Eine gläubige Muslima wird gläubige Christin


#1

Wenn ich es recht verstanden habe, dann droht einem Gläubigen, der zum Unglauben wechselt, die ewige Verdammnis. Das setzt aber voraus, dass er sich dem Polytheismus zuwendet bzw. dem Atheismus.

Was aber ist, wenn eine gläubige Muslima eine gläubige Christin wird (also weiterhin an den einen Gott glaubt)?


#2

Du unterscheidest zwischen einer gläubigen Muslima und einer gläubigen Christin. Das ist meiner Meinung nach auch richtig so, denn eine gläubige Muslima glaubt an das Eins-Sein Allahs, während eine gläubige Christin an die Dreieinigkeit, also an eine Vielfalt glaubt, was wir im Arabischen als “Schirk” kennen und eben aus islamischer Sicht Polytheismus bedeutet. Im Katholizismus kommt dann auch noch die Marien-Verehrung hinzu und die Bezeichnung Marias als Gottesmutter, was mit dem absoluten Monotheismus und Glaubensverständnis des Islam ebenso nicht in Einklang zu bringen ist.


#3

So einfach ist das nicht. Sure 5, Vers 46,47.

Und Wir ließen auf ihren Spuren ʿĪsā, den Sohn Maryams, folgen, das zu bestätigen, was von der Thora vor ihm (offenbart) war; und Wir gaben ihm das Evangelium, in dem Rechtleitung und Licht sind, und das zu bestätigen, was von der Thora vor ihm (offenbart) war, und als Rechtleitung und Ermahnung für die Gottesfürchtigen.

Und so sollen die Leute des Evangeliums nach dem walten, was Allah darin herabgesandt hat.

Später heißt es noch:

So wetteifert nach den guten Dingen! Zu Allah wird euer aller Rückkehr sein, und dann wird Er euch kundtun, worüber ihr uneinig zu sein pflegtet.

Es gibt zwar auch andere Stellen, die dem widersprechen (Nehmt euch nicht die Juden und die Christen zu Freunden!), aber hier ist ganz klar gesagt, meine ich, dass eine gläubige Muslima, die eine gläubige Christin im Sinne des Evangeliums wird, keine Abtrünnige oder Frevlerin ist.

Ich gebe zu, das diese Aussage kurze Zeit später aufgehoben wird. Sie steht aber trotzdem erstmal da. Mir ist einfach nicht klar, was nun gilt.


#4

Die Verse 5:46-47 werden hinsichtlich ihrer Bedeutung klarer, wenn man ihr Umfeld mit einbezieht, und zwar von 5:41 bis 5:49. Der Koran bestätigt aus der Thora und aus dem Evangelium das, was ursprünglich in ihnen vorhanden war.

Dass es hinsichtlich der uns heute vorliegenden Bibel “im Verlauf der Überlieferung leider zu vielen Veränderungen der ursprünglichen Texte, sowohl durch Hör- und Lesefehler bei Diktat und Nachschrift als auch durch absichtliche Veränderungen stilistischer und inhaltlicher Art kam”, steht ja sogar im Anhang der sogenannten Einheitsübersetzung der Bibel, die von der Lehrbuchkommission der Deutschen Bischofskonferenz für den Schulgebrauch zugelassen ist. Hier tritt also der Koran quasi als Korrektiv auf, indem er bestätigt, was Allah den Propheten im Laufe der Geschichte wirklich geoffenbart hat, insbesondere dass alle Propheten den reinen Eingottglauben verkündet haben.

Die heutige Lehre des “Christentums” ist im Übrigen ein Produkt langer dogmatischer Kämpfe auf den ökumenischen Synoden bzw. Konzilen. Die auf diesen Konzilen von Menschen gefassten Beschlüsse haben etwa die Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater erst 325 n. Chr. in Nicäa, die Gottheit des Heiligen Geistes erst 381 n. Chr. in Konstantinopel, die Gottesmutterschaft Marias erst 431 n. Chr. in Ephesus und die zwei Naturen in der einen Person Jesu erst 451 n. Chr. in Chalzedon als Ergebnis menschlichen Denkens und Philosophierens hervorgebracht. Deshalb fordert der Koran dazu auf, dass jeder gemäß dem handeln und richten soll, was wirklich von Allah geoffenbart worden ist.

