Der Quran und seine Interpretationsvielfalt

DER QURAN UND SEINE INTERPRETATIONSVIELFALT

Friede alle zusammen!

In meinem Artikel „BEGRIFF صلاة SALĀ“ habe ich am Anfang des Teils 1 Folgendes postuliert:

„Wenn man über die Aussagen des Quran nachdenken und sie verstehen respektive interpretieren will, hat man seine Vorgehensweise auf drei Dinge zu fokussieren:

Erstens das Kennenlernen der semantischen Bedeutung der jeweiligen Wörter auf Basis der Wortstämme, insbesondere der ambigen Wörter,

zweitens das Berücksichtigen des Kontextes, in dem das jeweilige Wort vorkommt,

und drittens das Beachten des Geistes des ganzen Quran.

Der Geist des Quran basiert hauptsächlich auf folgenden Prinzipien:

  • Das Streben nach Wissen und Nachdenken und der Vorwurf des Nichtwissens respektive Nichtdenkens wird im Quran an vielen Stellen betont, wie etwa an folgenden Stellen: 4:82, 9:122, 10:101, 20:114, 22:46, 23:68, 35:28-29, 39:9, 86:5. Von daher sollte jeder Mensch im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sich verpflichtet fühlen, seinen ihm von Allah verliehenen gesunden Menschenverstand zu benutzen und entsprechend seinem Intellekt gemäß seinen darauf fußenden Erkenntnissen aus eben diesem Quran zu leben.“

Wenn wir zusätzlich noch berücksichtigen, dass der Quran sich an alle Menschen richtet (siehe etwa 5:48-49, 39:41, 81:27!), dann ergibt sich aus dem Zitierten meinem Verständnis zufolge unter Anderem, dass es bei der Interpretation von Quran-Versen mannigfache Möglichkeiten gibt, den Quran für sich zu verstehen, will sagen, jedes Individuum hat verschiedene geistige und körperliche Fähigkeiten und entsprechend dieser Basis wird es in der Gemeinschaft der von Allah im Quran Angesprochenen zu einer Stelle im Quran zwangsläufig zu verschiedenen Ergebnissen kommen. Dazu trägt auch bei, dass es eine ganze Reihe von arabischen Wörtern gibt, die eine Vielzahl von Bedeutungen aufweisen, so dass es generell vom Kontext abhängt, für welchen Sinn man sich individuell entscheidet. Wichtig ist meines Erachtens hierbei, dass man je nach Kenntnis und Fähigkeit eine sprachliche Analyse vornimmt, die sich an Quellen orientiert, die auf Linguistik spezialisiert sind und das klassische Arabisch berücksichtigen. Hierzu möchte ich nochmals aus meinem oben erwähnten Artikel als Beispiel Folgendes zitieren:

„In den arabischen Wörterbüchern und auch bei diversen Quran-Exegeten findet man unter صلاة Salā in semantischer Hinsicht eine ganze Reihe von Bedeutungen, als da nämlich zusammengefasst sind: „Spezifische Anbetungsform mit in der Scharia festgelegten Zeiten und Ritualen“, „Bitten und demütiges Flehen“, „Bittgebet (دعاء du´āˋ )“, „Bitten um Vergeben“, „Erheben des Intellektes zu Allah“, „Religion“, „Barmherzigkeit“, „Umgeben mit Segnungen“, „Verpflichten zu dem, was Allah verbindlich vorschreibt“, „Hinwendung und Annäherung“, „Festhalten an etwas“, „Mitte des Rückens“ und „dichtes Folgen“. Beispielsweise wird ein Pferd, das in einem Rennen dicht hinter einem führenden Pferd läuft, im Arabischen als مصلي musallī bezeichnet, weil es sich mit seinem Kopf in Höhe der Mitte des Rückens des ersten Pferdes befindet respektive sich diesem hinwendet. Der Exeget Asch-Schaukānī beispielsweise macht in seiner Quran-Exegese einen Unterschied zwischen dem Sprachgebrauch der damaligen Araber und der von Mohammedanern verfassten Scharia dahingehend, dass er zunächst die linguistische Seite beleuchtet und als ursprüngliche Bedeutung „Bittgebet“ sowie „Mitte des Rückens“ und das über مصلي musallī Erwähnte anführt und dann fortfährt: „Was aber die schariatische Bedeutung betrifft, so handelt es sich um das Gebet mit seinen Eckpunkten und Formulierungen […] Die in den Wörterbüchern aufgelistete Bedeutung „Spezifische Anbetungsform mit in der Scharia festgelegten Zeiten und Ritualen“ spricht ja auch aus gutem Grund nicht von „im Quran festgelegten Ritualen“, sondern von „in der Scharia festgelegten Ritualen“, das heißt, Allah nennt im Quran keine Rituale beim Wort Salā, vielmehr finden sich diese Rituale in der sogenannten Scharia, also im von Religionsrechtsgelehrten aus dem Quran und anderen Quellen abgeleiteten und stets zu hinterfragenden religiösen Rechtskodex.“

