Erläuterungen zum licht-vers


#1

DER LICHT-VERS IM QURAN
mit Erläuterungen von Hasan Gunnar

Beim Wort „Licht“ denken wir in der Regel spontan an uns umgebende Helligkeit und Wärme. Licht führt den Organismen auch die zur Erhaltung des Lebens notwendige Strahlungsenergie zu und steuert somit den Temperaturhaushalt auf Erden sowie Entwicklungsvorgänge der Pflanzen, für die Licht Voraussetzung für die Assimilation des Kohlendioxids zum Aufbau organischer Stoffe ist (Fotosynthese).
Semantisch betrachtet zeigt sich, dass das Wort „Licht“ sehr oft über diese Verwendungsmöglichkeiten hinaus im metaphorischen Sinn benutzt und nicht nur als etwas optisch Materielles, sondern auch als etwas Geistiges verstanden werden kann, wie etwa die Wendung wie „jemandem geht ein Licht auf“ (= jemand begreift plötzlich etwas) oder auch ein Begriff aus dem spirituellen Bereich, nämlich der der „Erleuchtung“. Und abschließend soll nicht vergessen werden, dass sowohl die Leser als auch der Verfasser dieser Zeilen ja alle „das Licht der Welt erblickt“ haben.
Die metaphorische Bedeutungsvariante führt uns nun zum naheliegenden Schluss, dass der Begriff auch eine bedeutende Rolle in Religionen spielt, zumal diese ja in geistige Sphären führen.
Das arabische Wort für „Licht“ lautet nūr. Es kommt im Quran als Einzelwort 33 Mal vor, sehr oft in Verbindung mit dem arabischen Wort ẓulumāt „Finsternisse“, wobei auffällt, dass nūr lediglich im Singular vorkommt, ẓulumāt hingegen nur im Plural, und zwar 23 Mal. Für den ausschließlichen Singular-Gebrauch von „Licht“ und den ausschließlichen Plural-Gebrauch „Finsternisse“ könnte es unter anderem auch eine wissenschaftliche Erklärung geben:
Wie bekannt kann man ohne Lichtquelle deren Umgebung nicht mit bloßem Auge sehen. Das Licht jedoch, das zu sehen wir in der Lage sind, ist nur ein winziger Teil des existierenden Frequenzspektrums energiereicher Strahlung. Denn es sind mannigfache Strahlungsformen in Form von unterschiedlich langen Wellenlängen bekannt, die der Mensch nicht sehen kann, die aber dennoch Energie übertragen: Dazu gehören etwa Infrarotstrahlung, ultraviolette Strahlen, Röntgenstrahlung und Radiowellen. Das menschliche Auge ist gegenüber diesen Wellenlängen blind. Diese Wellenlängen bedeuten für den Menschen ergo Finsternisse.
Es gibt indes auch eine metaphorische Erklärung dafür, dass im Quran das Licht nur im Singular und die Finsternisse nur im Plural vorkommen. Denn nūr erscheint im Quran an mehreren Stellen als Sinnbild für den islamischen Glauben respektive dessen Offenbarungsschrift, während ẓulumāt als Metapher für die verschiedenen Möglichkeiten steht, die zum Leugnen des Islam führen. Ein Beispiel hierfür ist der Vers 257 der zweiten Sure:
Allah ist der Schutzfreund derjenigen, die glauben. ER führt sie aus den Finsternissen zum Licht. Und diejenigen, die den Islam leugnen, deren Schutzfreunde sind die Verführer zum Irrtum; sie führen sie aus dem Licht zu den Finsternissen …
Hier wird in verschiedener Hinsicht deutlich, dass der Begriff des Lichts für das Einzelne und Eine steht, insofern als das Licht von Allah dem Einen kommt und zum Licht des einen Islam als der von Allah allein anerkannten Religion führt, während durch die Finsternisse die Vielzahl zum Ausdruck gebracht wird, und zwar in dem Sinne, dass es der Irrtümer und der Verführer zu ihnen viele gibt.
Einige muslimische Exegeten legen das Licht als Rechtleitung der Geschöpfe durch Allah aus, wobei dieses Licht die Herzen der Gläubigen ausfüllt und diesen die Möglichkeit gibt, das Rechte vom Unrechten sowie das Gute vom Bösen zu unterscheiden. In diesem expliziten Sinn erscheint das Wort nūr auch in verschiedenen Versen des Quran, wie etwa im Vers 174 der vierten Sure, in dem es heißt, dass Allah ein klares Licht geoffenbart hat.
