Die biene im quran


#1

HASAN GUNNAR

DIE BIENE
EIN GESCHÖPF ÄSTHETISCHER VERNUNFT

PROLOG

Allah erwähnt im Quran verschiedene Tiere in unterschiedlichen Zusammenhängen, wie etwa das Weidevieh, die Ameise, die Spinne, den Elefanten oder die Biene, wobei wir die Biene in den zwei folgenden Versen finden (Übersetzung aus dem Arabischen vom Verfasser):

Und es gab dein Herr der Biene ein: „Nimm in den Bergen Wohnstätten und in den Bäumen und in dem, was sie an Bienenstöcken errichten! Alsdann ernähre dich von allen Früchten und ziehe dann die Wege deines Herrn!“ Aus ihren Leibern kommt ein Saft, mannigfach in seinen Arten und Farben. In ihm ist ein Heilmittel für die Menschen. Wahrhaftig! Hierin ist gewiss ein Zeichen für Leute, die nachsinnen!
(Sure 16:68-69)

Die in beiden zitierten Versen enthaltenen Informationen über das Leben der Biene und deren Vorteile für die Menschen sind Grund dafür, dass die Sure 16 den Namen “Die Biene” trägt. Diese Ehrung Allahs gegenüber der Biene wird noch gesteigert durch das Phänomen, dass Allah im Quran zwar viele Tiere erwähnt, die Biene aber das einzige Tier ist, zu dem ER im Quran direkt spricht. Der Biene kommt mithin offensichtlich eine immense Bedeutung zu, was für mich Grund genug sein soll, auf den folgenden Seiten einige Gedanken über dieses Insekt zu Papier zu bringen.

Die Biene linguistisch betrachtet

Im Arabischen heißt Biene „naḥl“. Das arabische Wörterbuch „Lisānu-l-‘Arab“ erwähnt unter dem Stichwort „naḥl“ Folgendes: „Es ist durchaus denkbar, dass die Biene „naḥl“ genannt wird, weil Allah der Hocherhabene den Menschen das Geschenk des Honigs gemacht hat, der aus ihrem Leib hervorkommt.“ Das zu Grunde liegende arabische Verb „naḥala“ bedeutet im Deutschen „beschenken, eine Schenkung machen“.
Auf Grund dieser linguistischen Betrachtung können wir mithin die Feststellung treffen, dass sich der Kreis, der durch die Liebe des Schöpfers gegenüber Seinem Geschöpf Mensch – und zwar in diesem Fall sogar durch ein weiteres Seiner Geschöpfe – begonnen wurde, durch die daraus wiederum resultierende Liebe des Geschöpfes gegenüber dessen Schöpfer – sofern es sich um ein seine Umwelt betrachtendes und gläubiges Geschöpf handelt – harmonisch und in vollendeter Schönheit schließt.
Im Deutschen ist es hinsichtlich des Äquivalents „Biene“ interessant festzustellen, dass es dieses Wort in dieser Form zwar schon im Germanischen gab, die Sprachwissenschaftler jedoch vermuten, dass sich die Germanen vor Respekt und aus Hochachtung vor dem von diesen als „Jagdtier“ bezeichneten und ob dessen Absonderung des Honigsaftes als immens nützlich angesehenen Insekt scheuten, den Namen „Biene“ auszusprechen, um es nicht dadurch abzuschrecken und zu verjagen, und stattdessen leicht abgewandelte Bezeichnungen respektive „tabuistische Entstellungen“ verwandten, wie etwa den Tabunamen «die Bauende»", was auf den kunstvollen, achteckigen Wabenbau zurückführbar ist.
Allein die beiden zitierten linguistischen Beispiele aus der semitischen und aus der von dieser höchst differierenden indogermanischen Sprachfamilie, die wir als Träger auch ganz unterschiedlicher Kulturkreise heranziehen können, zeigen und belegen uns schon deutlich den hohen Stellenwert dieses kleinen Insekts – sowohl bei dessen Schöpfer als auch beim Geschöpf Mensch.

