Ergänzung zum Begriff صلاة SALĀ im Quran

Salāmun alaikum!

Ich habe noch Einiges gefunden, was zu meinem Beitrag „BEGRIFF صلاة SALĀ IM QURAN“ passt:

  1. Zu meiner Ansicht, dass SALĀ linguistisch ursprünglich nicht „rituelles Gebet“ bedeutet, sondern eine „Session“, in der man sich allein oder zusammen mit Anderen mit dem Quran befasst, um das Wort Allahs kennen zu lernen und verstehen zu versuchen, und in der man auch Bitt- und Dankgebete sprechen kann, bin ich auf eine in diesem Zusammenhang interessante Stelle im Alten Testament gestoßen, nämlich das Buch Nehemia, Kapitel 8, Verse 1-8:

Die Unterweisung im Gesetz
Neh 8,1
Das ganze Volk versammelte sich geschlossen auf dem Platz vor dem Wassertor und bat den Schriftgelehrten Esra, das Buch mit dem Gesetz des Mose zu holen, das der Herr den Israeliten vorgeschrieben hat.
Neh 8,2
Am ersten Tag des siebten Monats brachte der Priester Esra das Gesetz vor die Versammlung; zu ihr gehörten die Männer und die Frauen und alle, die das Gesetz verstehen konnten.
Neh 8,3
Vom frühen Morgen bis zum Mittag las Esra auf dem Platz vor dem Wassertor den Männern und Frauen und denen, die es verstehen konnten, das Gesetz vor. Das ganze Volk lauschte auf das Buch des Gesetzes.
Neh 8,4
Der Schriftgelehrte Esra stand auf einer Kanzel aus Holz, die man eigens dafür errichtet hatte. Neben ihm standen rechts Mattitja, Schema, Anaja, Urija, Hilkija und Maaseja und links Pedaja, Mischaël, Malkija, Haschum, Haschbaddana, Secharja und Meschullam.
Neh 8,5
Esra öffnete das Buch vor aller Augen, denn er stand höher als das versammelte Volk. Als er das Buch aufschlug, erhoben sich alle.
Neh 8,6
Dann pries Esra den Herrn, den großen Gott; darauf antworteten alle mit erhobenen Händen: Amen, amen! Sie verneigten sich, warfen sich vor dem Herrn nieder, mit dem Gesicht zur Erde.
Neh 8,7
Die Leviten Jeschua, Bani, Scherebja, Jamin, Akkub, Schabbetai, Hodija, Maaseja, Kelita, Asarja, Josabad, Hanan und Pelaja erklärten dem Volk das Gesetz; die Leute blieben auf ihrem Platz.
Neh 8,8
Man las aus dem Buch, dem Gesetz Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten.
Neh 8,9
Der Statthalter Nehemia, der Priester und Schriftgelehrte Esra und die Leviten, die das Volk unterwiesen, sagten dann zum ganzen Volk: Heute ist ein heiliger Tag zu Ehren des Herrn, eures Gottes. Seid nicht traurig und weint nicht! Alle Leute weinten nämlich, als sie die Worte des Gesetzes hörten.
Neh 8,10
Dann sagte Esra zu ihnen: Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süßen Wein! Schickt auch denen etwas, die selbst nichts haben; denn heute ist ein heiliger Tag zur Ehre des Herrn. Macht euch keine Sorgen; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke.

Was den Vers 8 betrifft, so stelle ich mir vor, dass das auch auf den Gesandten Muhammad und dessen Überbringen der geoffenbarten Worte Allahs passt und ebenso auf die SALĀ-Session, wie wir sie durchführen können: Quran lesen und darüber nachdenken und eventuell Andere um Erklärungen bitten, um das Verstehen einfacher zu machen.
(Gegen ein festliches Mahl hätte ich natürlich auch nichts einzuwenden. :slightly_smiling_face:)

  1. Zum Thema Salātu-l-wustā:
    In Muhammad Asads deutscher Version seiner Quran-Übersetzung steht zum Vers 2:238 in der dazugehörigen Fußnote unter Anderem Folgendes:
    „… Muhammad ´Abduh hingegen bringt die Ansicht vor, es könne bedeuten »die edelste Art des Gebets“ – d. h. in Gebet aus ganzem Herzen, mit dem gesamten geist Gott zugewandt, erfüllt von Ehrfurcht vor Ihm und in Gedanken über Sein Wort« (Manar II, 438) – In Übereinstimmung mit der im gesamten Qur`an vorherrschenden Ordnung folgt auf jeden längeren Abschnitt, der von gesellschaftlichen Gesetzen handelt, nahezu ausnahmslos ein Ruf zum Gottesbewusstsein: und da Gottesbewusstsein seine höchste Entfaltung im Gebet findet, sind hier dieser und der nächste Vers zwischen die Anweisungen eingeschaltet, die sich auf das Eheleben und die Ehescheidung beziehen.“
    Wenn ich das Wort „Gebet“ in Asads Anmerkungen durch „SALĀ-Session“ in dem Sinn, wie ich es in meinem Beitrag „BEGRIFF صلاة SALĀ IM QURAN“ dargelegt habe, ersetze, dann kann ich dem voll zustimmen.

