Der Quran - eine detaillierte Darlegung

Friede alle zusammen!

An mehreren Stellen im Quran, als da sind 6:55, 7:32, 7:174, 9:11, 10:24 und 30:28 lesen wir:

نفصّل الآيات

nufaṣṣilu-l-āyāt

„WIR legen die Verse/Zeichen detailliert/ins Einzelne gehend dar.“

In Sure 6:154 heißt es zusätzlich:

وتفصيل لكل شيء

wa tafsīlan li-kulli šai`in

und eine detaillierte Darlegung für jede Sache/alles

und in Sure 12:111

وتفصيل كل شيء

wa tafsīla kulli šai`in

und eine detaillierte Darlegung einer jeden Sache/von allem

und in Sure 17:12 heißt es zusätzlich und noch verstärkend:

وكل شيء فصّلناه تفصيلا

wa kulla šai`in faṣṣalnāhu tafsīlan

„Und alles haben WIR bis ins Einzelne detailliert dargelegt.“

Im Wörterbuch „A Concise Dictionary of Koranic Arabic“ von Arne A. Ambros heißt es beim arabischen Verb فصّل faṣṣala: „to make s.th. distinct in all its details, to set s.th. forth in detail“.

Im Wörterbuch von Lane steht unter تفصيل tafsīl: „[The dissecting, or analyzing, of speech, or language: the explaining distinctly, or in detail: and] the making distinct, clear, plain, manifest, or perspicious.“

Das Wörterbuch Hava erklärt فصّل faṣṣala mit „to narrate a. th. with all its particulars“.

Im Dictionary of Quran von M. G. Farid finden wir unter Bezugnahme auf Sure 12:111 „A detailed exposition of every thing“ und unter Bezugnahme auf Sure 17:12 „We have explained it in detail fully and clearly“.

Hans Wehr gibt unter فصّل faṣṣala „in bestimmte Abschnitte einteilen, gliedern; geordnet, im einzelnen, ausführlich darlegen“ und unter تفصيل tafsīl „ausführliche oder ins Einzelne gehende Darlegung; Ausführlichkeit“ an.

Wir finden im Quran in diesem Zusammenhang zwei Verben, als da sind بيّن baiyana und فصّل faṣṣala. Ersteres bedeutet „etwas erläutern, etwas erklären, etwas deutlich machen“. Letzteres geht jedoch laut den oben angegebenen Quellen darüber hinaus, insofern als es „etwas ins Einzelne gehend darlegen, etwas ausführlich erklären“ und auch „etwas nach Maß anfertigen“ bedeutet. Einige verstehen die beiden arabischen Verben als Synonyme, was sich auch in vielen Übersetzungen widerspiegelt. Was hingegen beispielsweise 12:111 betrifft, so heißt es in der englischen Übersetzung von Mohammad M. Pickthall „detailed explanation“ und bei Yusuf Ali „detailed exposition“. Bei den deutschen Übersetzungen kann ich Adel Theodor Khoury mit „eine ins Einzelne gehende Darlegung aller Dinge“ anbieten.

Ich sehe zwar die Schwierigkeit, dass es Dinge im Quran gibt, die auf den ersten Blick respektive nach menschlichem, begrenztem Begriffs- und Verständnisvermögen nicht als Detail erscheinen. Aber meines Erachtens muss es einen Grund geben, warum Allah an vielen Stellen das Verb بيّن baiyana und an einigen anderen Stellen das Verb فصّل faṣṣala benutzt.

Wenn also Allah beispielsweise in 12:111 im Sinne sagt, dass alles detailliert dargelegt ist, dann verstehe ich das dahingehend, dass mit „alles“ zunächst und primär all das gemeint ist, was wir für unsere Rechtleitung und für das Erlangen von Allahs Zufriedenheit und Wohlgefallen benötigen. Und damit meine ich in erster Linie die muḥkamât-Verse (siehe hierzu meinen gesonderten Artikel). Das heißt, wir brauchen nichts darüber Hinausgehendes an Vorschriften oder Ritualen. Was die mutašābihāt-Verse betrifft, so könnte ich mir vorstellen, dass diese Verse zwar nicht alle historischen und wissenschaftlichen Fakten und Erkenntnisse enthalten, die uns in der heutigen Zeit zur Verfügung stehen, aber im Hinblick darauf, dass es ja auch viele wissenschaftlich nicht ausgebildete „einfache“ Leute gibt, die die im Quran stehenden Informationen durchaus als etwas ins Einzelne Gehende betrachten.

Ich würde mich freuen, von euch zu erfahren, was ihr unter der Aussage, dass alles im Quran detailliert dargelegt ist, versteht. :smiley:

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

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Selam @OASE ,

ich bin in dem gleichen Dilemma wie du letzte Woche (viel zu arbeiten…)

vielen Dank, erstmal für die detaillierten Informationen, dem ich mich zu 100% anschließe.

Wie 12:111 darauf hinweist ist dies eine Sonderung (detaillierte Erläuterung) von allem und Führung und Gnade für ein Volk, das anerkennend ist, so dass alles externe, dazu zählt auch Isrā’īlīyāt Isrā'īlīyāt – Wikipedia m.E. die Gefahr eines ‚Şirk‘ begründen kann.

Beispielhaft in diesem Zhg. ist zB der Begriff ‚Israil‘ und ‚Yakup‘. Nirgends im Koran werden diese Begriffe gleichgesetzt, woher kommt diese Gleichsetzung? Oder Sure 12, bei der ich in den Übersetzungen vielfach feststelle, dass „externe“ Quellen verwendet werden, obwohl gerade das nicht der Grundsatz ist (Sollte Yusuf getötet werden oder nur seine „Männlichkeit“ genommen werden, damit einer seiner Brüder Gesandter wird). Oder Sure 18: Wer ist Dhū l-Qarnain? Alexander der Große? Oder doch ein anderer, der vor im 23. Jhd. v. Chr. gelebt hat und gegen Volksstämme der Ur-Europäer gekämpft hat?

Es läuft immer auf die gleiche Frage hinaus: Reichen uns die Zeichen Gottes oder brauchen wir andere „externe“ Zeichen?

Fest steht für mich:

Die Zeichen des Korans sind davon gekennzeichnet, dass untrennbare Bindungen mit anderen Buchstaben, Wörtern, Sätzen, Passagen und Suren vorhanden sind. Diese Bindungen, die niemand außer dem Mächtigen schaffen kann, formen eine Einheit in der Weise, dass jedes Einzelne davon eine anderes erklärt und eine Bedeutung beimisst in einer einzigartigen, unvergleichlichen Harmonie, so dass nicht angenommen werden kann, dass eine Lücke oder eine Inkonsistenz in einem seiner Zeichen besteht (vgl. 2:23; 4:82; 18:1; 39:28; 67:3; 67:4).


Ergänzend noch: Sehr wichtig ist auch hier wieder die koranische Verwendung des Begriffes ‚Hadis‘: Wann immer der Begriff Hadith für ein anderes Wort als den Koran verwendet wird, wird es ausschließlich in einem negativen Zusammenhang verwendet, vgl. 12:111; 31:6; 33:38; 35:43; 45:6; 52:34; 77:50.

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Friede Sue

und vielen Dank für deine zusätzlichen Anmerkungen, die mich immer wieder motivieren, mich doch am Forum weiter zu beteiligen.