Ein weiteres Beispiel für die Mannigfaltigkeit der Bedeutungen im Quran bietet Sure 2:2, wo es heißt: لا ريب فيه lā raiba fīhi. Hier gibt es meiner Erkenntnis zufolge drei verschiedene und von der arabischen Grammatik her legitime Möglichkeiten des Interpretierens:

  1. „…, in ihm gibt es keinen Zweifel,…“, nämlich in dem vorher genannten كتاب kitāb (Buch, Schrift).

  2. „…, es gibt keinen Zweifel daran, …“, nämlich daran, dass dieses كتاب kitāb eine Rechtleitung ist.

  3. „…zweifelsohne gibt es in ihm…“ eine Rechtleitung.

Wie schon erwähnt, sind alle drei Möglichkeiten linguistisch gesehen korrekt – und auch intellektuell nachvollziehbar und logisch.

Summa summarum:

Niemand hat das Recht, gegenüber einem Anderen eine von ihm selbst abweichende Interpretation zu verurteilen oder als Unglaube respektive Leugnen der Wahrheit oder gar als Unfug zu klassifizieren, sofern diese Interpretation nicht den oben genannten Voraussetzungen zuwiderläuft. Solange man nicht durch logische und linguistisch begründete Hinweise einen Fehler in der Interpretation des Anderen nachweisen kann, was man ihm auch in freundlicher und sachlicher Weise mitteilen sollte, hat man das islamische Prinzip der Toleranz zu beachten und eventualiter sich selbst und seine eigene Interpretation zu hinterfragen. Ich sage bewusst „eventualiter“, denn wie oben ausgeführt gibt es ja durchaus im Quran für manche Wörter oder Phrasen mehrere legitime Deutungsmöglichkeiten.

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

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Selam
Sehr gut geschrieben und durchdacht, genau so sehe ich das auch. Nicht jeder Mensch hat den selben Intelligenzlevel oder die Möglichkeiten zeitlich, gesundheitlich usw. die arabische Sprache zu studieren, selbst wenn zeigt sich, das man trotzdem zu unterschiedlicher Auslegung kommen kann. Mein für mich richtiger Weg ist, mich so gut und viel wie möglich mit dem Koran zu beschäftigen, indem ich verschiedene deutsch Übersetzungen lese und deren Interpretation am Ende meiner gegenüberstelle und viele Meinungen zu bestimmten Themen anhöre und dem meiner Meinung und Gewissen besten folge. Für den Rest werde ich sGw mich irgendwann vor Allah rechtfertigen müssen, aber ich rechtfertige lieber etwas, das ich selbst entschieden habe anstatt zu sagen " weil der so und so es gesagt hat".
Das sind meine Gedanken und Empfindungen zu Religion und deinem Artikel.

Selam

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Friede Hajridin

und danke vielmals für deinen Einblick in deine Gedankenwelt, der auch meinen Vorstellungen entspricht! Das Bewusstsein der Verantwortung allein vor Allah und das darauf gestützte Denken und Handeln ist ein äußerst wichtiger Aspekt.

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

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Selam @OASE .

Das schönste an einem Sonntagsmorgen ist, wenn mein Tag mit einem so schönen Text beginnen darf, vor allem wenn man ein Tag zuvor die ganztägige (!) Bekanntschaft mit einem Pax von Ikea machen durfte, was nochmals erinnern lässt, dass der eigene Körper nicht mehr der jüngste ist. Umso mehr sollte das eigene Selbst in stetiger Erinnerung sein, dass das Leben auf der Welt nur begrenzt ist, und das, was „danach“ ist, das Wahre ist.