Die von dir zitierte Stelle, dass die Muslime sich die Juden und Christen nicht “zu Freunden” nehmen sollen, womit du wohl 5:51 meinst, möchte ich wie folgt kommentieren: Das von dir mit “Freunde” dargestellte arabische Wort " أوليآء / auliyāʼ" hat sehr viele Bedeutungen und muss jeweils unter Berücksichtigung des Kontextes berücksichtigt werden. Ich halte im Zusammenhang mit 5:51 die Formulierung “Freunde” für weniger glücklich, weil zu allgemein. Ich halte es für plausibel, unter Hinzuziehung von 8:73 das Wort “Verbündete” zu wählen, dass also die Muslime hinsichtlich ihres islamischen Glaubens Verbündete sind und einander Schutz gewähren und die Juden und die Christen hinsichtlich ihres Leugnens des Islams ebenfalls Verbündete sind und einander Schutz gewähren. Unter diesem Aspekt kann man natürlich im weitesten Sinne auch von Freundschaft sprechen.


#5

Ich meine, das ist eine sehr schöne (und Frieden stiftende) Stelle. Besagt sie nicht, dass wir nicht über Andersgläubige urteilen sollten, weil allein Allah das Urteil zusteht?

[Das ist mein Problem mit dem Koran: Da hast du eine schöne, versöhnliche Stelle, die auch im Evangelium stehen könnte, und schon gibt es zig andere Stellen, in denen verdammt, ausgegrenzt und konkret Folter angedroht wird. Das macht den Koran (ohne Forum) fast nicht lesbar.]

Ich sehe aber deinen Punkt, dass das Christentum der Thora später verändert wurde. Meine Frage ist aber: Warum bezieht sich Allah nicht auf das Christentum, das für die Christen maßgeblich ist? Er akzeptiert also ein Christentum, das es nicht gibt, aber das vorhandene Christentum erwähnt er nicht einmal?

Ich sehe aber deinen Punkt. Meine Hoffnung, dass diese gläubige Christin eine Gläubige im Sinne des Islam bleibt (weil nur Allah ein Urteil über sie zusteht), hat sich getrogen. Tja, wäre auch zu schön gewesen. Sie begeht also die schwere Sünde des Abfall vom Islam mit allen himmelsrechtlichen Konsequenzen.


#6

Ich würde an diese Frage pragmatischer, oder vielleicht auch weltlicher, herangehen und mich fragen, warum die Muslima Christin wird. Vielleicht kommt sie aus Iran, Saudi Arabien o.ä. und hat Islam nur als ein System von Repression kennengelernt. Dann kommt ein christlicher Missionar und erzählt ihr, Christentum bedeutet Liebe. Kein Wunder, daß sie die Religion wechselt.
Ich glaube, wer das Prinzip der Einheit Gottes wirklich verstanden hat, wird es nicht aufgeben wollen (und vielleicht Begeisterung für den Propheten Jesus entwickeln, aber deswegen nicht aufhören, Muslim/a zu sein).


#7

Dein Problem mit dem Koran kann ich in dem von dir geschilderten Ausmaß nicht ganz nachvollziehen. Bei den “schönen, versöhnlichen” Stellen handelt es sich nicht um eine Stelle, der “zig andere Stellen, in denen verdammt, ausgegrenzt und konkret Folter angedroht wird”, gegenüberstehen. Allein die Worte Barmherzigkeit, der Allbarmherzige und der Allerbarmer kommen mehrere hundert Mal im Koran vor. Hinzu kommen viele andere “versöhnliche” Stellen, die den Muslim dazu auffordern, mit Anderen in Weisheit und mit schönen Worten zu diskutieren. Hinzu kommen die sehr vielen Verse, die über wissenschaftliche Themen, besonders solche der Astrophysik, sprechen und eine Fundgrube des Wissens sind. Hinzu kommt der wunderschöne Lichtvers. Hinzu kommt… Hinzu kommt… All das macht meines Erachtens den Koran zu einer lesbaren und erhebenden Lektüre. Lies mal den Koran unter diesem Aspekt und du wirst sehen, dass der Koran nicht nur ein lesbares, sondern auch ein für den Menschen höchst nützliches Buch ist! :heart_eyes:

