Islam, Preußen und Kant


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Islam, Preußen und Kant
Von Hasan Gunnar
Als gebürtiger Preuße möchte ich es nicht versäumen, auf Beziehungen zwischen dem Islam und dem Königreich Preußen hinzuweisen.
Diese Beziehung wird zum Einen in der Toleranz des Preußenkönigs Friedrich II. (1712-1786) gegenüber Andersdenkenden – „Jeder soll nach seiner Façon selig werden“ – und zum Anderen in der durch die Basmala eingeleitete Doktorurkunde (1775) des preußischen Philosophen Immanuel Kant (1724-1804) deutlich.
Professor Dr. Abdoljavad Falaturi kommentiert in seinem Buch Der Islam im Dialog diese Begebenheit wie folgt (von mir gekürzt):
„Die Urkunde, durch welche sich Immanuel Kant 1755 gemäß den damaligen Bestimmungen als Magister der Philosophie habilitiert hat, dokumentiert im Sinne der Begegnung der Religionen und Kulturen etwas sehr Wesentliches: Sie wird eingeleitet mit jenem Koranvers, mit dem jede Sure des Koran, mit Ausnahme der neunten, beginnt und der in Sure 27 und 30 im Koran vorkommt.
Dass dieser Koranvers über der Urkunde Kants zu lesen ist, wird darauf zurückgeführt, dass der (in der Urkunde genannte) Dekan Johann Bernhard Hahn (1685 – 1755) Professor der orientalischen Sprachen gewesen sei. Gegen eine Erklärung, dass der Dekan Orientalist gewesen und deshalb der Vers zufällig und willkürlich Bestandteil der Urkunde geworden ist, sprechen die preußische Genauigkeit und der offizielle Charakter einer solchen akademischen und staatlichen Urkunde. Dieser Charakter schließt Willkür und Zufall als Erklärungsansätze aus. Es muss folglich tiefere Gründe dafür gegeben haben, dass man hier nicht, wie sonst bei anderen Dokumenten der da-maligen Zeit üblich, mit In nomine Jesu beginnt, sondern mit diesem Vers.
Die Tatsache, dass ein solch gewichtiges Dokument durch diesen Koranvers eingeleitet wird, legt offensichtlich Zeugnis ab für die Aufgeschlossenheit des sich von den hemmenden Schranken befreienden Geistes des Zeitalters der Aufklärung, zu dessen eifrigsten Verfechtern der im Dokument genannte Preußenkönig Friedrich der Große gehörte und in dessen Sinne auch der Dekan gehandelt haben soll. Der Geist der Aufklärung – den u. a. auch Kants „Religionen innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ repräsentiert – ist nicht nur durch die Befreiung von den von ihm angelegten Fesseln gekennzeichnet, sondern vor allem durch die Aufnahme fremder Werte, auch der islamischen. Damals kam es noch nicht zu einem gegenseitig befruchtenden, partnerschaftlichen Gespräch. Und dennoch findet man heute noch dort – vor allem in dem eben genannten Werk von Kant – Anhaltspunkte für einen lebendigen Dialog zwischen dem christlichen Abendland und dem islamischen Morgenland.“
Als Beispiel für des Preußenkönigs Toleranz mag sein Edikt vom 22. Juli 1775 dienen, in dem er über die von ihm gewünschte Ansiedlung von Tataren in Preußen spricht und unter anderem sagt: „Ich will ihnen gern erlauben, Moscheen zu bauen und sollen sie allen Schutz genießen.“
Aber zurück zu Immanuel Kant! Zu seinen berühmten Werken gehören die Schriften „Kritik der reinen Vernunft“ und „Kritik der praktischen Vernunft“, wobei hier unter „Kritik" die ursprüngliche Bedeutung des aus dem Griechischen stammenden Wortes gemeint ist, nämlich „unterscheiden, beurteilen“ als Analyse und Überprüfung im weitesten Sinne. Kant geht davon aus, dass wir die Wirklichkeit nur so erkennen, wie sie uns erscheint. Diese Prämisse scheint mir eine sehr wichtige zu sein, zumal sich viele dessen gar nicht bewusst sind respektive nicht darüber reflektieren. Beispiele dafür, dass es Diskrepanzen zwischen unseren Wahrnehmungen und Erkenntnissen einerseits und der Realität andererseits gibt, können in Hülle und Fülle genannt werden: So sehen wir etwa, dass die Sonne jeden Tag von Ost nach West wandert, was sie ja in Wirklichkeit gar nicht tut. Vielmehr dreht sich die Erde um sich selbst und um die Sonne, was wir aber mit unseren Sinnen nicht wahrnehmen. Oder wir sehen den Mond als eine Kugel in Größe eines Fußballs am Himmel, was ebenfalls der Realität zuwiderläuft, denn nach wissenschaftlichen Erkenntnissen hat der Mond einen Diameter von knapp 3.500 km. Im Gegensatz zu den genannten konkreten Wahrnehmungsobjekten hat man sich abstrakte Begriffe wie Raum und Zeit sogar nur als menschliche Anschauungsformen vorzustellen, deren wahre Beschaffenheit und deren wahres Ausmaß nicht zu dem gehören, wie es der menschliche Verstand begreift. Wir wissen etwa aus dem Quran, dass es bei Allah ganz andere Zeitparameter gibt als beim Menschen. Allein bei einer allumfassenden Definition des Begriffes „Zeit“ oder mit diesem verknüpften Begriffen wie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als etwas in unserem Dasein Existierendes dürfte äußerst schwierig, wenn überhaupt möglich sein. Kein menschliches Gehirn vermag schlüssig zu erklären, wie etwas Existierendes keinen Anfang und kein Ende haben kann, wie es etwa beim ewigen Ens Allah der Fall ist. Und auch hinsichtlich des Raumes vermag kein menschliches Gehirn schlüssig zu erklären, ob das Universum Grenzen hat oder nicht, ob es expandiert oder nicht und auf welche aktuellen Ausmaße es sich überhaupt beläuft.
Kant spricht in diesem Zusammenhang von der „reinen Vernunft“, die unter Einbeziehen disziplinierter Selbstkritik nur zum Ordnen empirischen Wissens beiträgt und praktische Ziele setzt, die zur „praktischen Vernunft“ führen, also zur Beantwortung der Frage „Was soll ich tun?“. Auf die islamische Lehre bezogen bedeutet dies: Das Allwissen Allahs und SEIN Kennen des Übersinnlichen (= „reine Vernunft“) stehen dem beschränkten Wissen des Menschen (= „praktische Vernunft“) gegenüber, wobei zu erwähnen ist, dass Allah von seinem Allwissen jedem einzelnen Menschen nur zu soviel Wissen gelangen lässt, wie ER es will.
Mittels der oben dargelegten Überlegungen schlägt Kant mithin vor, hinsichtlich menschlicher Erkenntnis nicht vom Seins-Charakter des Objekts, sondern von den Bedingungen des Subjekts auszugehen. Erst durch die Erkenntnishandlungen als Basis erhalten Dinge per se ihre erkannte Existenz. Ergo wird der Mensch zum Urheber seiner Welt, wie er sie sich mittels seiner Erkenntnisse vorstellt, ohne dadurch im Widerspruch zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu geraten und ohne der Religion respektive dem Glauben deren genuinen Platz in diesem Denkmodell zu verwehren.
Aus dem Axiom des begrenzten menschlichen Wissens folgt für Kant Raum für den Glauben, der indes seinerseits ebenfalls an die Vernunft gekoppelt ist: In seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ spricht Kant im Rahmen seiner philosophischen Religionslehre von der Vernunftreligion. Denn seinen Prämissen zufolge sind die von der Religion konstatierte Unsterblichkeit der Seele und die Existenz eines ewigen Schöpfergottes zwar objektiv respektive wissenschaftlich unbeweisbar, indes notwendige Postulate der Vernunft. Wirklich ethisches Handeln, das auf Kants kategorischem Imperativ – „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ –, also auf einem Handeln aus Pflicht zu basieren hat, ist nur möglich, wenn der Mensch sich selbst als frei verstehen kann. Daraus folgt, dass sich das Handeln des Menschen nicht nur in bloßer Übereinstimmung mit ethischen Regeln befindet, sondern der Mensch sich frei für das ethische Gesetz entscheidet.
Für Kant ist also nur das „wahre Religion“, was durch jeden einzelnen Menschen selbst aus reiner Vernunft heraus nachvollzogen werden kann. Die Offenbarung würdigt Kant zwar in ihrer Bedeutung für den geistigen Fortschritt der Menschheit, betrachtet sie aber als eine zu überwindende Stufe der menschlichen Entwicklung. Der Mensch bedurfte des Offenbarungsglaubens nur so lange, wie er für den vernünftigen („reinen“) Glauben noch nicht mündig genug war.
Diese These ist es meines Erachtens wert, dass sich jeder ernsthaft praktizierende Muslim mit ihr beschäftigt. Denn Kants Worte bringen zum Ausdruck, dass wahre Religion nicht nur etwas mit Offenbarung, sondern hauptsächlich etwas mit Vernunft und mit Nachdenken und mit Verstehen zu tun hat, woraus dann ein sittliches Verhalten resultieren kann. Und genau dazu fordert der Quran jeden Muslim auf: Dass er über das, was er im Quran findet, nachsinnt und dann das, was er verstanden hat, in die Tat umsetzt. So mündet die reine Vernunft in die praktische Vernunft. So wird aus dem unwissenden Muslim ein wissender Muslim. So wird aus einem spirituell toten Muslim ein spirituell lebender Muslim.
Und Allah weiß es am besten!


