Die Frage nach einer gottergebenen Erkenntnistheorie

Die Frage nach dem kulturellen Erbe und der Zeitgemäßheit ist zweifelsohne eine komplexe und anspruchsvolle Angelegenheit. Denn es ist wahrlich nicht einfach, angesichts der immensen Menge an Meinungen, Auslegungen und Interpretationen rund um den Koran und das kulturelle islamische Erbe Entscheidungen zu treffen, die Klarheit verschaffen und eine Stütze in der Lebensführung darstellen sollen. So fragt sich manch einer zum Beispiel, an welche Punkte konkret festgemacht werden kann, dass der Koran universell und für alle Zeiten und Orte gültig sein soll, wenn der Koran selbst behauptet:

21:107 „Und Wir haben dich nur als Barmherzigkeit für die Weltenbewohner geschickt.“

Es gibt sicherlich viele Verse des Korans, für die seine Universalität problemlos zutreffend sein kann, wenn z.B. von Gottes Güte, Seine Gerechtigkeit oder davon die Rede ist, dass „jede Seele den Tod kosten wird“ (1). Schwieriger wird es, Gottes unentwegten Aufruf zum Kampf gegen die Beigeseller (2) oder die Bevorzugung der Männer gegenüber Frauen hinsichtlich des Erbes (3) mit dem Aspekt der universellen Gültigkeit des Korans zu vereinbaren, ist man ernsthaft daran interessiert, der koranischen Botschaft gegenüber der Weltbevölkerung ernsthafte Glaubwürdigkeit zu verleihen. Die Antworten, die man hierbei in der Tradition wie auch in den sozialen Netzwerken sucht, fallen gerade in der heutigen Zeit sehr unterschiedlich aus. Denn man muss bedenken, dass es gerade auf Basis von Problemstellungen wie dieser, die scheinbare Schwächen der koranischen Botschaft aufdecken, eine Vielzahl zivilgesellschaftlicher oder politischer Akteure gibt, die auf vielfältige Weise und auf Kosten anderer ihren Nutzen schlagen und sich selbst über die Probleme anderer profilieren. Ebenso gibt es viele Menschen aus unterschiedlichen Teilen der Erde, die aus einem aufrichtigen Glauben heraus sich dazu berufen fühlen, Licht ins Dunkel in diesen Angelegenheiten bringen zu wollen. Jedoch gilt in vielen Fällen, dass das Gegenteil von „gut“ nicht „schlecht“, sondern „gut gemeint“ ist. Was daher für den Einzelnen bleibt, ist nicht selten eine bleibende Unschlüssigkeit aufgrund der Undurchsichtigkeit der Rechercheergebnisse, die man für sich selbst gesammelt hat, und auch aufgrund der vielen rätselhaften Formulierungen, derer sich der Koran bedient. Woher weiß man, wann etwas der Wahrheit entspricht? Wann der Falschheit? Wem kann man in der Hinsicht überhaupt vertrauen, wenn man es selbst nicht besser weiß? Und vor allem: woher weiß man, ob es sich bei scheinbar allgemeingültigen Aussagen um Meinungen, Glaubensausdrücke oder um „echtes“ Wissen han-delt?

Was „Wissen“ in erster Linie kennzeichnet, ist nicht der Wissensinhalt an sich. Wissen ist, anders als „Erkenntnis“, die subjektive Qualität von Überzeugungen eines Subjekts. Wissen verrät daher mehr über den Wissenden als über das Gewusste, indem auf den seelischen bzw. mentalen Zustand des Subjekts rekurriert wird, um festzustellen, inwiefern das von ihm Gewusste in subjektiver oder objektiver Hinsicht zureichend gerechtfertigt ist. Meinungen sind, wenn sie nicht auf eigene Überzeugungen basieren und sie mit der tatsächlichen Lebenswirklichkeit nicht viel gemein haben, in der Beantwortung essenzieller Fragen nicht viel wert. Der Gottergebene, der von Gottes Gerechtigkeit und Seiner Güte überzeugt ist, findet Antworten, die nur beim Gläubigen Gehör finden, wenn sich beide paradigmatisch auf einander ähnliche Anschauungen beziehen. Dies kann für den einzelnen Gläubigen bereits ausreichen. Schließlich teilt er seine Überzeugungen mit Gleichgesinnten, wodurch sein eigenes Leben Sinn und Struktur bekommt. Die Konfrontation mit Nicht-Religiösen oder auch Andersgläubigen macht jedoch ein ständiges, selbstkritisches Bewusstsein notwendig. Daher sind die Antworten des Gläubigen „nur“ subjektiv gerechtfertigt, da es sich um sog. „religiöses Wissen“ handelt, bei dem es keine Garantie für eine tatsächliche Übereinstimmung mit der Lebenswirklichkeit gibt. Ihren objektiven Wahrheitsgehalt zu ermitteln, der sich an der Wirklichkeit bewährt und zu dem auch der Nicht-Religiöse einen Zugang findet, ist umso schwieriger – jedoch nicht unmöglich, wodurch wir wieder zum Anfangsbeispiel gelangen: Inwiefern ist eine objektive Bestätigung von 21:107 möglich? Denn die Gültigkeit einer Universalität schließt auch all diejenigen mit ein, die nicht dasselbe religiöse Wissen teilen.

Anders als „Wissen“ dreht sich (menschliche) „Erkenntnis“ im Wesentlichen um den Wissens- bzw. den Erkenntnisinhalt an sich. Das heißt, es geht um das, was vom Menschen überhaupt gewusst werden kann. Einerseits gibt es daher die Welt mit allem, was in ihr vorgeht und wahrgenommen werden kann, wozu auch das kulturelle Erbe des Islams und der Koran zählt. Andererseits gibt es das erkennende Subjekt selbst, das wahrnimmt, kategorisiert, nachdenkt, Urteile fällt und handelt. Im einem ersten Schritt geht es in der Erkenntnistheorie daher um die Klärung von grundlegenden Begriffen, wie „Wahrheit“ oder „Erkenntnis“, und was eine „Erklärung“, „Wort“, „Begriff“, etc. per Definition ist. Die Beschäftigung mit diesen Basics bietet im Anschluss ein grundlegendes Fundament für weitere Fragestellungen der Erkenntnistheorie, wie die Frage nach dem Ursprung, dem Vermögen, der Leistungsfähigkeit und der Reichweite menschlichen Erkennens, nach der Unabhängigkeit der Lebenswirklichkeit vom erkennenden Subjekt und nach der Beschaffenheit des Erkenntnissubjekts – alles Fragen, die die Menschheit bis heute nicht abschließend klären konnte. Es sind gleichzeitig Fragen, die auf dem ersten Blick höchst philosophisch und abgedroschen klingen, die jedoch im Grunde von essenzieller Bedeutung sind und deren Untersuchung einen enormen Effekt im Umgang mit den Fragen des Hier und Jetzt erzielen kann, da es durchaus die eine oder andere Aussage im Koran geben kann, die aufhorchen lässt.

Sowohl das islamische Erbe wie auch das abendländische Denken hat sich bereits früh dieser Fragestellungen gewidmet und einiges an Ideen und Gedanken hervorgebracht, sodass wir heute von einer lebendigen und kreativen Interaktion mit ihr enorm profitieren können. Nichtsdestotrotz ist es hier das ausdrückliche Bestreben, eine solche Erkenntnistheorie allein aus dem Koran abzuleiten. Ein Buch, was von sich behauptet, für alle Zeiten und Orte gültig zu sein, tut es deshalb, weil es im Koran zu jeder Zeit und an jedem Ort etwas Bedeutsames bezogen auf aktuelle Angelegenheiten in der Welt zu wissen gibt, nicht weil alle Ge- und Verbote in ihm kompromisslos umzusetzen sind. Die Begriffe „Beständigkeit des Textes“ und „Beweglichkeit des Inhalts“ sind bereits genannt worden (4). Das, was aktuell und bedeutsam ist, wird nicht mit den Maßstäben des siebten Jahrhunderts der arabischen Halbinsel und auch nicht mit den Regeln der islamischen Geistesgeschichte, die sich in den ca. zwei Jahrhunderten nach Ableben des Propheten (s) etabliert haben und heute oft als unantastbar gelten, festgelegt, sondern mit allen geeigneten Mitteln, die uns im Hier und Jetzt zur Verfügung stehen. Eine solche Auseinandersetzung mit dem „Heiligen Text“ bringt die Islamizität der Erkenntnis und eine Methodik der wissenschaftlichen Überlegung für jeden Gottergebenen hervor, die ihm Mut und Selbstvertrauen zum Umgang und zur Interaktion mit menschlichem Gedankengut jeder Art unabhängig von der jeweiligen Gesinnung verleiht.

Wahrheit, insbesondere die religiöse, bewährt sich an der Wirklichkeit und das schwierige Unterfangen der Etablierung einer koranischen Erkenntnistheorie kann niemals das Werk eines Einzelnen sein. Genauso wie man sich in den Naturwissenschaften, als gemeinsames Projekt der Menschheit, auf induktivem Wege der (materiellen) Wahrheit nähert, ist es eine gemeinschaftliche, islamische Verantwortung, das, was als religiöse Wahrheit gilt, im Leben des Einzelnen oder in der Gesellschaft durch real stattfindende Vorgänge als Produkt sich gegenseitig beeinflussender Faktoren sichtbar zu machen, damit es von jedem anderen wahrgenommen und anerkannt werden kann. Es handelt sich um einen Prozess, der scheinbare Widersprüche in der islamischen Anschauung aufheben, alle zugehörigen Elemente zu einem zusammenhängenden und greifbaren Ganzes hinzufügen und der aufzeigen soll, was es bedeutet, dass die koranische Botschaft universell und zugleich speziell ist. Die Behauptung von Gottes Existenz, Seine Gerechtigkeit und Seiner Güte macht all dies zwingend notwendig.

Fußnoten:

1 Vgl. 3:185
2 Vgl. 2:191, 9:29
3 Vgl. 4:11
4 Vgl.: „Gehört der Koran zum kulturellen Erbe?“