Zu deinem heutigen Text:

In der klassischen juristischen Methodenlehre sind vier elementare Handwerkzeuge, die einen guten Juristen ausmachen bei der Auslegung des Gesetzes, die m.E. gut übertragbar sind für das Verständnis des Korans:

  1. Auslegung nach dem Wortlaut und Grammatik (-> Semantik, Wortwurzel, Grammatik), wobei auch akad. Zusammenhänge nicht unberücksichtigt gelassen werden sollten

  2. Systematische Auslegung (-> andere systematisch zusammenhänge Verse, Inhaltskontrolle des Korans)

  3. Historische Auslegung (-> Geschichtliche Vorgänge, archälogische Befunde und Erkenntnisse bpsw. über das alte Ägypten)

  4. Auslegung nach der ratio legis (=Sinn und Zweck); u.a. auch dazu gehörend: der berühmte Erst-recht-Schluss (argumentum a fortiori), Umkehrschluss (argumentum e contrario) oder auch argumentum a maiore ad minus

Du sagtest:

„Niemand hat das Recht, gegenüber einem Anderen eine von ihm selbst abweichende Interpretation zu verurteilen oder als Unglaube respektive Leugnen der Wahrheit oder gar als Unfug zu klassifizieren, sofern diese Interpretation nicht den oben genannten Voraussetzungen zuwiderläuft.“

So sehe ich das auch, jeder Einzelne kann unter Beachtung der ausgeführten Grundsätze in den Zeichen Gottes (bpsw. in 2:2) möglicherweise über ein anderes Verständnis verfügen, was per se nicht falsch ist und im Übrigen auch sehr bereichernd sein kann. Ich persönlich habe sehr viel über den Koran gelernt, wenn ich mit einem „ümmi“ (türkisch für Ummī) über einzelne Verse aus dem Koran geredet habe, als mit einem Traditionalisten. (Mohammed war ja bekanntlich ein Ummī (al-nabī l-ummī), vielleicht hat das eine Bedeutung für das Verständnis des Korans.)

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Friede Sue,

und das Schönste an jedem Tag ist für mich, wenn ich gleich mehrere inhaltsreiche und sachbezogene und Anregungen enthaltende Feedbacks lesen darf. :smiley: Vielen Dank also für deinen für mich nützlichen Beitrag!

Die von dir genannten vier elementaren Handwerkzeuge der klassischen juristischen Methodenlehre halte auch ich für kompatibel mit der Vorgehensweise bei Quran-Interpretationen, wobei man allerdings beim dritten und vierten besonders vorsichtig sein sollte.

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

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Selam Hajridin,
Leider lerne ich Sprachen nur, wenn ich sie auch jeden Tag sprechen kann. Mit Deutsch und Englisch hat das funktioniert, mit Spanisch und Latein leider nicht (als Sohn eines Lateinlehrers wäre theoretisch in Latein die Chance dagewesen). Mit Arabisch wird das wohl ähnlich sein.
Ich denke aber auch nicht, dass Arabischkenntnisse notwendig sind, um den Koran zu verstehen. Schließlich soll er sich an alle Völker richten. Nur wenige davon sprechen Arabisch aber Gott scheint darin kein Problem gesehen zu haben.
Na ja, und wenn ER schon kein Problem damit hat, darf ich zuversichtlich sein, auch keine Probleme zu haben, auch ohne Arabischkenntnisse SEINEN Willen zu erkennen und zu verstehen.

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Friede Tom,

da bin ich aber ganz anderer Meinung.

Wenn du Quran-Übersetzungen liest, dann verstehst du das, was in dieser Übersetzung steht. Wir haben jedoch schon oft festgestellt, dass Übersetzungen stets mit Vorsicht zu genießen sind, weil es oft Ungenauigkeiten, durch eigene Anschauungen geprägte Interpretationen anstelle von wortgetreuer Übersetzung oder sogar auch Fehler gibt. Du kannst dir also nie sicher sein, ob das, was in der Übersetzung steht, die Intention Allahs darstellt oder lediglich die Intention des Übersetzers, der ja auch nur ein Rezipient ist.

Im Übrigen bin ich der Meinung, dass es gar nicht so schwierig ist, sich Grundkenntnisse des Arabischen anzueignen oder zumindest die Schrift zu lernen, dass man also beispielsweise Wörter aus dem Quran von den Buchstaben her identifizieren und deren Bedeutung dann in Wörterbüchern ausfindig machen kann. Man muss sich ja nicht gleich zum fließend Arabisch Sprechenden entwickeln.

