"Liberaler Islam"


#1

In Verbindung mit der in Berlin von Seyran Ates gegründeten und geleiteten Moschee wird oft das Wort „liberal“ benutzt: eine liberale Moschee, ein liberaler Islam.

Unter sprachlichem Aspekt bedeutet liberal, dass sich ein Individuum auf Selbstverantwortung unter Minimierung irgendwelcher Einschränkungen konzentriert und sich somit frei entfalten kann. Auf den Islam bezogen kann man dementsprechend verstehen, dass sich ein Muslim frei macht von Zwängen, die ihm durch Fanatiker und durch Vorschriften, die unter wissenschaftlichem Aspekt einer Prüfung der Authentizität nicht standhalten, auch von sogenannten Gelehrten aufoktroyiert werden, und dass er sich unter alleinigem Fokussieren auf die Aussagen im Quran und im Bewusstsein seiner Verantwortung allein vor Allah und vor sich selbst sein Leben gestaltet, von dem er glaubt, dass er es auf der Grundlage des Islam führt.
Um auf die erwähnte Berliner Moschee zurückzukommen: Man wirft Seyran Ates vor, die Moschee z. B. auch für Homosexuelle zu öffnen und die Erlaubnis zu erteilen, dass auch eine Frau dass Gemeinschaftsgebet, an dem Männer teilnehmen, leiten kann. Aber beides verstößt nicht gegen den Quran und sollte deshalb eine Selbstverständlichkeit sein. Warum wird Seyran Ates also angefeindet und bedroht?
Gibt es überhaupt einen „liberalen Islam“? Ist diese Formulierung nicht vielmehr eine Tautologie? Ist der Islam nicht von seinem Wesen und von seinem Geist her schon liberal?
Was ist eure Meinung zu diesem Thema?


#2

Selam Bruder.

Die Antwort ist doch ganz leicht. Sie wird von Islamischen Sekten kritisiert.


#3

Klaro!
Aber wie siehst du den Begriff “liberaler Islam”?


#4

Ich verstehe unter “liberal” gleichberechtigung und weltoffenheit.


#5

Entschuldige, hatte dich nicht ganz vertsanden. Natürlich finde ich den begriff “liberaler Islam” nicht richtig. Aber da unsere umgebung bzw. Gesselschaft schon zu viel gehirwäsche von den medien bekommen haben, schrecken und assozieren sie das Wort Islam mit nichts gutes, deshalb macht es anfangs Sinn diesen Begriff zu benutzen.


#6

Ja, das trifft auf den Islam auch zu. Es gibt also keinen schiitischen Islam und keinen sunnitischen Islam und keinen europäischen Islam. Und es gibt dann auch keinen liberalen Islam im Sinne einer Abgrenzung zu anderen Formen. Es gibt nur den einen Islam, der alles Positive, also auch das Liberale, mit einschließt.


#7

Aber deinen Einwand der Gehirnwäsche und der Tatsache, dass viele mit dem Begriff Islam nichts Gutes assoziieren und dass es deshalb einen Sinn macht, den Begriff “liberaler Islam” zu benutzen, finde ich überlegenswert. Danke dir!


#8

Genau meine Ansicht. Islam ist Islam.


#9

Das sind jetzt mehrere verschiedene Fragen.

Seyran Ates würde ich nicht für die erwähnten Punkte kritisieren, sondern weil sie gern provoziert und sich selbst als die einzig “gute” Muslima darstellt. Zu meinem Verständnis von Liberalität gehört aber auch, diejenigen, die anderer Meinung sind als ich, mich aber respektieren, auch zu respektieren. Seyran Ates sieht aber sogar den LIB, der oben erwähnte Positionen ja ebenfalls vertritt, als Gegner an (so wurde mir das vom ehemaligen Gemeinde-Koordinator der IRGM erzählt). Und sie schreibt gern anderen vor, was sie zu tun haben, z.B. vertritt sie das Land Berlin juristisch beim Kopftuchverbot für Lehrerinnen. Das hat für mich auch mehr mit Erziehungsdiktatur zu tun als mit liberaler Demokratie.

Ist Islam an sich liberal? Da ist die Frage, was man unter Islam versteht, und wenn man nur die eigenen (liberalen) Positionen als Islam anerkennt, verhält man sich letztlich illiberal…

Was mich ärgert, ist, wenn ich Äußerungen höre wie “liberale Muslime sind diejenigen, die Alkohol trinken, Schweinefleisch essen, nicht fasten (oder nur kürzer/nicht so konsequent)”.
Liberal ist stattdessen, andere Menschen nicht danach zu be- bzw. verurteilen, wie sie obiges handhaben.


#10

Das Beispiel “liberale Muslime” zeigt, dass zum Problemkomplex offensichtlich gehört, dass das Wort liberal bei den Leuten auf recht unterschiedliches Verständnis stößt und diverse Konnotationen hervorruft sowie davon abhängig ist, mit welchem Substantiv man es verbindet respektive in welchem Kontext es benutzt wird. Denn was im Beispiel “liberale Muslime” als Kriterien angeführt wird, trifft ja auf die Verbindung “liberaler Islam” nicht zu.


#11

Frieden!
Begriffe wie liberal und konservativ sind je nach Kontext auch unterschiedlich geprägt. In der Schweiz z.B. hat es eine hoch politische Nebenbedeutung, die an den sogenannten Sonderbundskrieg erinnert:

Deshalb meide ich solche Ausdrücke. In der Lesung wird konsequent Gottergebenheit verwendet und schon Abraham nannte sich und die Gläubigen “Ergebener” (22:78).

Damit mich die Leute nicht so einfach in Schubladen stecken können, nenne ich mich einfach liberaler Konservativer, der modern orthodox ist. :wink: