Lesen Muslime das Alte Testament?


#1

Es ist oft die Rede von dem einen Gott. Nun würde mich interessieren, ob Muslime nur den Koran lesen oder auch die Bücher der Juden.


#2

Frieden @Peterdent, ich zumindest lese fast alles. Auch die Bhagavad Gita oder den Adi Granth.

Die Lesung («Koran») ist nur eine von vielen Darstellungen der Wahrheit. Insbesondere auch die Verse 5:43-48 berücksichtigen hierbei.


#3

@Kerem, mich interessiert das vor allem, weil die Ähnlichkeit immens ist. Das hat mich wirklich überrascht. Der Tonfall, die Bildsprache, die Ansprache (z.B. in den Psalmen) ist sehr ähnlich. Der Koran ist wie ein Zwilling. Das Neue Testament dagegen ist sehr unähnlich, wirkt wie ein Stiefkind, sage ich mal.


#4

Ich habe die Bibel (Tanach und christliche Bibel) von der ersten bis zu letzten Seite gelesen. Ich muß sagen, der Koran spricht mich einfach mehr an. Allerdings bin ich auch in einer Gruppe Scriptural Reasonning, und bei den dort von den Christen vorgestellten Texten finde ich auch viele Ähnlichkeiten zum Koran. Ich höre immer wieder, daß einige koranische Geschichten in den Apokryphen vorkommen sollen, so daß ich vorhabe, die mal zu lesen. Ansonsten habe ich in zoroastrischen Texten viel Ähnlichkeit zum Islam gefunden.


#5

Mich hat erstaunt, wie weit wir es mit der Polarisierung gebracht haben. Total vermintes Gebiet. Muslime habe ich immer als sehr positive Menschen wahrgenommen, den Koran konnte ich mit den Menschen nicht in Einklang bringen. Der war für mich düster, viel zu apokalyptisch, voller Wiederholungen. Schwer lesbar auf jeden Fall. Unzusammenhängend. Ich hatte auch Probleme, die Situation zu erfassen: Gott -> Verkünder -> Mensch. Bis ich kapiert habe, dass Allah da ‘redet’, hat es gedauert :wink:

Ich denke, das geht vielen so wie mir (wobei wenige überhaupt den Versuch machen, den Koran dauerhaft zu lesen). Der Koran erschließt sich vor dem Hintergrund der Alten Bibel. Im positiven Sinn ist der Koran aus diesen Büchern herausgewachsen und enthält sie auch noch.


#6

Die Namensnennung der Engel durch Adam findet sich im Talmud. Das Formen von Vögeln aus Ton und deren Belebung durch Jeschua ist eine Geschichte des apokryphen Kindheitsevangeliums. Es gibt sicherlich noch andere Bezüge.


#7

Ich glaube, es kommt einfach darauf an, auf was man achtet. Mich haben einige Verse im Koran sofort begeistert; die Beschreibungen der Hölle habe ich zunächst einfach überflogen. Du hast anscheinend mehr auf diese geachtet.


#8

Ich finde es schwer, Zugang zum Koran zu finden. Und das meine ich ehrlich, nicht feindlich gesinnt. Wenn ich den Koran wie ein Buch lese, als Sure für Sure, dann komme ich nicht klar. Da sind schöne, sehr schöne Stellen. Das sind die Stellen, die Gottes Werk preisen. Auch die Psalme preisen Gottes Werk, ohne dass der Leser müde wird. Und der Koran ist sprach- und bildgewaltig, keine Frage.

Und dann geht es gehen die Ungläubigen. Okay, einmal, dreimal, zehnmal in den Suren, aber nicht alle zwanzig Verse in allen Suren (außer den ganz kurzen). Ich meine, so schwer ist das nicht zu verstehen, dass sie in die Hölle kommen. Ich verstehe nicht, wie man so etwas aufeinanderfolgend lesen kann.

Ich vermute mal, dass ich falsch lesen. Dem Islam bin ich eigentlich anders begegnet, quasi Häppchen für Häppchen. Die hundert Namen Gottes. Das ist stark. Einzelne Verse wie Schlüssellöcher. Und auch im Gebet mit Muslimen (wobei ich kein Muslim bin). Also das gesprochene Arabisch (das ich nicht verstehe). Da ist der Koran beeindruckend.

Jedenfalls wurde mir das Buch in die Hand gedrückt, und ich stelle nur fest, dass es unlesbar ist. Daher frage ich einfach mal rum, ob ich was falsch mache …


#9

Eine Freundin von mir meinte mal, daß der Koran sie an Traumbilder erinnere. Die sind ja auch nicht immer zusammenhängend, und man muß sie eher intuitiv deuten.
Ich muß zugeben, wenn ich den Koran am Stück hintereinander lese, ermüde ich auch eher. Es ist zwar nicht schlecht, alles einmal gelesen zu haben, einfach um einen Überblick zu haben, aber meistens beschäftige ich mich eher mit einzelnen Themen und schaue dann, was es an Versen (sowie Interpretationen) dazu gibt. Das scheint mir insgesamt fruchtbarer.


#10

Da hat deine Freundin recht. Dämonische Träume, abgründige Träume.

Was für mich das Rätsel der Rätsel ist: Ich begegne Muslimen, die höflich, bescheiden und freundlich sind. Einer war darunter, der war rechthaberisch und aggressiv, wie ich es erwartet hätte. Sogar ein Salafisten war darunter, sehr soft, geradezu rücktsichtsvoll. Die Stimme, die im Koran spricht, ist eindeutig nicht wie die Muslime.

Wie kann es sein, dass dieses fiebrige Buch solche gelassenen Gläubige hervorbringt. Ist für mich ein echtes Rätsel.


#11

Da hat deine Freundin recht. Dämonische Träume, abgründige Träume

Und wunderschöne Träume, die die Größe Gottes preisen. Gott wirbt im und mit dem Koran um die Menschen. Z.B. in Sure 55: der Barmherzige. Welche der Wohltaten eures Herrn wollt ihr beide da leugnen?

Warum erwartest Du, daß Muslime rechthaberisch und aggressiv sind? Wenn man den Überliefeungen glauben darf, war Muhammad selbst rücksichtsvoll und bescheiden. Auch Salafisten sind nicht durchweg böse, auch wenn ich nicht so wie sie leben möchte. Aber solange sie ihre Lebensweise nur für sich selbst wählen und andere in Ruhe lassen, dürfen sie das meinetwegen gern.


#12

Halt, nicht die Muslime, die mir begegnet sind, waren rechthaberisch und aggressiv (mit einer Ausnahme), auch der Prophet ist es nicht. Es ist ja auch nicht seine Stimme, die im Koran spricht. Die Stimme, mit der Gott zu den Menschen spricht, ist aber durchaus eine menschliche Stimme (sonst würden wir ihn nicht verstehen können) und als solche macht sie auf mich einen Eindruck, und so wirkt diese Stimme (auf mich) nachtragend und machtverliebt. Übrigens ist die Tonlage der koranischen Stimme ein recht genaues Abbild der Stimme Gottes im Alten Testament. Auch diese Stimme ist sehr oberlehrerhaft und äußerst leicht erregbar. Neu ist der Tonfall und der dialogische Charakter im Koran nicht.

Aber jeder stelle sich den Menschen hinter dieser menschliche Stimme vor, wie er will. Das ist natürlich sehr subjektiv.


#13

Für das Alte Testament würde ich Dir zustimmen, da habe ich auch oft den Eindruck, Gott istirgendwie unentschlossen, mal zornig und beleidigt, läßt sich dann aber wieder zum Verzeihen überreden.
Gott im Koran ist ganz anders. Steht über allem. Braucht uns nicht. Ist selbst genügsam. Gleichzeitig aber fürsorglich. Barmherzig.
Aber wie gesagt, das ist wohl eine Frage der Perspektive; was man sucht, das findet man im Koran.


#14

Hallo,

Das Neue Testament dagegen ist sehr unähnlich, wirkt wie ein Stiefkind, sage ich mal.

Also ich hatte ja immer den Eindruck (und habe diesen Eindruck immernoch) das der Koran eher dem NT entspricht, Lehren wie:

89:17-23: “Nein, ihr seid nicht freigebig gegen die Waise, und treibt einander nicht an, den Armen zu speisen und ihr verzehrt das Erbe ganz und gar und ihr liebt den Reichtum mit übermäßiger Liebe, nicht aber so, wenn die Erde kurz und klein zermalmt wird und dein Herr kommt und (auch) die Engel in Reihen auf Reihen und die Hölle an jenem Tage nahegebracht wird. An jenem Tage wird der Mensch bereit sein, sich mahnen zu lassen; aber was wird ihm dann das Mahnen nutzen?”

oder:

4:36-37: “Und dienet Gott und setzt Ihm nichts zur Seite; und seid gut zu den Eltern und zu den Nächsten/Nähesten, den Waisen, den Armen, dem Nachbar, sei er nah oder fern, dem Begleiter an der Seite, dem, der unterwegs ist (wahrscheinlich sind hier Obdachlose gemeint) und zu dem, den ihr von Rechts wegen besitzt. Seht, Gott liebt nicht den Hochmütigen und Prahler, die da geizig sind und den Leuten gebieten, geizig zu sein, und verbergen, was Gott ihnen in Seiner Huld gegeben hat; und den Ableugnern haben Wir eine schändende Strafe bereitet.”

42:23: “Das ist die frohe Botschaft, die Gott Seinen Dienern, die glauben und rechtschaffene Werke tun, verkündet. Sag: Ich verlange von euch keinen Lohn dafür, es sei denn die Liebe wie zu den Nächsten/Nähesten. Und wer ein gutes Werk tut, dem schenken Wir dafür noch mehr Gutes. Gewiß, Gott ist Allvergebend und stets zu Dank bereit.”

Entsprechen ganz deutlich den Lehren des NT:

Lukas, 10:25-27: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, dienen/lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Verstand! Und du sollst deine Nächsten lieben wie dich selbst.“

All sowas und mehr zeigen mir persönlich ziemlich deutlich das die Lehren des NT den Lehren des Korans enstprechen, denn dort wird obiges genauso hervorgehoben, die Liebe zu Gott, soll zur Liebe zu den Nächsten führen, das ist die Kernlehre des Christentums, und ebenso eine Kernlehre des Korans.

Aber vorallem deshalb steht m.M.n der Koran dem NT am Nächsten, weil Gott im Koran deutlich macht das Jesus der Messias war, das (lebendige) Wort Gottes war, und das Jesus mit dem heiligen Geist gestärkt worden war, aber auch das Jesus die Hilfe Gottes war (61:14), und einer ist/war, der Gott nahesteht (3:45):

4:171: “O Leute der Schrift, übertreibt nicht in eurem Glauben und sagt von Gott nichts als die Wahrheit. Wahrlich, Der Messias Jesus, der Sohn der Maria ist nur der Gesandte Gottes und Sein Wort, das Er Maria entboten hat, und von Seinem Geist. Darum glaubt an Gott und Seine Gesandten, und sagt nicht: “Trinität”. Lasset ab - (das) ist besser für euch. Gott ist nur ein einziger Gott. Es liegt Seiner Herrlichkeit fern, Ihm ein Kind zuzuschreiben. Sein ist, was in den Himmeln und was auf Erden ist; und Gott genügt als Anwalt.”

Wie man deutlich aus obigem Vers entnehmen kann, bestätigt Gott die Lehren des NT, das Jesus der Messias und das Wort Gottes war usw, macht aber auch deutlich das die Christen mit der Lehre der Trinität falsch liegen (die Trinität markiert eine Lehre die erst nach dem arianischen Streit obligatorisch wurde, markiert etwas das man so in der Form im NT nicht finden wird).

Solches und mehr bestätigen und zeigen mir nocheinmal ganz deutlich dass das NT und die Lesung sehr vieles gemeinsam haben, und vieles in beiden heiligen Schriften einhergehen. Aber auch die Tatsache das in der Welt nur zwei “Religionen” existieren (die Christenheit und der Islam), die Jesus als Messias und Wort-Gottes anerkennen, zeigt ebenso wie nah sich eigentlich Christen und Muslime stehen.

So verfolgt das NT selbiges Konzept wie die des Korans, denn auch dort ist davon die Rede, das Gott am jüngsten Tag den Menschen nach seinen Taten richten wird (Off, 20:11-15) und das die Meidung von Sünden einen Menschen vor dem Höllenfeuer bewahrt, als Beispiel sei hier folgender NT-Vers zitiert:

Matt, 5:29 Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir. Es ist besser für dich, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.