Aus der von dir erwähnten Tatsache, dass sich der Quran an alle Völker richtet, könnte man ja vielleicht und eventuell und möglicherweise den Umkehrschluss ziehen, dass dies für diejenigen, die die geistigen Fähigkeiten zum Erlernen einer Fremdsprache haben, die Pflicht zum Erlernen der Sprache des Quran beinhaltet, so dass sie den Quran verstehen und aus ihm Wissen schöpfen und dieses Wissen an diejenigen weitergeben können, die nicht die geistigen Fähigkeiten zum Erlernen einer Fremdsprache haben. SELA! :smiley:

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

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Friede alle zusammen!

Wenn man wie erwähnt im Quran auf Wörter stößt, die semantisch betrachtet viele Bedeutungsmöglichkeiten eröffnen und derer es nicht wenige gibt, respektive auf gleiche Wörter im Quran an mehreren Stellen, dann erhebt sich die Frage, wie man vorgehen soll, um die jeweils „richtige“ Bedeutung für die jeweilige Stelle festzustellen.

Die meisten Wörter in der arabischen Sprache sind auf drei sogenannte Wurzelkonsonanten, auch Radikale genannt, zurückzuführen und geben eine oder mehrere Grundbedeutungen an, für die man in der Regel einen Oberbegriff finden kann, der den diversen Bedeutungen gemein ist. Durch das Hinzufügen von Affixen ergeben sich dann weitere Bedeutungsvarianten. Dieses System kennen wir in ähnlicher Form im Deutschen auch. Wir haben etwa das Grundwort „kommen“ mit seiner bekannten Grundbedeutung, und wenn wir Suffixe hinzufügen, ergeben sich noch weitere Bedeutungen, wie beispielsweise ankommen, vorkommen, zukommen usw.

Grundsätzlich gilt für den Quran, dass sich Bedeutungen eines Wortes aus dem Kontext im Umfeld des betreffenden Wortes ergeben oder dass der Sinn aus dem Vorkommen dieses Wortes an ganz anderen Stellen im Quran ermittelt werden kann.

Wir finden zum Beispiel des Öfteren im Quran das Wort كتاب kitāb „Buch“, das auf das dreiradikalige Verb كتب kataba „schreiben, abfassen; vorschreiben“ zurückzuführen ist. Somit können wir hinsichtlich des Substantivs كتاب kitāb als Oberbegriff sagen, dass es sich um etwas handelt, was niedergeschrieben ist und möglicherweise auch Vorgeschriebenes enthält. Das trifft dann hinsichtlich des Vorkommens an den verschiedenen Stellen im Quran und hinsichtlich des jeweiligen Kontextes auf mehrere Interpretationen zu, als da etwa sind Offenbarungsschrift, Tora oder Quran.

Weitere Beispiele beabsichtige ich, in den nächsten Tagen zu nennen. Vielleicht kann ja auch der Eine oder Andere im Forum mit etwas an Beispielen oder Anmerkungen zu diesem Thema beitragen. :wink:

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

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Selam @Tom

Nicht ohne Grund sagt der Lehrer des Korans 4x hintereinander in der Sure 54 Folgendes:

54:17 Und Wir haben den Qurʾān ja leicht zum Bedenken gemacht. Aber gibt es jemanden, der bedenkt?

54:22 Und Wir haben den Qurʾān ja leicht zum Bedenken gemacht. Aber gibt es jemanden, der bedenkt?

54:32 Und Wir haben den Qurʾān ja leicht zum Bedenken gemacht. Aber gibt es jemanden, der bedenkt?

54:40 Und Wir haben den Qurʾān ja leicht zum Bedenken gemacht. Aber gibt es jemanden, der bedenkt?

(Bubenheim)

Mit ca. 330 Wörtern kann jeder ca. 70% der Wörter im Koran identifizieren und bereits ein Anfangslevel erreichen den Koran zu verstehen.

In diesem 76 minütigen Video wird diese Methodik dargestellt:

(türkisch-arabisch, aber die Methodik ist entscheidend; in die Linksammlung aufgenommen)

Wichtig ist, dass die Zeichen Gottes (dazu gehört auch der Koran) nur mit den Zeichen Gottes zu verstehen ist, dh frei von Überlieferungen, Rabbis, Priesters und Imams oder sonstigen externen Quellen.

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Selam

Also für den einen oder anderen scheint es einfach zu sein eine Sprache zu erlernen, für den anderen Schlagzeug zu spielen oder sonstiges. Ich bin leider nicht so talentiert, aber, heißt es nicht Allah lehrt den Quran ? Wenn ich mich mit meinen Mitteln bemühe den Koran zu verstehen gehe ich davon aus, das der Allmächtige mir ermöglicht erfolgreich damit zu werden. In dem er mich, selbst durch Übersetzungen und Interpretation einiger, die meinen Weg kreuzen, einiges verstehen lässt.
Im Gegensatz, wenn Allah mich nicht verstehen lassen will ( aus welchem Grund auch immer) wer sollte es mich dann lehren ? Ich denke es kommt auf die eigene Intention an, seine Religion verstehen zu wollen ohne seine eigenen Neigungen einzubringen. Ich meine wenn man schon die falschen Vorstellungen und Neigungen hat wird man auch mit arabisch Kenntnissen, nur das verstehen was man verstehen will. So erklären sich für mich die verschiedenen Sichtweisen und Gruppierungen. Die sind alle mit arabisch Kenntnissen entstanden. Jemand der reinen Herzens den Glauben lernen will wird auch die Möglichkeit erhalten, das glaube ich fest.

Selam

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Richtig. Es ist jedem Selbst überlassen, ob er sich durch den Koran führen lässt oder nicht, ungeachtet der Tatsache, dass aufgrund der Möglichkeiten im Internet sehr schnell heutzutage auf verschiedene Übersetzungen zugreifen kann. Stell dir vor früher, als man bspw. 10 Übersetzungen vergleichend prüfen wollte, hat man mind. 10 x 2 Minuten gebraucht für einen einzelnen Vers. Heutzutage geht es in wenigen Minuten.

Zweifellos ist:

Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er den Weg zum Gott einschlagen will (vgl. 25:57; 80:11; 80:12) oder auch nicht (vgl. 4:115). Wenn jemand das Rechte tut, so tut er es für sich selbst. Und wenn jemand Böses tut, so handelt er gegen sich selbst. Gott ist niemals ungerecht gegen die Menschen (vgl. 41:46; 45:15). Die Abirrung eines Einzelnen ist eine Folge der eigenen Einstellung und Neigung und nicht das Ergebnis einer Prädestination. Siehe auch 4:88.

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Friede alle zusammen!

Ein weiteres Beispiel für die Interpretationsvielfalt im Quran bietet meines Erachtens der Vers 255 der zweiten Sure, weithin bekannt als آية الكرسي āyatu-l-kursīy, was im Deutschen im Allgemeinen als „Thronvers“ wiedergegeben wird und was ich aus Gründen, die ich nachstehend nenne, für verfehlt halte.

Das arabische Substantiv كرسي kursīy hat unter Anderem in der Tat die Bedeutung „Stuhl, Thron, Sitz, Lehrstuhl, Lager (techn.: Kugellager), Sockel“. Die Bedeutung „Lehrstuhl“ weist indes bereits darauf hin, dass mit dem Wort كرسي kursīy nicht nur das konkrete Sitzmöbel gemeint ist. So wird etwa ein ordentlicher Professor, also ein Professor mit Lehrstuhl, im Arabischen أستاذ الكرسي ustāḏu-l-kursīy genannt. Das arabische Wörterbuch لسان العرب Lisānu-l-cArab nennt unter mehreren Bedeutungen sogar als allererste das Wort „Wissen“. Lane erwähnt in seinem Wörterbuch nach Nennung der Bedeutung „Thron“: „It is the place [or seat] of the king, and of the learned man, and hence, as used in the Kur II.256, it is explained as signifying Dominion and the power of God, whereby He holds the heavens and the earth.” Nadwi meint in seinem Vocabulary of Quran in ähnlicher Weise: „كرسي signifies a chair or a seat but when related to God means: His seat or throne, or Dominion, Power and Knowledge.“

Im Wörterbuch Mujam istiqaqy alMuassal lilAlfadh ilQuran ilKareem heißt es im Zusammenhang mit Vers 2:255:

والعرب تسمى أصل كل شيء الكرسي وعليه أن يعبّر عن الملك بالكرسي وقوله بعده „ولا يؤوده حفظهما“ يرجح هذا

„Die Araber nennen den Ursprung von Allem „Al-Kursīy“. Auf der Grundlage dessen beschreibt man die Herrschaft als „Al-Kursīy“. SEINE [Allahs] Worte danach [nach dem Wort „Al-Kursīy“ in 2:255] „ولا يؤوده حفظهما / und nicht ermüdet IHN ihre Bewahrung“ lassen dies als vorzugswürdig erscheinen.“

Muhammad Asad erwähnt in einer Fußnote als Anmerkung zu كرسي kursīy: „Wörtl.: »Sein Sitz (der Macht)«. Manche Kommentatoren (z. B. Zamakhschari) interpretieren dies als »Seine Souveränität« oder »Seine Herrschaft« während andere es verstehen als »Sein Wissen« (siehe Muhammad ‘Abduh in Manar III, 33); Razi neigt der Auffassung zu, dass dieses Wort Gottes Majestät und unbeschreiblichen ewigen Ruhm bezeichnet.“

Wir haben nun also einen konkreten, materiellen Begriff, als da ist der Thron/Stuhl/Sitz (die Bedeutungen des rein technischen Bereichs lasse ich als mir im Zusammenhang mit 2:255 irrelevant erscheinenden von vornherein unbeachtet) und mehrere abstrakte Begriffe, als da sind Wissen, Herrschaft, Macht und Souveränität.

Hinsichtlich des konkreten, materiellen Begriffs verwenden diesen verschiedene Übersetzer, wie etwa Max Henning (Thron), Ahmad von Denffer (Schemel!), Adel Theodor Khoury (Thron), Friedrich Rückert (Richtstuhl) oder Rudi Paret (Thron). Diese Bedeutung wird auch von Quran-Kommentatoren, wie etwa Asch-Schaukāni aufgegriffen; er listet in seiner Quran-Exegese verschiedene Bedeutungen für das Wort كرسي kursīy auf und meint dann, dass in diesem Vers das tatsächliche Sitzmöbel gemeint sei und es gar keinen Grund gebe, von dieser konkreten Bedeutung abzurücken. Als Begründung bezieht er sich auf Hadithe.

Das Wort كرسي kursīy kommt im Quran zweimal vor, einmal im in Rede stehenden Vers 2:255 und einmal in Sure 38:34, wo davon gesprochen wird, dass auf den Thron von Salomo eine Gestalt gesetzt wurde. Hier wird in Verbindung mit Salomo das Wort كرسي kursīy als Sinnbild des Königs Macht verwandt. In Verbindung mit Allah finden wir indes als arabisches Äquivalent für das deutsche Wort „Thron“ als Sinnbild SEINER Macht im Quran stets das Wort عرش ´arš, weshalb es naheliegt, sich darüber Gedanken zu machen, ob in 2:255 für كرسي kursīy nicht eine andere Übersetzung treffender ist. Von der Bedeutung des Wortes كرسي kursīy her bieten sich ja, wie oben schon dargelegt, durchaus diverse Bedeutungen im abstrakten Bereich für deutsche Äquivalente an, als da nämlich sind Wissen, Herrschaft, Macht und Souveränität. All diese Begriffe treffen auf Allah in absolutem und vollkommenem Sinn zu: Allah hat umfassendes Wissen, ist somit allwissend. Allah ist der Herrscher über alles, was ER erschaffen hat und immer noch erschafft und verfügt mithin über grenzenlose Macht, er ist der Allmächtige. Und ER verfügt über Souveränität, sprich, ER hat die Hoheitsrechte über alles Existente und uneingeschränkte Macht und ist dabei vollkommen unabhängig von irgendjemandem oder von irgendetwas und ist Allem überlegen.

Bei einem Wort mit mehreren Bedeutungen, wie also beim Wort كرسي kursīy, hat ein Übersetzer unter Anderem die Möglichkeit, nach einem Oberbegriff zu suchen, der all diese Bedeutungsvarianten einschließt. Ich habe mich unter Anwendung dieser Vorgehensweise dazu entschlossen, das deutsche Äquivalent „Autorität“ zu wählen, denn unter Autorität versteht man den maßgeblichen Einfluss, der sich auf Macht, Können, Urteil und Wissen gründet und allgemein anerkannt wird, also Aspekte, die alle auf den Quran-Begriff كرسي kursīy in Verbindung mit Allah zutreffen, so dass ich entsprechend übersetze: „… SEINE Autorität umfasst die Himmel und die Erde …“.

Diese Interpretation umfasst auch alles, was in diesem Vers von Anfang an über Allah mitgeteilt wird:

Es gibt keine Gottheit außer IHN, Er ist der ewig Lebende, den weder Schlummer noch Schlaf ergreift, SEIN ist, was in den Himmeln und was auf Erden, ohne SEINE Erlaubnis kann niemand Fürbitte einlegen, ER ist derjenige, der alles weiß und SEINE Geschöpfe nur das an Wissen erfassen lässt, was ER will, die Überwachung SEINER Schöpfung belastet IHN nicht und ER ist der Höchste, der Erhabene!

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

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