Gehört der Koran zum kulturellen Erbe?

Wenn wir über das kulturelle, islamische Erbe sprechen, dann stellt sich auch die Frage, ob und inwieweit der Koran selbst zum Erbe dazugehört. Die Beantwortung dieser Frage ist umso wichtiger, insofern sie darüber entscheidet, welchen Stellenwert diese in der Auseinandersetzung mit grundlegenden Fragestellungen besitzt, die den Islam oder auch andere Lebensbereiche, die islamische Inhalte in gewisser Weise tangieren, betreffen. So sind zwei Antworten möglich:

  1. Der Koran mit seinen etwa 600 Seiten, seine 6236 Versen und 114 Suren ist das literarische Werk von Mohammed (s).
  2. Der Koran mit seinen etwa 600 Seiten, seine 6236 Versen und 114 Suren ist dem Wortlaut und dem Inhalt nach eine Eingebung von Gott.

Bei der ersten Antwort gilt der Koran somit als Teil des kulturellen Erbes (1). Mohammed (s) war ein Mensch von vielen in der Geschichte – wenn auch ein sehr erfolgreicher, wie der amerikanische Schriftsteller Michael H. Hart (2) bekundet – und hat durch sein Handeln, insbe-sondere durch die Schaffung des Korans, das islamische Erbe grundlegend geprägt. Eine Annäherung an den Koran ist hier beispielsweise vergleichbar mit einem wissenschaftlichen, nicht bekenntnisgebundenen Vorgehen, gleich dem Studium der Islamwissenschaft oder Orientalistik. Der Fokus liegt hierbei u.a. auf die Analyse der politischen und sozialen Entstehungsbedingungen zum Zeitpunkt der Offenbarung, auf die dynamische Interaktion der Menschen von damals mit dem koranischen Text und auf die Untersuchung der dort verwendeten Sprache. Der Koran gilt hierbei für den Untersuchenden nicht zwangsläufig als für alle Zeiten und Orte gültig, da der Koran oft nicht als Glaubensgrundlage dient und er, als literarisches Produkt seiner Zeit, an seine Entstehungsbedingungen gekoppelt wird – nämlich die des siebten Jahrhunderts auf der arabischen Halbinsel. Hiermit ist jedoch kein kategorischer Ausschluss jeglicher Glaubensansprüche in Bezug auf den Islam zugunsten der Wissenschaftlichkeit gemeint. Nicht selten führt z.B. eine im Rahmen einer rationalen Rekonstruktion der islamischen Weltanschauung durchgeführte Analyse zur Annahme der zweiten Antwort auf die anfangs gestellte Frage.

Wenn die zweite Antwort wahr ist, muss der Koran neben der Voraussetzung des klaren Be-kenntnisses zu Gott, dem Schöpfer, über folgende Eigenschaften verfügen:

a) Gott ist absolut und vollkommen in Seinem Wissen. Auf Ihn trifft das Charakteristikum der Relativität nicht zu. Daher trägt Sein Buch dem Inhalt nach die Eigenschaft der Absolutheit.

b) Da Gott nicht bedürftig ist, Sich Selbst etwas beizubringen oder Sich Selbst rechtzuleiten – denn der Koran kam als Rechtleitung für die Menschen, während Gott Selbst der Allwissende ist –, besitzt das menschliche Verständnis des Korans das Charakteristikum der Relativität.

c) Da menschliches Denkvermögen nicht ohne Sprache vonstattengeht, muss der Koran in einer menschlichen Sprache gestaltet werden. Die sprachliche Gestaltung muss darüber hinaus die Eigenheit besitzen, nach der das göttliche Absolute im Inhalt und das relative, menschliche Verständnis des Inhalts in sich vereint werden. Dies wird als „Beständigkeit des Textes“ und „Beweglichkeit des Inhalts“ bezeichnet. In diesem Fall kann man sagen, dass der Koran von Gott ist, da der Mensch nicht dazu imstande ist, ein ähnliches Werk mit diesen Eigenschaften zu hervorzubringen, und dass der Koran für alle Zeiten und Orte gültig ist.

Vor diesem Hintergrund ist es für den Einzelnen maßgeblich, welche der beiden Antworten überzeugt und auf Basis welches Verständnisses man es mit Inhalten aus dem Koran zu tun bekommt – ob als Gläubiger, als Islamwissenschaftler, als philosophischer Theologe, als Me-taphysiker, ob als Ökonom, Arzt, Sprachwissenschaftler oder Richter. Schnittmengen gibt es, wie wir auch im Folgenden sehen werden, in nahezu jedem Lebensbereich. Daher beschränkt sich die Frage nach dem kulturellen Erbe, insbesondere nach dem Koran, nicht nur auf Anhänger des islamischen Kulturkreises.

Die Auseinandersetzung mit der anfangs gestellten Frage ist gleich der Auseinandersetzung mit dem kulturellen Erbe und all seinen Erscheinungsformen selbst. Darum soll jeder für sich selbst ein Urteil darüber bilden, welchen Stellenwert der Koran seinem Inhalt nach in der Lebenswirklichkeit besitzt. Denn eins sei an dieser Stelle vorab erwähnt: der Koran ist nicht nur eine mögliche Erkenntnisgrundlage neben anderen, wie z.B. die Erfahrung oder der Verstand, sondern auch ein fruchtbarer Boden, auf dem sich die Wissenschaften insgesamt stützen sollte, auch wenn die Wissenschaft oft anderer Meinung ist (3).

Fußnoten:

1 Vgl.: Artikel „Zeitgemäßheit“
2 Vgl.: Michael H. Hart
3 Tetens, Holm: Der Naturalismus: Das metaphysische Vorurteil unserer Zeit? In: Information Philosophie - Holm Tetens: Tetens, Holm: Der Naturalismus: Das metaphysische Vorurteil unserer Zeit?

Frieden Arbi, da ist die Frage, ob man den Islam überhaubt als Kultur sehen kann, oder nur als Religion?
Da die Kultur, die mit dem Islam in Zusammenhang gesehen wird arabisch ist, und eine Synthese bildet. Müsste man Kultur und Religion deffinitiv trennen, da diese Sichtweise viele Probleme mit sich bringt.