  2. In Muhammad Asads deutscher Version seiner Quran-Übersetzung steht zum Vers 48:29 eine interessante Fußnote, die ich überlegenswert finde: „Das Infinitivnomen sudschud (»Niederwerfung«) steht hier für das zutiefst innerliche Vollziehen des Glaubens, während ihre »Zeichnung« die spirituelle Widerspiegelung dieses Glaubens in der Lebensweise des Gläubigen und sogar seiner äußerlichen Erscheinung bedeutet. Da das »Gesicht« der ausdrucksvollste Teil der Persönlichkeit des Menschen ist, wird es oft im Qurˈan im Sinne von »das ganze Wesen« gebraucht.“ Das kommt dem nahe, was ich in meinem Beitrag über سجود sudschūd geschrieben habe.

Über Feedbacks zu diesen drei zusätzlichen Punkten würde ich mich sehr freuen.

Salaam!

Mir hat mal ein Muslim erklärt, wie die rituellen Gebete seiner Meinung nach entstanden sind. Er meint, da die Menschen damals, zur Zeit von Mohammed, meist nicht lesen konnte und man den Menschen auch keine Schriften mit nach Hause geben konnte, hätten sich die Menschen in den Moscheen versammelt. Dort hätte jemand dann die Texte vorgelesen und die Menschen hätten das dann nachgesprochen. Das hätten sie gemacht, um die Texte auswendig zu lernen. Daraus habe sich dann das Gebet, wie es heute praktiziert wird, entwickelt. Das würde für mich sehr viel Sinn machen. Irgendwann ist einfach ein Ritual daraus geworden und der Ursprung in Vergessenheit geraten.

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Für mich auch! :slightly_smiling_face:

Nur schade, dass es an Belegen mangelt. :pensive:

Dass daraus irgendwann ein Ritual geworden ist, wird nach einer Theorie darauf zurückgeführt, dass die Perser der damaligen Zeit Zoroastrier waren, die fünfmal am Tag ein rituelles Gebet verrichtet haben und zum Islam übertraten und diese ihre Praxis mit der Intention bei den Muslimen einführten, um sich für die Einnahme ihres Landes zu „revanchieren“. Aber auch dafür habe ich keine belastbaren Belege gefunden.

Es ist in diesem Zusammenhang auch erwähnenswert, dass der Urgroßvater von Al-Buchari Zoroastrier war und Imam Muslim ein Perser.

Vielen Dank für das Feedback!

Für mich ist die Erklärung allerdings die einzige logische Erklärung. Wo könnte der Sinn dafür liegen, dass die Menschen in eine Moschee kommen, sich Texte aus dem Koran vorlesen lassen und diese dann wiederholen? Gibt es einen einzigen logischen Grund für eine andere Erklärung? Vielleicht gibt es ja eine, aber ich habe noch keine gehört.

Ja, wenn man SALĀ in einer Gruppe verrichtet, dann entspricht das meiner Vorstellung von SALĀ, dass jemand etwas aus dem Quran vorliest und Andere das nachsprechen und lernen. SALĀ in der Gruppe bedeutet für mich allerdings auch, dass man gemeinsam über etwas im Quran diskutiert und sich austauscht, um auf diese Weise etwas hinzuzulernen und zu einem besseren Verständnis zu gelangen und vielleicht als Nebeneffekt auch seinen Bekannten- und Freundeskreis zu erweitern. Und das war ja besonders in früheren Zeiten der Kommunikation ohne Computer/Smartphone nützlich und sinnvoll.

Für mich ist jedoch besonders in der heutigen Zeit des Kommunikationszeitalters die Regel, dass man SALĀ allein verrichtet - und auch aus dem Grund, dass SALĀ für mich einen persönlichen und intimen Kontakt zwischen Geschöpf und Schöpfer bedeutet, dem ein Alleinsein mit dem Schöpfer dienlich ist.

Das von mir im Eingangs-Thread erwähnte im Buch Nehemia geschilderte Vorgehen bezieht sich demzufolge auf das Gemeinschaftsgebet SALĀTU-L-DSCHUM´A.