Die zwei Gesichter des Islam


#1

Vorweg: Ich finde das gut, wie Ihr euch hier aufstellt.

Ich habe aber eine Frage, die als ernsthafte Frage gemeint ist: Ich sehe Euren Islam, wie ihr ihn vertretet und ich sehe den Islam wie er Lebenswirklichkeit in vielen Ländern ist - von Pakistan bis zum Iran und Saudi-Arabien.
Wie verbindet ihr persönlich das? Seht Ihr einen gemeinsamen Islam oder einen von Euch getrennten Islam?


#2

Ich sehe einen gemeinsamen Islam. Ich sehe die Menschen mit ihren Traditionen, die Eingang in die Religion gefunden haben. Das ist in jeder Religion so. Das kann sich auch ändern, wie man am Christentum sieht. Ich kenne aus meiner Jugend noch ein ganz anderes Christentum als das, was wir jetzt sehen. Da gibt es sehr viele negative Beispiele aus der Vergangenheit und auch noch in der Gegenwart. Wir Menschen sind nicht perfekt. Aber wir müssen schauen, dass wir möglichst immer Teil der Veränderung sind. Wenn wir uns von allen abspalten, die andere Ansichten haben, als wir, spalten wir uns von allen anderen ab. Das ist nicht Sinn der Sache und auch im Koran nicht gewollt.


#3

Ich sehe eine gemeinsame Menschheit. In dieser Menschheit gibt es Gutes und Schlechtes, Dominanz und Solidarität, Rücksicht und Gleichgültigkeit. Es gibt Texte, die zum Guten aufrufen (darunter zähle ich den Koran, aber auch andere Texte) und Menschen, die sich bemühen, danach zu leben, was ihnen in unterschiedlichem Maß gelingt. Wie diese Menschen sich selbst bezeichnen, halte ich für nebensächlich.


#4

Na ja, es geht schon nicht nur um andere Ansichten, ein paar Traditionen und negative Beispiele. Es geht um flächendeckende Korruption in diesen Ländern, ein nicht existierendes Rechtssystem, Vetternwirtschaft, übelster Missbrauch von jungen Mädchen und Frauen, Verfolgung und Hinrichtung von Andersgläubigen (auch Muslimen). Das ist schon sehr konkret. Und es geschieht im Namen des Islam, so wird es gesagt.

Höre ich raus, dass Ihr diese Handelnden als schlechte Gläubige ansehen würdet, aber nicht als Ungläubige? Also eine maßvolle Kritik statt klarer Abgrenzung? Nicht im Sinne: Das ist nicht unser Islam, das ist eine Perversion unseres Glaubens. Sondern: Das wird schon werden.


#5

Das, was Du erwähnst, geschieht aber auch in Ländern, die sich nicht als muslimisch bezeichnen (Lateinamerika, China…). Das macht es natürlich nicht besser. Ich würde diese Leute nicht als “wir” ansehen; zu meinem “wir” gehören vielmehr die Menschen aller Glaubensrichtungen (und auch ohne formalen Glauben), die sich gegen diese Zustände einsetzen.

Ob ich die für diese Zustände Verantwortlichen als Ungläubige ansehe? Gute Frage. s gilt ja immer als Konsens, daß man niemandem den Glauben absprechen soll, aber eigentlich verläuft ja genau dort die Grenze zwischen Glaube und Unglaube. Vielleicht ist es das, was Farid Esack meint, wenn er sagt: Die Milde vieler liberaler Muslime ist fehl am Platz:


#6

Das war genau meine Frage. Ich bin jetzt kein Christ, aber als Christ würde ich christliche Geistliche, die sagen wir mal Kampfdrohnen segnen (mindestens) als Ungläubige bezeichnen.

Und nehme wir mal an, ich kritisiere Zustände in islamischen Ländern, die von den beteiligten Geistlichen aus dem Islam hergeleitet werden - fühlen sich dann alle Muslime in ihrem Glauben angegriffen oder ziehen sie eine Grenze zwischen sich und diesen anderen Muslimen?


#7

Ich denke, daß viele Muslime diese Grenze ziehen. Es kommt natürlich auch immer darauf an, ob die Kritik als Kritik an diesen Machthabern oder den sie rechtfertigenen “Gelehrten” geäußert wird oder als “Islamkritik”, also Kritik am Islam an sich. Auf diese Pauschalisierung reagieren viele Muslime empfindlich - zurecht, meine ich.


#8

Hallo Peterdent,

im Koran steht in Sure 2 Vers 256: „In der Religion gibt es keinen Zwang". D.h. dass nach dem Koran zumindest im irdischen Leben es verboten ist Andersgläubige zu bestrafen oder durch Gewalt zu bekehren. Damit erübrigt sich die Kritik im Bezug auf die totalitären “islamischen” Regime.

Was ich jedoch als kritischer betrachte ist der Umgang mit den Andersgläubigen im Islam im Jenseits, was ja anders als das irdische Leben unendlich ist. Z.B.

“Diejenigen, die nicht an unsere Zeichen glauben, die werden Wir im Feuer brennen lassen; Sooft ihre Haut verbrannt ist, geben Wir ihnen eine andere Haut, damit sie die Strafe kosten. Wahrlich, Gott ist Allmächtig, Allweise.” (Quran 4:56)

Der Gott im Islam geht also mit den Andersgläubigen, die nicht an die islamischen Zeichen Glauben, zumindest im Jenseits sehr hart um und erniedrigt sie somit auf extremste Weise. Ich kann mir schon vorstellen, dass viele Islamisten sich diese Verse zum Vorwand nehmen, Andersgläubige unterwürfig zu behandeln, da sie im Jenseits, falls sie als Nicht-Muslime bzw. Nicht-Monotheisten sterben, sowieso ewige Qualen erleiden und in die Hölle kämen.

Edit: Wobei man hier noch genauer definieren müsste, was im eben zitierten Vers “nicht an unsere Zeichen Glauben” gemeint ist. Dass man einfach nicht an den Koran, die Engel etc. glaubt? Oder dass man ein schlechter Mensch ist?


#9

Die geistlichen Verteter dieser ‘Islamischen’ Gottesstaaten sind also als Ungläubige bzw. Frevler anzusehen?


#10

Ja Peterdent, das ist so. Denn diese Gottesstaaten üben ja durch ihre gewalttätigen und blutrünsitgen Taten Zwang auf Andersgläubige aus. Das ist aber im Widerspruch zum Koran (Siehe oben) Von daher handelt es sich offenkundig um Ungläubige/Frevler. Das selbe gilt für alle Terroristen und so weiter und so fort.


#11

Ich habe mal den Ausspruch gehört: “Jeder Muslim ist sein eigener Kalif.” Das habe ich so aufgefasst, dass jeder Muslim letzlich machen kann, was er will, ohne von anderen Muslimen dafür ernsthaft konfrontiert zu werden (z.B. in der Moschee). Der Spruch ist also falsch. Es gibt ein Glaubenssystem, an dem sich jeder messen lassen muss, wenn er vor den anderen als Muslim gelten will.