Wie der Quran in Sure 3 selbst mitteilt, gibt es in ihm Mutaschābihāt- und Muḥkamāt-Verse, also ambige und eindeutige Verse. Ein Beispiel für Mutaschābihāt-Verse ist der sogenannte „Licht-Vers“, denn in ihm ist von einem Gleichnis die Rede:
Allah ist das Licht der Himmel und der Erde. Das Gleichnis SEINES Lichtes ist wie eine Wandnische, in ihr eine Lampe. Die Lampe ist in einem gläsernen Leuchter. Der gläserne Leuchter ist, als ob es ein funkelnder Stern wäre. Er wird entzündet von einem gesegneten Baum, einem Ölbaum, weder einem östlichen noch einem westlichen, dessen Öl fast Licht verbreitet, auch ohne dass es ein Feuer berührt hätte. Licht über Licht. Allah leitet recht zu SEINEM Licht, wen ER will … (Sure 24:35)
Unter muslimischen gelehrten Persönlichkeiten gibt es zahlreiche Auslegungen zum „Licht-Vers“. So bedeutet nach Ibn Abbās das Licht Allahs SEINE Rechtleitung, nach dem Quran-Exegeten Al-Hasan Al-Basrī (642-728) die von IHM geschaffene Ordnung im Himmel und auf Erden oder SEINE Fürsorge. Ubaij Ibn Kacb meinte, dass in diesem Vers vom Licht Allahs im Herzen der Gläubigen in Manifestation des Erkennens SEINER und des Glaubens an IHN gesprochen wird. Der Ölbaum, der „weder östlich noch westlich“ ist, wird von Hasan Al-Basrī als Baum des Paradieses und von Ibn Abbās als ein Baum auf einer Anhöhe verstanden, der nicht nur von Osten oder Westen, sondern von allen Seiten her mit Sonnenlicht beschienen wird.
Eine ganz andere Erklärung, nämlich eine neuzeitlich wissenschaftliche, könnte sein, dass die Beschreibungen im Vers auf das Licht verweisen, das als Resultat von Kernfusionen in Sternen entsteht. Die Sterne sind überaus heiße, leuchtende, rotierende Gaskugeln, die in großen Mengen Wärme und Licht ausstrahlen. Große Sterne stürzen irgendwann unter ihrer eigenen Schwerkraft in sich zusammen (Gravitationskollaps). Aus diesem Grund werden ihre Zentren immer dichter und heißer. Ist die Materie im Zentrum des Sterns heiß genug geworden, und zwar mindestens 10 Millionen Grad Celsius, beginnt die Kernfusion von selbst. Was innerhalb eines Sterns geschieht, ist die Umwandlung von Wasserstoff in Helium durch Kernfusion; je Gramm gebildeten Heliums wird dabei eine Energie von ca. 170.000 kWh freigesetzt und von der Oberfläche des Sterns in Form von Licht und Wärme abgestrahlt. Die atomare Fusionsreaktion dauert an, bis der gesamte Wasserstoffvorrat des Sterns verbraucht ist.
Da bei der Fusionsreaktion in den Sternen kein Sauerstoff beteiligt ist, entsteht kein übliches Feuer wie bei einem brennenden Stück Holz. Die enorme Temperatur der Sterne ergibt sich nicht aus einem konventionell brennenden Feuer. Der Vers weist auf diese Art des Brennens hin. Wenn wir bedenken, dass im Vers ein Stern, sein Brennstoff und ein Brennen ohne Feuerflammen – nämlich eine Atomreaktion – erwähnt ist, ist es möglich, dass der Vers auf die Entstehung des Lichtes in den Sternen und auf die Art seines Brennens hinweist, wobei in Ergänzung zu verstehen ist, dass Allah als „oberstes Licht“ der allmächtige und ewige Initiator und Beweger dieser Prozesse ist.
Auch zwei bedeutende Vertreter des Sufismus haben sich mit dem Licht-Vers beschäftigt, nämlich Ibn Arabī (1165-1240) und Imam Al-Ghazālī (1058-1111); und mit der Exegese Ibn Arabīs zum Licht-Vers möchte ich beginnen.
