Bittgebete und der Quran

Guten Tag allerseits,
ich stehe gerade im Kontakt mit Gläubigen einer gewissen Religion, die ihren Ursprung in der Shia hat. Nun habe ich heute mit Verblüffung gelesen, Bittgebete an Propheten seinen im Rahmen der Theologie dieser Menschen zulässig. Begründet wird dies folgendermaßen:

  1. Die Natur Gottes ermöglicht sozusagen aufgrund seiner Erhabenheit über alles keine direkte Beziehung zu Ihm.
  2. Daher wurden besondere Menschen geschaffen, die als Vermittler zwischen Gott und der Menschheit fungieren.
  3. Dies geschieht dadurch das die Attribute Gottes, wie Herrlichkeit und das Wort Gottes durch sie in menschlicher Hinsicht wiedergespiegelt werden.
  4. Die Propheten verfügen hierfür über eine doppelte Natur. Sie sind einerseits Menschen, andererseits sei ihr Geist aus der ‚Substanz‘ Gottes selbst geboren.

Durch diesen besonderen Status ihres Geistes besteht nun die Hoffnung oder der Glauben, das jene Propheten Bittgebete aufnehmen und an Gott weiterleiten können, insofern ich das ganze Konzept richtig verstanden habe (was mir in gewisser Weise schwer fällt).

Mein Erstaunen betrifft die Aussage, das dies aus dem Quran ableitbar sein soll. Ich muss dazu sagen, das mir die Aussicht darauf Bittgebete an Propheten zu richten intuitiv ebenso zuwider ist wie Gebete auf Gegenstände, Menschen oder Bauwerke zu fokussieren, möchte mich hiervon aber nicht beschränken lassen sondern versuche die Argumentation sachlich und rational nachzuvollziehen.

Leider kenne ich mich mit dem Quran und der islamischen Theologie nicht genügend aus um die Behauptungen einschätzen zu können. Kennt ihr derartige Theologien (Ibn Arabi und die Spiegelung Gottes in der reinen Seele vielleicht?) und welche Verse des Quran kann man heranziehen um die Angelegenheit zu untersuchen?

Möge Frieden mit Euch sein. Danke für Eure Antworten.

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Friede Mat!

Zu dem von dir genannten Punkt 1 möchte ich Folgendes sagen:

Allah sagt im Quran, dass ER in den Menschen von SEINEM Geist einhaucht (32:9). ER sagt ferner, dass ER dem Menschen nahe ist, sogar näher als dessen Halsschlagader (wie etwa 2:186 oder 50:16). Allein diese Verse weisen meines Erachtens darauf hin, dass es eine direkte Beziehung zwischen Schöpfer und Geschöpf gibt.

Punkt 2:

In 18:110 bestätigt der Prophet Muhammad, dass er ein ganz normaler Mensch wie alle anderen Menschen ist. Sein „Beruf“ sozusagen ist die Prophetenschaft und die bringt es mit sich, dass er als ein Gesandter Allahs den Menschen etwas von Allah übermittelt, was in seiner Eigenschaft als Gesandter auch seine einzige Aufgabe ist (siehe etwa 5:92). Es ist quasi eine Einbahnstraße: Der Gesandte erhält etwas von Allah und gibt dies pflichtgemäß an die Menschen weiter. Dies bedeutet nicht automatisch, dass er etwas von den Menschen an Allah weitergibt oder „vermittelt“.

Zu Punkt 3 kann ich nichts sagen, weil ich nicht sehe, wodurch hiermit eine Vermittlertätigkeit von Propheten zwischen Geschöpf und Schöpfer stattfinden soll.

Zu Punkt 4:

Wo gibt es im Quran einen Beleg dafür, dass Propheten über eine „doppelte Natur“ verfügen? Wie in Punkt 2 erwähnt, war der Prophet Muhammad ein Mensch wie jeder andere Mensch auch. Und was den Geist aus der Substanz Allahs betrifft, so habe ich schon in Punkt 1 darauf hingewiesen, dass dies jeden Menschen betrifft.

Was die Fürbitte von Propheten oder Menschen allgemein bei Allah betrifft, so lernen wir aus dem Quran, dass das „Monopol“ der Fürbitte bei Allah allein liegt, worauf in 2:255 mit der rhetorischen Frage „Wer ist es, der bei IHM Fürbitte einlegt - es sei denn mit SEINER Erlaubnis?“ verwiesen wird. Der Ausgangspunkt für das Einlegen von Fürbitte besteht darin, dass es die Möglichkeit der Fürbitte nur dann gibt, wenn ER eine Fürbitte erlaubt. Und selbst für den Fall, dass Allah jemandem Fürbitte erlaubt, ist etwas Wichtiges zu beachten, nämlich die Beschränkung auf den Personenkreis, für den Fürbitte eingelegt wird (siehe 21:28).

Summa summarum: Eine generelle Fürbittemöglichkeit bei Allah besteht meines Erachtens nicht.

Deine Worte „Ich muss dazu sagen, das mir die Aussicht darauf, Bittgebete an Propheten zu richten, intuitiv ebenso zuwider ist wie Gebete auf Gegenstände, Menschen oder Bauwerke zu fokussieren“ sind übrigens auch meine Worte und spiegeln auch meine Sichtweise wider.

Salaam und Schalom und vielen Dank für dein Unterbreiten dieses Themas!

Gunnar :green_heart:

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Selam,
Beinhaltet die Idee der Fürsprache nicht, dass Gott irgendwie beeinflussbar wäre? Das wäre ja dann mE eine Verneinung der Ewigkeit göttlichen Willens und ist damit schon per se falsch. Oder interpretiere ich da zuviel rein?

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Ich kann hier nichts zu einer islamischen Perspektive beitragen. Nach meiner begrenzten Kenntnis der hebräischen Schriften und christlichen Evangelien ist diese Frage jedoch beantwortbar. Hierzu bedarf es allerdings einiger Axiome zum Verständnis:

  1. Im Judentum, hierin sind sich alle jüdischen Rechtsgelehrten nach meiner Kenntnis einig, ist die direkte Beziehung zu Gott Fundament jedes Glaubens. Begründung findet dies u.a. in direkt geschilderter Erfahrung der Herrlichkeit Gottes durch die hebräischen Stämme auf ihrem Weg zum gelobten Land, da jene nämlich der gesamten Auswanderungsgesellschaft im Rahmen des Kultes differenziert teilhaftig wurde. Dies bedeutet auch, das jede Fürbitte mit Adressierung eines anderen als Gott Idolatie darstellt, was ich nicht begründen brauche, schließlich wird Idolatie, oder im islamischen Kontext ausgedrückt Beigesellung, durch die Weisungen direkt behandelt.

  2. In den Evangelien war konform hierzu grundsätzlich die direkte Inspiration Gottes durch den Heiligen Geist Fundament der christlichen Glaubenserfahrung. Dies geht eindeutig spätestens aus dem Anfang des Johannesevangeliums einher. Der Begriff ‚Christ‘ meinte nach meiner Überzeugung ursprünglich den Bewusstseinszustand einer solchen ‚Salbung‘ in Nachfolge des Christus (siehe Apostelgeschichte). Das die ursprüngliche Bedeutung im Zuge der Kirchenentwicklung durch Mittlerfunktion einer Priesterschaft eingeschränkt und institutionalisiert wurde steht dem prinzipiell nicht entgegen (sonst wäre beispielsweise keine charismatische Bewegung im Katholizismus denkbar).

Was ist nun Fürbitte?
Hierunter versteht man im biblischen Kontext schlicht ein Bitten für andere. Die Aussage im so. genannten Vater-Unser Gebet „und lass uns nicht eintreten in Versuchungen“ ist dementsprechend eine allgemeine Fürbitte, denn sie umfasst alle Gläubigen. Dergleichen ist das Aaronitische Gebet eine Fürbitte, denn es wurde durch einen Priester für einen Gläubigen getätigt:

Ha’shem möge Dich segnen und bewahren,
Ha’Schem möge Dich 'erleuchten¹ und möge Dir wohlgesonnen sein,
Ha’Shem hebe Sein ‚Antlitz‘ zu Dir² und möge Dich in Frieden ‚setzen‘.

¹ Diese Aussage hat einen zutiefst mystischen Sinn.
² Das scheint eine idiomatische Ausdrucksweise zu sein.