#2

Kant verneint die Religion, und behauptet, dass der Mensch seine eigene Welt in seinem Kopf produziert. Der Mensch macht sich laut Kant , seine Gesetze selber, die er mit der Dialektik im Umgang mit anderen Menschen manipulativ durchsetzen will. Islam und Aufklärung sind Vollkommen verschieden.


#3

Kant verneint nicht die Religion, er hat nur eine spezifische Vorstellung von Religion. Darauf weisen einige Passagen in meinem Artikel hin. Einige nachstehende Zitate mögen als zusätzliche Belege dienen:

  • Alles kommt in der Religion aufs Tun an. (Der Streit der Facultäten)
  • Es ist nur eine (wahre) Religion, aber es kann vielerlei Arten des Glaubens geben.(Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft)
  • Religion zu haben ist Pflicht des Menschen gegen sich selbst. (Die Metaphysik der Sitten)
  • Eine Religion, die den Menschen finster macht, ist falsch, denn er muss Gott mit frohem Herzen und nicht aus Zwang dienen. (Über Pädagogik)
  • Es ist unmöglich, dass ein Mensch ohne Religion seines Lebens froh werde. (Nachlass)

Aber Kants Ansicht über Religion an sich ist ja gar nicht das Thema meines Artikels. Mir geht es darum zu zeigen, dass ein Muslim nicht blind irgendwelchen “gelehrten Autoritäten” folgt, sondern sich dessen bewusst sein sollte, dass reine Vernunft und praktische Vernunft auch im Islam eine Rolle spielen können, insofern nämlich als der Mensch über das ihm Geoffenbarte (sprich reine Vernunft) reflektiert und im Bewusstsein seiner eigenen Verantwortung gegenüber Allah allein in die Praxis umsetzt (sprich praktische Vernunft). Dass ich mit diversen Vorstellungen Kants über Religion nicht konform gehe, versteht sich in meiner Eigenschaft als Muslim von selbst.


#4

Ich habe mich mit Kant nur im Rahmen des Schulunterrichts in Philosophie beschäftigt (mein Lehrer war Kantianer), habe vor allem das “allein der gute Wille zählt” in Erinnerung, was mir sehr gut zum Islam zu passen scheint.
Was die Basmala auf der Urkunde betrifft, müßte man doch nur gucken, ob sie bei anderen Urkunden derselben Fakultät auch auftaucht.


#5

Den Vorschlag hinsichtlich der Basmala bei anderen Urkunden derselben Fakultät finde ich sehr interessant. Ich werde ihn im Auge behalten.