Das Gleichnis des Lichtverses interpretiert er folgendermaßen: Die Lampe ist der im Menschen ruhende Geist, von dem Allah im Quran sagt: … und hauchte in ihn von SEINEM Geist ein. Diese Lampe befindet sich in einer Nische, die als der dunkle menschliche Körper erklärt werden kann. Das heißt, jeder Mensch hat in sich etwas vom Geist Allahs in einem Glas, das das menschliche Herz symbolisiert. Dieser im Herzen im dunklen Körper des Menschen befindliche göttliche Geist kann indes nur wie ein Stern leuchten und funkeln und als solcher de facto existieren, wenn er entzündet ist, und zwar durch einen gesegneten Baum, einem Ölbaum. Dieser Ölbaum ist die reine geläuterte Seele, die sich im Menschen nur offenbart, wenn dieser einen festen und starken Glauben hat und dadurch seine Seele wie einen Ölbaum als Brennstoff für den Geist in seinem Herzen benutzt, so dass dieser Geist aktiviert wird und auf diese Weise leuchten und Licht verbreiten und alles um sich herum erleuchten kann.
Wer die Bilder im Vers unter deren äußerem Wortsinn betrachtet und sagt, hier beschreibe Allah die Art SEINES Lichtes, und Ibn Arabīs Exegese deshalb ablehnt und den Vorwurf erhebt, Ibn Arabī habe etwas in den Vers hineininterpretiert und die in der Darstellung verwandten Gegenstände als Metaphern verstanden, obwohl am Anfang des Verses steht, dass es doch Allahs Licht ist, das mit etwas verglichen wird, und nicht das Licht des Geistes im Menschen, was von der Exegese Ibn Arabīs verstanden wird, dem entgegne ich, dass Ibn Arabīs Auffassung nicht dem widerspricht, was der den Einwand Erhebende sagt – insofern nämlich, als Ibn Arabī hier vom Geist des Menschen als einen Teil von Allahs Licht, als etwas von Allah dem Menschen Eingehauchten spricht. Und dass Allah dem Menschen von SEINEM Geist einhaucht, bestätigt ja der Quran ausdrücklich im bereits erwähnten 9. Vers der 32. Sure …und hauchte in ihn von SEINEM Geist ein.
Man kann in Weiterführung der Exegese Ibn Arabīs in Anlehnung an die Darstellung des griechischen Philosophen Aristoteles, der von einem „ewigen Bewegerprinzip“ spricht, und unter Berücksichtigung neuzeitlicher astrophysischer Erkenntnisse, aber auch der Lehre der Energetik, derzufolge alles Sein und Werden auf Energien zurückgeführt werden kann, Allah als eine ewige und damit nie versiegende Energiequelle verstehen, deren Lichtpartikel sich im menschlichen Geist widerspiegeln und manifestieren; die menschliche Seele respektive der menschliche Geist ist also quasi ein Lichtstrahl, der von der ewigen Energiequelle Allah stammt und ausgeht und nach dem Tod des jeweiligen menschlichen Besitzers im Menschen erlischt, weil der Brennstoff in Form des im Gleichnis genannten Ölbaums – nach Ibn Arabī also die Seele – genauso wie der Geist zu Allah zurückkehrt. Eine derartige Sicht mag zunächst eine Hypothese darstellen, die indes zur islamischen Lehre nicht im Widerspruch steht, zumal der Quran konstatiert, dass Allah ganz anders ist als alle Geschöpfe. Gestützt wird diese Aussage, wenn wir die Etymologie des Wortes „Energie“ betrachten und sehen, dass dieser vom griechischen Wort „energeia“ abgeleitete Begriff „wirkende Kraft“ bedeutet. Und für einen gläubigen Muslim steht außer Zweifel, dass Allah als Schöpfer, Herrscher und Beweger des Universums und all dessen, was sich in diesem befindet, die höchste, mächtigste und allein vollkommene Wirkkraft-Entität bildet.
Wer also das Gleichnis auf das Licht Allahs im engeren Sinn bezieht, kann nicht eindeutig widerlegt werden. Und wer das Gleichnis auf das Licht Allahs als Funktion des von Allah dem Menschen eingehauchten Geistes bezieht, kann auch nicht eindeutig widerlegt werden, womit wir bestätigt finden, dass Mutaschābihāt-Verse ambig sind und mehrere Exegesen und somit auch mehrere Exegese-Ergebnisse zulassen.
Ich möchte nun den zweiten Sufisten erwähnen, der sich mit dem „Licht-Vers“ ausführlich beschäftigt hat – so ausführlich, dass er es für notwendig erachtete, einen umfangreichen Traktat über dieses Thema zu schreiben und in diesem seine Gedanken über die Vernunft als selbstständige und kreative sowie über diverse Entwicklungsstufen ausgebildete Fähigkeit darzulegen: Der Traktat hat den Titel Die Nische der Lichter und sein Verfasser heißt Abū Hāmid Muhammad Al-Ghazālī.
Er war stets um geistige Selbstständigkeit und Befreiung von Autoritätsgläubigkeit bemüht und stellte die Maxime auf, dass nur zur Wahrheit findet, wer sie durch sein Denken sucht und sein Denken und Handeln in Übereinstimmung bringt.
Den Begriff des Lichts sieht er als die Quintessenz respektive definitive Lichtquelle im Universum.
Al-Ghazālī beginnt seine Ausführungen in seinem Traktat Die Nische der Lichter mit der Feststellung: „Das wahrhafte Licht ist Allah der Erhabene und die Anwendung des Begriffes »Licht« auf Anderes ist eine reine Metapher und hat keine wahre Bedeutung.“
Er legt dann dar, dass es von der Bildung und vom Verständnisvermögen eines Menschen abhängt, inwieweit er den Begriff des Lichtes in seiner wahren Bedeutung erkennt. Bei den weniger Gebildeten hat das Licht nur etwas mit dem Erkennen durch das Sinnesorgan Auge zu tun, wobei es dunkle Körper gibt, die an sich nicht sichtbar sind, dann leuchtende Körper wie Gestirne oder Feuerglut, die durch sich selbst sichtbar sind, und schließlich selbst sichtbare und Anderes sichtbar machende Dinge wie die Sonne oder loderndes Feuer. Der Begriff „Licht“ wird im Allgemeinen auf die dritte Kategorie angewandt. Das physische Auge ist nun aber hinsichtlich des Erkennens Mängeln ausgesetzt.
Neben diesem physischen, „äußeren“ Auge existiert ein „inneres“ Auge, das man mit Vernunft (arabisch: caql) – diesen Begriff bevorzugt Al-Ghazālī –, Seele oder Geist bezeichnen kann und das ob des Ledigseins der Mängel des physischen Auges eher der Bezeichnung „Licht“ würdig ist. Denn das Auge kann sich selbst nicht sehen, die Vernunft indes begreift ihr eigenes Wissen. Auch ist die Vernunft nicht wie das physische Auge von Entfernungen abhängig, kann im Gegensatz zum physischen Auge Schleier durchdringen und bleibt nicht auf das Äußere beschränkt, sondern erfasst das Innere der Dinge und deren Geheimnisse, wodurch sie auch Sinn, Ursache, Grund und Zweck erschließen kann. Diese Feststellung Al-Ghazālīs ist auch interessant für das Thema der Mutaschābihāt-Verse, denn hier manifestiert sich die Bedeutung der Vernunft im Sinne des inneren Sehens im Hinblick auf die Quran-Exegese: Inneres kann nur durch das innere Auge erkannt werden, das wiederum bei den Menschen in unterschiedlicher Qualität ausgebildet ist. Das bedeutet auch, dass das Sinnesorgan Auge seinen Schöpfer nicht sehen kann, während die Vernunft als inneres Auge Zugang zu Allah finden kann – ganz abgesehen davon, dass schon im Bereich des Sichtbaren die Vernunft im Gegensatz zum physischen Auge die Wahrheit rational erkennen und vieles vom physischen Auge Wahrgenommene als optische Täuschung entlarven kann.