Insofern sind nach meiner Meinung Fürbitten an sich kein Problem solange der Adressat Gott ist und die Bitte nicht als Forderung gestellt wird.

Möge Frieden mit Dir sein.

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Aus eigenem Antrieb Gott um etwas Gutes für jemand anderen zu bitten, halte ich auch für unproblematisch und nicht anders als für sich selbst zu bitten. Was mich immer etwas wundert, sind die Aufrufe: macht alle Du’a für mich bzw. für xy. Das klingt so, als ob Gott sich durch die Menge der Fürbitten beeinflussen lassen würde. Vielleicht nehme ich das aber zu wörtlich und eigentlich will die Person nur ihre Sorge teilen.

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Selam an alle.

Der Grundsatz der Gottergebenheit ist in diesem Zhg. eindeutig:

Jede Seele wird für das, was sie verdient hat, abgegolten werden (vgl. 40:17) und keiner wird die Last des anderen tragen können (vgl. 6:164). Es ist außer Gott kein Herr oder Fürsprecher. (vgl. 6:70; 32:4).

Alle Fürbitte gehört nur ihm allein (10:3; 39:44).

Ergänzend noch: Nicht einmal die Gesandten Gottes sind von der göttlichen Rechtsfolge ausgenommen, vgl. 6:15, 10:15, 39:13. Abraham konnte nicht für seinen eigenen Vater Fürbitte einlegen (vgl. 60:4) Noah konnte seinen eigenen Sohn nicht retten (vgl. 11:46).

Siehe auch 2:48 (oder auch 2:123)

2:48 Und hütet euch vor dem Tag, an dem eine Seele einer (anderen) Seele nichts abgelten wird und noch von ihr eine Fürsprache richten wird und noch von ihr eine Ersatzleistung erhalten wird und noch ihnen geholfen wird.

Siehe auch 2:254

2:254 Ihr, die anerkennend seid. Spendet von dem, was wir euch als Versorgung zur Verfügung stellen, bevor der Tag gegeben wird, an dem es keinen Handel, keine Freundschaft und keine Fürsprache gibt. Die Leugner sind die Übeltäter.

Siehe auch Altes Testament: Du aber, bitte nicht für dieses Volk und erhebe weder Flehen noch Gebet für sie und dringe nicht in mich! Denn ich werde nicht auf dich hören. (Jeremia 7, 16)

Der Koran zeigt auf, dass es keine Fürsprache (nicht Fürbitte) gibt, vgl. 2:48; 2:123; 6:51; 6:70; 19:87; 20:109; 21:28; 39:44.

Ergänzend: Die einzige Fürbitte Mohammeds übrigens, auf die im Koran Bezug genommen wird, ist seine Beschwerde über sein Volk, dass der Koran verlassen wurde und er vergöttert wurde, vgl. 25:30.

Zielgerichteter wäre zwischen Fürbitte und Fürsprache zu differenzieren. Ähnlich wie @Mat, ohne dass die „Bitte“ nicht als ein (vermeintliches) Recht beansprucht wird, oder wie @Regine zutreffend feststellt, dass er nicht beeinflussbar ist, was aber nicht ausschließt eigene persönliche Bitten oder auch Sorgen mit ihm zu teilen (in Form der schönen Geduld wie bspw. Jakob, vgl. 12:86. Siehe dazu auch 12:18; 12:83. )

Laut Duden (8., überarbeitete und erweiterte Auflage):

Für|bit|te, die; -, -n [mhd. vürbete, -bitte]: Bitte od. Gebet für jmd. anders: bei jmdm. F. für
jmdn. einlegen.

Für|spra|che, die; -, -n: das Sichverwenden einer Einfluss besitzenden Person bei jmdm. zu dem Zweck, dass die Interessen, Wünsche eines Dritten berücksichtigt werden: auf F. seines Onkels bekam er den Posten.

Mittels dieser Differenzierung wären auch die Verse 12:97; 12:98 nachvollziehbarer:

12:97 Sie sagten: "Unser Vater. Bitte um Vergebung für unsere Sünden. Zweifellos waren wir Verfehlende."

12:98 Er sagte: "Ich werde meinen Herrn um Vergebung für euch bitten. Zweifellos ist er der Vergebende, der gnädig ist."

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