Was nun aber dein Thema der gläubigen Christin betrifft, so meine ich dazu Folgendes: Du hast insofern Recht, dass nur Allah letztlich entscheidet, wie ein Mensch zu beurteilen ist. Im Koran lesen wir: “Allah mutet einer Seele nur deren Leistungsvermögen zu; für sie, was sie erworben, und wider sie, was sie verdient hat.” Hier wird nicht der Muslim im engeren Sinne, sondern der Mensch im weiteren Sinne angesprochen. Man kann davon also verstehen, dass Allah in Seiner vollkommenen Gerechtigkeit und allumfassenden Barmherzigkeit bei jedem Menschen dessen Leistungsfähigkeit berücksichtigt, die in vollem und wahrem Umfang als Schöpfer dieses Menschen nur Er kennt. Die “zig Stellen” im Koran, die von Bestrafung sprechen, sehe ich deshalb als Androhung, als Warnung, und nicht als bereits gefälltes Urteil. Deshalb ist es für mich auch in diesem Zusammenhang zunächst einmal nicht wichtig, ob sich ein Mensch Christ oder Muslim oder Jude oder Buddhist usw. nennt. Es gibt viele Christen, die der Lehre der Kirche und vor allem auch dem Dogma der Trinität kritisch, wenn nicht sogar ablehnend gegenüberstehen. Entscheidend ist also nicht, wie sich jemand nennt, sondern was er in seinem Herzen glaubt.

Das arabische Wort آمن āmana hat ja nicht einfach die allgemeine Bedeutung von glauben, sondern beinhaltet den verinnerlichten Glauben im Herzen. Statt also zwischen Muslimen, Christen, Juden, Buddhisten usw. zu unterscheiden, ziehe ich es vor, zwischen مؤمن mu’min, also dem den absolut monotheistischen Glauben des Islam Verinnerlichenden, und مشرك mušrik, also dem Polytheisten, zu unterscheiden, sofern ich das auf Grund des Verhaltens eines Menschen in meiner Unvollkommenheit und meinem Unterliegen von Fehlern überhaupt beurteilen kann. Und selbst wenn ich zu dem Ergebnis komme, dass jemand kein Monotheist im Sinne des absoluten Eins-Seins Allahs ist, heißt das noch lange nicht, dass Allah ihn bestraft. Denn es kann ja viele Gründe geben, dass jemand kein Monotheist im Sinne des absoluten Eins-Seins Allahs ist, wie etwa mangelnde geistige Fähigkeiten, um die Bedeutung des reinen Monotheismus richtig zu verstehen, oder mangelnde Kenntnisse oder auch, dass Terroristen und Extremisten und Fanatiker, die sich Muslime nennen, Menschen davor abschrecken und davon abhalten, sich mit dem Islam zu beschäftigen. Die Aufgabe eines Muslims, der den islamischen Glauben in seinem Herzen verinnerlicht hat, besteht also nicht darin, Andersgläubige zu verurteilen, sondern bei deren Interesse mit ihnen sachlich und in freundlicher Atmosphäre zu diskutieren.

Wenn mithin eine gläubige Muslima sich als gläubige Christin bezeichnet, dann sollte man sie erst einmal nach ihren Gründen und vor allen Dingen nach ihrem Gottesverständnis hinsichtlich des Monotheismus fragen und versuchen, ihr bei eventuellen Problemen zu helfen.

Und Allah weiß es am besten!


#8

Das Problem ist sicherlich, dass der Koran noch nicht angemessen übersetzt wurde. Luther hat ja nicht nur die Bibel übersetzt, sondern auch die deutsche Sprache begründet. Ein Problem sind sicherlich auch die Ölfunde in den Gebieten des Islam. Was aus dem Islam geworden wäre, ohne dass sich segnend Petrodollars über die Welt verteilt hätte, steht mal dahin. Ich vermute mal, er wäre zugänglicher geworden oder verschwunden. Jedenfalls ist der heutige Islam auch der Islam der Petrodollars. Wer sich Zugang erkaufen kann, muss nicht überzeugen.

Ich gebe aber zu, dass der Koran - noch mehr aber der Islam (also der Koran und seine Gläubigen) - absolut faszinierend ist. Da ist etwas, keine Frage.

Manche Dinge aber sind total antiquiert. Nimm mal den Polytheismus. Wer glaubt heute noch an mehrere Götter? (Und nimm mal bitte nicht den Konsumgott zu Hilfe.) Dann hat Mohammed eine Gesellschaft aus primitivsten Anfängen begründen müssen. Verse, die sich mit Sklaven beschäftigen, sind einfach outdated. Und die Frage der Frauen … letztlich wird sich daran entscheiden, ob es einen Islam ohne Petrodollars geben wird.

Gleichzeitig hat der Islam auch Magie, keine Frage. Es gibt keinen Gott außer Gott. Toll! Letztlich auch die ganze Widersprüchlichkeit und Unzugänglichkeit - was soll’s. Es geht um die eine Wahrheit, von der alles eine Folge ist. Das ist mal eine gründliche Religion!