Vielleicht mag man hier folgende Frage stellen: Wenn wir vollkommen zu Recht sagen, dass das menschliche physische Auge erheblichen Wahrnehmungsbeschränkungen unterworfen ist, können wir dann nicht mit gleichem Recht auch der menschlichen Vernunft Erkenntnisgrenzen zuschreiben und postulieren, dass auch menschlichen Überlegungen Fehler unterlaufen und sie zu falschen Einbildungen und resultierend daraus zu irrigen Schlussfolgerungen und Lehrmeinungen kommen können? Al-Ghazāli räumt dies ein, bringt dies indes in Verbindung mit denen, deren Vernunft weniger stark entwickelt ist und sagt dann: „Wenn die Vernunft aber von der Hülle der Wahnvorstellungen und der Fantasie befreit wird, ist es nicht denkbar, dass sie Fehler begeht, sondern sie sieht dann die Dinge so, wie sie sind. Ihre Befreiung davon aber ist sehr schwierig.“ Die Vernunft ist mithin als eine potenzielle Wirklichkeit zu verstehen, die sich stufenweise entwickeln kann und dann zu den – wie Al-Ghazālī sie nennt – „leuchtenden menschlichen Seelen“ zählt.
Dass der Quran sich selbst auch als Licht bezeichnet, kommentiert Al-Ghazālī mit den Worten: „Die Verse des Quran haben für das Auge der Vernunft die gleiche Bedeutung wie das Sonnenlicht für das physische Auge."
Aus den Worten Al-Ghazālīs können wir verstehen und schlussfolgern, dass das höchste Licht Allah als Quelle allen Lichtes ist. ER ist „Licht über Licht“, wie es der Quran im Licht-Vers formuliert. Es gibt kein Licht, das strahlender, intensiver und ergiebiger ist als das Licht Allahs. Al-Ghazālī nennt dieses Licht das „universale Licht“, durch das Dinge mittels der Vernunft sichtbar werden. Ich habe deshalb Allah in meinen obigen Ausführungen „ewige Energiequelle“ genannt. Das aus dieser Quelle stammende Licht ist kein äußeres, visuelles Licht, sondern ein inneres, geistiges. In allem, was man geistig sieht, erblickt man also auch Allah.
Al-Ghazālī leitet nun über zum Licht-Vers und setzt in Hinführung zu ihm seinen Traktat fort mit der Bedeutung des Symbolismus und führt einige Beispiele aus dem Quran an. Sodann stellt er Überlegungen zu den oben erwähnten Stufen der leuchtenden menschlichen Seelen an, mittels deren Erkenntnis die Symbole des Quran erkannt werden können. Seiner Auffassung zufolge gibt es fünf Stufen: Erstens die wahrnehmende Seele, die aus den fünf Sinnen schöpft und bei jedem Menschen von Geburt an vorhanden ist, zweitens die vorstellende Seele, die als Grundlage die gesammelten und gespeicherten Erfahrungen der fünf Sinne verwendet, drittens die vernünftige Seele, die Ideen vermittelt, die über Sinnes- und Vorstellungsvermögen hinausgehen und zu Erkenntnissen führt, viertens die denkende Seele, die die rein rationalen Erkenntnisse aufgreift sowie mittels Schlussfolgerungen Zusammenhänge und Parallelen herstellt, und fünftens schließlich der prophetische Geist der Propheten und einiger Allah Nahestehender. In dieser fünften Stufe hat die leuchtende menschliche Seele ihre Vollkommenheit erreicht und ist jenseits der rein rationalen Vernunft in eine Sphäre vorgedrungen, die ich als intuitive Vernunft bezeichnen möchte, wobei das graduell aufsteigende Leuchten in den einzelnen fünf Stufen immer auf das Licht Allahs als ursprüngliche Energiequelle zurückzuführen ist. Nach diesen geschilderten vorbereitenden Worten erörtert Al-Ghazālī nun die Symbole im Licht-Vers. Er setzt die fünf genannten Seelen in Beziehung zu den fünf genannten Metaphern im Lichtv-Vers, als da sind die Nische, das Glas, die Lampe, der Baum und das Öl.
Die auf der untersten Lichtstufe stehende wahrnehmende Seele bezieht ihr sich manifestierendes Licht aus verschiedenen Körperöffnungen wie Augen, Nase und Ohren als Quelle. Als Sinnbild im Licht-Vers sieht Al-Ghazālī in der Welt der Erscheinung die Nische als eine Maueröffnung.
Der zweiten Art, also der vorstellenden Seele, weist Al-Ghazālī drei Eigenschaften zu: Sie gleicht der uns umgebenden dichten Welt mit ihren von uns vorgestellten Dingen hinsichtlich eines bestimmten Maßes und einer bestimmten Form sowie begrenzter und bestimmter Richtungen. Diese dichten Dinge lassen das rein rationale und von Maß, Form und Richtung gänzlich unabhängige sowie unbegrenzte Licht nicht durchdringen. Die zweite Eigenschaft der vorstellenden Seele besteht darin, dass deren Dichte durch Läuterung, Verfeinerung und Kontrolle graduell auf die Ebene einer Parallelität zu den rationalen Begriffen gestellt und entsprechend immer lichtdurchlässiger und strahlender werden kann. Und die dritte Eigenschaft liegt in der Notwendigkeit der Vorstellung, um durch Kontrollieren rationaler Erkenntnisse diese nicht durcheinander und in unkontrollierte Richtungen geraten zu lassen. Nun zieht Al-Ghazālī den Schluss, dass man in der Erscheinungswelt diese drei Eigenschaften der zweiten Art Seele im Glas findet, das als zweites Symbol im Licht-Vers auftaucht. Und er begründet es damit, dass ja auch das ursprüngliche Material des Glases aus einer dichten Substanz besteht, die aber während ihres Produktionsprozesses gereinigt und verfeinert wurde, so dass das daraus entstandene Glas einerseits Licht hindurch lassen kann und andererseits auch verhindert, dass es durch äußere Einflüsse wie Wind oder heftige Bewegung erlischt.
Was die dritte Art Seele, die vernünftige Seele betrifft, so vermittelt sie laut oben erwähnter Definition Ideen, die über Sinnes- und Vorstellungsvermögen hinausgehen. Ihr Symbol im Licht-Vers ist die Lampe und Al-Ghazālī begnügt sich mit dem Verweis darauf, dass die Propheten leuchtende Lampen sind. Dieser Hinweis wird auch verständlich, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Propheten ja kraft ihres Prophetenamtes die Aufgabe und Pflicht hatten, das von Allah – in Form von Vermittlung der für ein Allah gefälliges Leben notwendigen Informationen und auch in Form von Mitteilung wissenschaftlicher Fakten aus verschiedensten Disziplinen, wie etwa Astrophysik, Medizin oder Geschichte früherer Völker und deren Propheten – geoffenbarte Licht den Menschen zu überbringen und durch dieses Übermitteln einen rationalen, über Sinnes- und Vorstellungsvermögen hinausgehenden Zugang zu entsprechenden Erkenntnissen zu eröffnen.
Hinsichtlich der denkenden Seele als vierter Art Seele, die die rein rationalen Erkenntnisse aufgreift sowie mittels Schlussfolgerungen Zusammenhänge und Parallelen herstellt, meint Al-Ghazālī, dass sie über einen Ursprung verfügt, aus dem sie sich in zwei Zweige und aus diesen wieder in zwei andere so lange aufteilt, bis durch die unzähligen rationalen Aufteilungen die Zweige sich derart gemehrt haben, dass letztendlich Ergebnisse gewonnen werden, die wir als Früchte bezeichnen können, wobei diese Früchte dann wiederum zum Samen für andere ihrer Art werden. Deshalb kann man nach Al-Ghazālī diese Art Seele mit einem Baum vergleichen. Das Besondere bei dieser Seele liegt indes darin, dass sie nicht irgendeinen beliebigen Baum darstellt, sondern einen im Licht-Vers genannten Olivenbaum, der der einzige Baum ist, der Öl liefert, das dann den Brennstoff für die Lampe bildet und im Übrigen auch über die stärkste Leuchtkraft verfügt und den geringsten Rauch hervorruft. Und da – wie oben dargelegt – die rationalen Zweige der denkenden Seele mit ihrem Symbol des Ölbaums frei von Richtungen und Nähe und Entfernung sind, wird der Ölbaum in diesem Vers mit „weder einem östlichen noch einem westlichen“ und ob seiner Besonderheit mit „gesegnet“ beschrieben.
Die letzte Art Seele als der prophetische Geist der Propheten und einiger Allah Nahestehender hat nun nach Al-Ghazālī Auffassung das höchste Niveau an Reinheit erreicht und wird im Licht-Vers als ein Öl beschrieben, das „fast Licht verbreitet, auch ohne dass es ein Feuer berührt hätte“. Im Einzelnen sagt Al-Ghazālī hierzu Folgendes: „Wenn der denkende Geist in das aufgeteilt wird, was des Unterrichts, der Aufmerksamkeit und Unterstützung von außen bedarf, um in den verschiedenen Arten der Erkenntnisse Bestand zu haben, und in einige Zweige, die sich auf einer so hohen Stufe der Reinheit befinden, dass er durch sich selbst und ohne Unterstützung von außen wach ist, so verdient es derjenige Teil, der sich auf der höchsten Stufe der Reinheit und Fähigkeit befindet, mit den Worten beschrieben zu werden «dessen Öl fast Licht verbreitet, auch ohne dass es ein Feuer berührt hätte»“.
Hier möchte ich kurz beim Wort „fast“ verweilen. Im arabischen Quran-Text steht „jakādu", was „es ist fast so“ oder „es ist beinahe so“ bedeutet. Es beinhaltet ergo einen Mangel, denn die Sache, von der gesprochen wird, ist nicht vollkommen, sondern eben nur beinahe vollkommen. Und das ist meiner Auffassung nach ein Hinweis darauf, dass es sich im Licht-Vers nicht um das Licht Allahs an sich handelt, da ja Allah in jeder Hinsicht vollkommen ist. Nachdem wir in den obigen Ausführungen schon von Ibn Al-Arabī eine schlüssige Entgegnung auf den Einwand gehört haben, der Anfang des Verses „Allah ist das Licht der Himmel und der Erde. Das Gleichnis SEINES Lichtes ist wie …“ weise darauf hin, dass der Vers nur und allein vom Licht Allahs spreche, erkennen wir nun auch an der Erklärung Al-Ghazālīs, dass es nahe liegt und ganz und gar legal ist, bei der Exegese dieses Mutaschābihāt-Verses andere Deutungen zu bevorzugen.
Abschließend sagt Al-Ghazālī zum Licht-Vers: „Wenn diese Lichter, nämlich Teile der Seele, nacheinander angeordnet sind, so ist das sinnlich Wahrnehmende das erste und dient der Vorbereitung und Einleitung zum Vorstellenden, denn das Vorstellende kann nur nach ihm vorgestellt werden. Das denkende und vernünftige Licht wiederum folgen diesen beiden. So dient das Glas umso mehr als Ort für die Lampe und die Nische als Ort für das Glas. So ist die Lampe im Glas und das Glas in der Nische. Wenn dies alles Lichter sind, die übereinander stehen, so sind sie am ehesten «Lichter über Lichter».“
Nachdem wir nun die Auslegungen der beiden Sufisten Ibn Al-Arabī und Al-Ghazālī betrachtet haben, erkennen wir im Licht beider Erklärungen, dass sie derselben Denkschule innerhalb der islamischen Denkschulen entstammen und dennoch unterschiedliche Akzente bei ihrer Exegese des Licht-Verses setzen – was erneut ein Beweis dafür ist, dass Mutaschābihāt-Verse zu ganz verschiedenen Betrachtungsweisen und entsprechenden Resultaten führen können. Gleiches haben wir auch bei den physikalischen respektive astrophysikalischen Interpretationen gesehen.
Meinungsvielfalt und -verschiedenheiten kann man durchaus als etwa Positives sehen, denn daraus erkennen wir, dass der Islam ein Lebenssystem darstellt, das die Freiheit der Forschung und das Recht auf freie Meinungsäußerung garantiert, wovon gerade die Quran-Exegese nicht ausgenommen werden darf. Gleichzeitig stellt der Islam mit Nachdruck das Prinzip der Toleranz in den Vordergrund und betont den Aspekt des Friedens – des Friedens mit sich selbst und mit seinen Mitmenschen. Ein interessantes, weil vielfältig interpretierbares Beispiel ist sicher der in diesem Traktat und ferner in mannigfachen Quran-Exegesen erörterte Licht-Vers mit all seinen Beziehungspunkten und mit seinem weiten Umfeld, das uns neben vielen anderen Aspekten auch das Aufstellen der Hypothese erlaubt, dass der Eins-Seiende und allmächtige Schöpfergott Allah als eine ewige und nie versiegende Energiequelle und Essenz des absoluten Lichts verstanden werden kann – Licht über Licht, dessen Partikel sich im erleuchteten Geist des Menschen manifestieren und dessen Funken die Finsternisse der Unwissenheit vertreiben.
Und Allah weiß es am besten!