Die Biene im System göttlicher Vernunft

Das nach menschlichen Maßstäben winzige Insekt ist mit einem sehr kunstvollen Körperbau aus den drei Teilen Kopf, Bruststück mit den beiden Flügeln und Hinterleib ausgestattet. Mit einem am unteren Kopfteil befindlichen langen Rüssel ist die Biene in der Lage, als Nahrungsaufnahme Pollen und Nektar aus Blüten zu saugen. Die unfruchtbare sogenannte Arbeitsbiene sammelt Pollen zwecks dessen Verarbeitung in Nahrungsbrei für die Bienenlarven sowie Nektar, den sie im Honigmagen im Hinterleib, in dem sich auch die Giftdrüsen und der Stachel befinden, durch Enzyme in Honig umwandelt. Je nachdem, von welcher Stelle und aus welchen Pflanzenarten der Nektar gesammelt wurde, hat der Honig eine unterschiedliche Farbe – wie es in den eingangs zitierten Quran-Versen durch die Worte „Aus ihren Leibern kommt ein Saft, mannigfach in seinen Arten und Farben“ erwähnt wird. Darüber hinaus befinden sich an der unteren Seite des Bienenleibes Wachsspiegel genannte Drüsen, mittels derer der für die Menschen ebenfalls nützliche Wachs entsteht. Die männlichen Drohnen haben hingegen die Aufgabe der Begattung der Bienenkönigin beim sogenannten Hochzeitsflug und werden nach Erfüllung dieser Aufgabe aus dem Bienenstaat vertrieben. Die Bienenkönigin ihrerseits legt die Eier und sorgt somit für den Fortbestand des Bienenvolkes, wobei sich aus den unbefruchteten Eiern die Drohnen entwickeln. Die Königinnen werden in eigenen Bienenwabenzellen gezogen und erhalten als Nahrung den besonders vitaminreichen Weisel-Futtersaft, der in Allgemeinen mehr unter dem Namen „Gelee royale“ bekannt ist und unter Anderem Eiweiß, Kohlehydrate, B-Vitamine und weitere Spurenelemente enthält – ein weiterer Nutzen auch für den Menschen!
Ein weiterer wichtiger Aspekt wird aus folgenden Quran-Worten ersichtlich: In ihm ist ein Heilmittel für die Menschen. Die moderne Medizin verwendet den verschiedenste Vitamine enthaltenden Honig in der Tat als nützliches Heilmittel sowohl für das Atem- und Verdauungssystem des Menschen als auch bei Hautkrankheiten, Blutarmut und Kopfschmerzen sowie als kräftigendes Aufbaumittel für Genesende und bei der Leberdiät und als Prophylaxe.
Im zweiten Bienen-Vers fordert Allah die Biene auf, sie solle ihre Wege ziehen. Die Wissenschaftler, die das Leben und die Verhaltensweise der Biene erforschen, haben in diesem Zusammenhang eine interessante Entdeckung gemacht: Die Bienen können weite Strecken zu bestimmten Baumarten, Blumen oder Blüten fliegen und ohne Schwierigkeiten in ihre Wohnstätten zurückkehren, wobei es keine Rolle spielt, ob es sich um freies Land, Wälder, Steppen oder Wüsten handelt; dabei können Entfernungen über 15 Kilometer zurückgelegt werden! Wenn die Biene ein für sie ertragreiches Gebiet entdeckt hat, fliegt sie zu ihrem Bienenvolk zurück und informiert die anderen Arbeitsbienen über die neue Nektar- und Pollenquelle durch ganz bestimmte Tanzbewegungen. Liegt das Gebiet in der Nähe, vollführt sie einen kreisförmigen Tanz in Form einer Acht, ist die Quelle weit entfernt, bewegt sie sich wie ein Pendel hin und her. Die Himmelsrichtung gibt sie durch bestimmte Kopfhaltungen an: Ist der Kopf etwa nach oben gerichtet, bedeutet dies, dass die Quelle in Richtung der Sonne liegt.
Alle genannten Aspekte lassen es einleuchtend erscheinen, dass ein derart komplex erschaffenes Tier mit seinem ausgeprägten Sozialverhalten und seinen erstaunlichen Fähigkeiten und Vorzügen kein Zufallsprodukt sein kann, sondern Resultat eines allweisen und vollkommenen Schöpferplanes auf der Basis höchster Präzision und Vernunft, derer nur Allah fähig ist, sein muss. Dieses kleine Insekt verfügt trotz seiner geringen Körpergröße über eine Funktionsvielfalt, die in der Produktion von Honig, Gelee royale, Wachs und Gift zum Ausdruck kommt. Seit Menschengedenken ist es ein wichtiger Nahrungslieferant und „Naturarzt“ für eben diesen Menschen und deshalb in unterschiedlichsten Kulturen ein hoch geschätztes Tier. Scheich Muhammad Al-Ghazali hat in seiner Quran-Exegese Bedeutung und Nutzen der Biene und des Honigs in folgenden Sätzen prägnant zum Ausdruck gebracht (A Thematic Commentary on the Qur´an, 2000:283; Übersetzung aus dem Englischen vom Verfasser): „Über den nahrhaften und medizinischen Wert des Honigs sind Bände verfasst worden. Diese winzigen Insekten sind in der Lage, Nektar aus Blumen und Pflanzen überall zu saugen. Sie bilden Gemeinschaften in subtilen und gut organisierten Königinstaaten oder Kolonien um diese einzigartige und faszinierende Substanz zu produzieren, die den Menschen viele Zeitalter hindurch mit Ernährung, Heilmittel und Genuss versorgt hat.“
Die genau durchdachte Nahrungskette Flora-Fauna-Hominus sowie die subtile soziale Organisation im Bienenstaat hinsichtlich Arbeitsteilung und Sicherung des Fortbestands des Bienenvolkes und der daraus jeweils resultierende Nutzen sowohl für die Biene selbst als auch für den Menschen können uns von einer ästhetischen Vernunft des Schöpfers sprechen lassen, denn es ist leicht zu erkennen, dass der auf Allwissen beruhende Schöpfungsplan unvergleichliche göttliche Ratio mit einer ästhetischen Ausgewogenheit und Harmonie in allem Tun verbindet - zum Ausdruck gebracht in zwei kurzen, aber umfassenden Quran-Versen, was wiederum die rhetorische Ästhetik des Quran unterstreicht! Diese Synthese aus Ästhetik und Vernunft kommt sehr deutlich auch in einem anderen Quran-Vers zum Ausdruck:

DER alles, was ER erschafft, präzise beherrscht …
(Sure 32:7)

Das arabische Verb in diesem Vers lautet „aḥsana“, was zwei Bedeutungskomponenten enthält: Zum einen die Grundbedeutung „schön und gut machen und können“ im ästhetischen Sinne, zum anderen aber eben auch „vollkommen und genau machen, beherrschen, sich auf etwas gut verstehen“ im rationalen Sinne. Beide Bestandteile habe ich versucht, in meiner Übersetzung durch das Äquivalent „präzise beherrschen“ zum Ausdruck zu bringen. Denn unter Präzision können wir Genauigkeit, Feinheit und Detailreichtum sowohl im ästhetischen als auch im rationalen Bereich verstehen.
Abschließend möchte ich als Quintessenz dieser Abhandlung Imam Al-Ghazalis Worte „Wer immer die Welt betrachtet, weil sie Allahs Werk ist, und sie kennt, weil sie Allahs Werk ist, und sie liebt, weil sie Allahs Werk ist, blickt nur auf Allah, kennt nichts außer Allah: Er ist der wahre Einheitsbekenner, der nichts außer Allah sieht“ aufgreifen und in Verbindung mit den beiden Bienenversen im Quran betrachten: Wer allein das kleine, aber immensen Nutzen bringende Insekt Biene und dessen von Allah perfekt geplante sowie präzis und subtil erschaffene Daseinsform und ferner die Organisation dessen Lebensweise betrachtet – weil es zur vollkommenen Schöpfung Allahs gehört – und es kennt und liebt – weil es Allahs vollkommenes Werk ist –, der blickt nur auf Allah und kennt nichts als SEIN absolutes Eins-Sein und Allwissen – ein sich entwickelnder Betrachter durch seine verschiedenen Erkenntnisstufen mit wachsendem Begreifen der Ästhetik der Vernunft in der Schöpfung, der Ästhetik der Rhetorik der sie darstellenden Quran-Verse und der Ästhetik der sie verkündenden Religion sowie mit zunehmendem Leuchten seines inneren Lichtes, bis er das allerstrahlende Urlicht Allahs erkennt und zu ihm gelangt. Deshalb sagt Allah am Ende der beiden Bienen-Verse: Hierin ist gewiss ein Zeichen für Leute, die nachsinnen!
Und Allah weiß es am besten!


#2

Die Waben der Honigbienen sind derart exakt ausgebildet, dass der Astronom und Mathematiker Johannes Kepler (1571 – 1630) den Bienen einen mathematischen Verstand zuschrieb, um ihre Leistung erklären zu können. Inzwischen ist bekannt, dass die Wabenstruktur des regelmäßigen Sechsecks eine Bauweise ist, für die am wenigsten Wachs erforderlich ist.


#3

Vielen Dank für den interessanten Hinweis! Ein Grund mehr, sich um den Schutz der Bienen zu kümmern!


#4

Hinsichtlich des mathematischen Verstandes der Bienen dürfte der folgende Artikel interessant sein:

http://www.scinexx.de/newsletter-wissen-aktuell-22813-2018-06-08.html


#5

https://www.wissenschaft-shop.de/themenwelten/geo-wissen-tier-pflanzenwelten/die-weisheit-der-bienen.html