Ein kleiner Hinweis: Am Ende deines Beitrags listest du hinsichtlich der Verwendung des negativen Zusammenhangs von Hadith unter Anderem die Verse 33:38 und 35:43 auf. In diesen beiden Versen wird zwar von Sunna gesprochen, das Wort Hadith wird jedoch hierbei nicht erwähnt. :wink:

Und noch etwas ist mir in diesen beiden Versen aufgefallen (und insofern ist es dufte, dass du die beiden Verse erwähnt hast :smiley:): In 33:38 wird auf die Sunna Allahs hingewiesen und hier steht im Arabischen „سنة الله“, wohingegen in 35:43 von der „Sunna der Ersten/Vorherigen/Vorfahren“ die Rede ist und hierbei das Wort „Sunna“ im Arabischen anders geschrieben steht, nämlich: سنت. Ich denke, dass es hierfür einen Grund gibt. :thinking: Auch derartige Dinge gehören zu den „Details“: „Der Quran - eine detaillierte Darlegung“.

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

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Ich denke, ich bin nicht der Einzige, wenn ich sage, dass wir deine vielen wertvollen Inputs brauchen, ich jedenfalls profitiere sehr davon. Daher bitte weiterhin nach Möglichkeit aktiv sein.

Richtig. Sunna und Hadith sollten getrennt behandelt werden, wobei beide niemals normative Quelle sein können.

Wie du zutreffend feststellst machen die 33:38 und 35:43 u.a. auf die Sunna aufmerksam aufmerksam, wobei in 35:43 auf Gebräuche, Gepflogenheiten, Traditionen der Ersteren hingewiesen wird, und nicht auf die Sunna Allahs. Ähnlich auch in 3:137 oder 8:38, in der insbes. auf eine bevorstehende Katastrophe hingewiesen wird, die schon in der Vergangenheit geschehen ist und in der Zukunft ebenso für diejenigen eintreten wird, die beharrlich die Wahrheit leugnend sind.

Friede Sue und weitere an diesem Thema Interessierte!

Die Wortverbindung „Sunna der Ersten/Vorherigen/Vorfahren“ kommt mehrmals im Quran vor, aber eben teilweise mit der Schreibweise سنت الأولين, nämlich in 8:38 und 35:43, und teilweise mit der Schreibweise سنة الأولين, nämlich in 15:13 und 18:55.

Meine Überlegung geht dahingehend, dass diese unterschiedliche Schreibweise eventualiter etwas mit dem mathematischen System des Quran zu tun hat, das meines Erachtens auch zum Thema „detaillierte Darlegung“ gehört.

Ähnliches findet sich ja etwa in den Suren 7, 19 und 38, wo in 7 und 19 in den am Anfang stehenden Buchstabenverbindungen am Schluss und in 38 allein der Buchstabe ص ṣād (emphatisches s) steht. Die Anzahl aller ص ṣād in diesen drei Suren beträgt 152 (8 x 19!). Die Summe 152 wird aber nur durch eine sprachliche Eigentümlichkeit erreicht. Denn in Sure 7 kommt im Vers 69 das Wort بصطة baṣtaṭan (reichliches Maß) vor, das an dieser Stelle eben mit dem Buchstaben ص ṣād erscheint, während es im „normalen“ arabischen Sprachgebrauch mit dem Buchstaben س sīn (stimmloses s) geschrieben wird.

Vielleicht gibt es nun bei سنت und سنة ein ähnliches mathematisches „Geheimnis“ und vielleicht fühlen sich ja einige Mathematik-im-Quran-Experten (zu denen ich leider nicht gehöre) angesprochen.

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

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Selam nochmals @OASE. Das ist eine eigene Wissenschaft für sich, die leider „übersehen“ wird.

Bei isolierter Betrachtung des 35:43 fällt mir gerade auf, dass dieser Vers der einzige Vers im Koran ist, in dem der Grundbegriff hintereinander dreimal verwendet wird (35:43:15, 35:43:19, 35:43:24). Vielleicht könnte hier ein Anknüpfungspunkt gefunden werden…

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… und noch dazu an allen drei Stellen in der außerhalb des Quran nicht verwandten Schreibweise سنت, und zwar sowohl in Verbindung mit Allah (zweimal) als auch in Verbindung mit den Ersten/Vorherigen/Vorfahren (einmal).

Ja, vielleicht ein Anknüpfungspunkt - aber geknüpft an was? :thinking: