Sagt man das so?) voll und ganz verantwortlich und kann sich nicht auf Verführtsein herausreden. Ich denke, dass die Entscheidung zur Beihilfe von Gott als bewusste Abkehr von Seinen Geboten gewertet und entsprechend geahndet wird.

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Friede Tom

und danke vielmals für deine Stellungnahme! Ich neige auch zu deiner Meinung und halte 3:28 respektive 5:51 für einen hinreichenden Beleg. 53:28 setzt meines Erachtens voraus, dass man in keiner Weise an der Handlung eines Anderen beteiligt ist, weshalb man konsequenterweise auch nicht für die Handlung des Anderen zur Rechenschaft gezogen wird.

Was deine Wortschöpfung „Beihelfender“ betrifft, so gibt es meines Wissens kein deutsches Verb beihelfen, von dem man das Partizip 1 „beihelfend“ bilden könnte. Ich schlage deshalb im Zuge der grammatical correctness vor: Beihilfe Leistender. Aber frei nach Berliner Schnauze würde ick Beihelfender ooch jut finden. :smiley:

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

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Diese Personen werden als sog. Gehilfen bezeichnet, zumindest nach § 27 StGB. Beihilfe Leistender klingt aber genauer :slight_smile:

Ich denke dass aktive Beihilfe zur Straftat genauso schlimm ist wie die Straftat selbst.

Friede, Nico!

Hinsichtlich deiner Ansicht „Ich denke, dass aktive Beihilfe zur Straftat genauso schlimm ist wie die Straftat selbst“ habe ich
doch ernsthafte Zweifel, dass man das so pauschal sagen kann.

Sue hat ja in seinem Beitrag - und wie ich meine zu Recht - auf Folgendes hingewiesen: „Die Grenzziehung, wann eine mittelbare Täterschaft oder eine bloße Beihilfe bzw. Anstiftung vorliegt, ist nicht immer einfach.“

Diese Wertungsfrage unter Berücksichtigung der Zurechenbarkeit dürfte meines Erachtens auch im Zusammenhang mit dem Prinzip der Eigenverantwortlichkeit in 42:30 respektive 53:38 (und übrigens auch in 6:164, 17:15, 35:18 und 39:7) eine wichtige Rolle spielen.

Des Weiteren müsste die Frage beantwortet werden, wer die Hauptlast einer strafbaren Handlung trägt: der passive Täter, sprich der Anstiftende respektive Beihilfe Leistende, oder der aktive Täter, der realiter die Tat ausführt. Denn der eigentliche Urheber ist ja der, der die Tat ersonnen hat und einen Anderen quasi dazu überredet. Ohne diese Urheberschaft hätte der Täter diese Tat eventualiter gar nicht begangen.

Ein weiterer Einwand meiner Wenigkeit gegen deine pauschale These „Ich denke, dass aktive Beihilfe zur Straftat genauso schlimm ist wie die Straftat selbst“ lautet, dass bei einem Tatbestand der Beihilfe zu untersuchen ist, ob diese Beihilfe willentlich und absichtlich vorgenommen wurde oder nur auf Fahrlässigkeit oder sogar auf Unkenntnis beruht.

Vielleicht teilst du uns ja deine Stellungnahme dazu auch mit. :wink:

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

Friede alle zusammen!

Der Vers 53:38 gehört meines Erachtens zu den Versen, die über dessen Bedeutung für dieses Thema hinaus etwas Grundlegendes und im Zusammenhang mit der Verantwortung des Menschen für dessen Handlungen einen äußerst wichtigen Aspekt beleuchten und auch das Prinzip der Erbsünde negieren.

Etwas ist mir bei diesem inhaltsschweren Vers noch zusätzlich aufgefallen, was für diejenigen, die sich mit dem mathematischen Aspekt des Quran beschäftigen, interessant sein könnte: Die Ziffern 5, 3, 3 und 8 ergeben zusammen 19!

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart: