Lot im Quran

Der Quran ist immer als inhaltliche Einheit zu betrachten, will sagen, es ist immer zu vermeiden, einzelne Verse losgelöst vom Kontext zu betrachten, weil dies zu voreiligen, eventuell sogar falschen Interpretationen führen könnte. Diverse Themen und Geschichten werden im Quran oft an verschiedenen Stellen aufgegriffen, die man in Gänze nur verstehen kann, wenn man sie ergo in toto beachtet. Ein Beispiel hierfür bildet das Thema des Propheten Lot. Wenn also die über die Ereignisse in Sodom in mehreren Suren sprechenden Verse zusammengefasst werden, ergibt sich folgendes generelles Bild:

Der Prophet Lot hatte die Aufgabe, das Volk von Sodom rechtzuleiten und zur Demut in Ehrfurcht gegenüber Allah aufzurufen. Die Sodomiten reagierten darauf negativ, zumal sie Lot als einen Fremden mit eingeschränkten Rechten betrachteten. So durfte er beispielsweise keine Gäste ohne ihre Kenntnis und ohne ihre Erlaubnis bei sich aufnehmen. Als nun die fremden Männer zu Lot kamen und er sie bewirtete, versammelten sich die Bewohner Sodoms vor seinem Haus und verlangten die Herausgabe der Gäste, weshalb sich Lot in eine schwierige Lage versetzt fühlte und als Ausweg seine beiden Töchter anbot, was die Sodomiten ablehnten. Die fremden Männer beruhigten Lot und sicherten ihm Rettung zu und forderten ihn auf, mit den in seinem Haushalt Wohnenden mit Ausnahme seiner Frau in der späten Nacht Sodom zu verlassen, was er auch tat. Die Sodomiten samt der Frau Lots wurden dann durch ein bestimmtes Naturereignis, das von Allah als Strafe eintraf, vernichtet. In verschiedenen Versen werden die Sodomiten mit diversen negativen Charakteristika belegt, als da sind widerwärtig, frevelhaft, schlecht, abstoßend, begehrlich, exzessiv, sündig, in ihrem Delirium umherirrend, übertretend, töricht, den Weg abschneidend, verwerflich, unmoralisch und ungerecht. Neben dem Abstoßenden und Begehren wirft Lot ihnen das „Abschneiden des Weges“ und das Verwerfliche in ihren Versammlungen vor.

Im Islam gilt die Maxime, dass nur das verboten ist, was Allah ausdrücklich und eindeutig im Quran für verboten erklärt hat. Dazu zählt beispielsweise – um beim Thema Sexualität zu bleiben – das Verbot des illegitimen Geschlechtsverkehrs (arab. زنى zinan ). Dazu zählt ferner der Götzendienst. Diese beiden Verbote hier zu erwähnen, macht auch deshalb einen Sinn, weil die kanaanitische Religion ein Fruchtbarkeitskult war, in dem die Fruchtbarkeitsgöttin Astarte respektive Ischtar (arab.: عشتروت ) eine zentrale Rolle spielte und beides, also Tempelprostitution in Verbindung mit sexualisiertem Götzenkult, und zwar Geschlechtsverkehr mit männlichen und weiblichen Prostituierten mit dem Ziel, in eine besondere Beziehung mit einem Gott oder einer Göttin zu treten, beim Volk Lots gang und gäbe war und schon allein eine Bestrafung aus islamischer Sicht rechtfertigen. Denn der Götzendienst ist die schlimmste Sünde im Islam überhaupt. In diesem Kontext wird in den zitierten Versen auch davon gesprochen, dass die Sodomiten Lot dahingehend verspotteten, dass er sich rein halten wolle, das heißt, sich nicht an diesem Kult beteiligen wolle. Das Wort Homosexualität kommt aber expressis verbis im Quran und damit auch in der Schilderung der Ereignisse in Sodom nicht vor, was ein eindeutiges Verbot der Homosexualität auszusprechen schon schwieriger werden lässt.

In der geschilderten Darstellung der Ereignisse um Lot in Sodom heißt es, dass Lot zu seinem Volk sprach. Das arabische Wort قوم qaum hat viele Bedeutungen, wie etwa Leute, Schar, Gruppe von Menschen, Volk, Nation oder Stamm. Im Quran erscheint dieses Wort sehr oft mit dem Namen eines Propheten und dann ist jeweils das gesamte Volk gemeint, also Männer und Frauen, bei denen der jeweilige Prophet wirkte. Lots Volk waren mithin die Bewohner von Sodom. Dafür spricht auch, dass ja das gesamte Volk Lots der Vernichtung anheimfiel.

Man kann ergo davon ausgehen, dass Lot sowohl zu Frauen als auch zu Männern aus Sodom sprach, wobei er ihnen etwas Abstoßendes (arab. فاحشة f ā hi š a ) vorwirft, was vorher zu tun noch niemand gewagt hatte und unter historischem Aspekt etwas ganz Neues ist. Der arabische Begriff beinhaltet abstoßendes Tun und Sprechen, etwas, was hässlich oder das rechte Maß überschreitend ist (vgl. das arabische Wörterbuch Lis ā nu-l-´arab ), und kommt im Quran an 23 Stellen vor. Der Bezug des Wortes ist dabei jeweils aus dem Kontext zu erschließen; der Bedeutungsspielraum reicht von illegitimem Geschlechtsverkehr über soziale Verhaltensformen wie die des Geizes, der Verleumdung oder der Ungerechtigkeit bis hin zum Götzendienst. Im vorliegenden Fall sind die soziale Verhaltensform der Ungerechtigkeit in Form des Missachtens des Gastrechtes sowie der Götzendienst in Verbindung mit Tempelprostitution als Bedeutungsinhalt für f ā hi š a sicher als näherliegender anzusehen als Homosexualität, für die es hier kein klares oder überzeugendes Indiz gibt. Immerhin galt ja in Kanaan als wichtige soziale Institution das Gastrecht, nach dem ein Gastgeber für den Schutz seines Gastes verantwortlich war. Im Übrigen gab es den erhaltenen Gesetzestexten der Sumerer aus Mesopotamien aus der Zeit zwischen 2110 und 1700 v. Chr. zufolge auch kein Verbot der Homosexualität.

Ein weiteres Schlüsselwort ist Begehren (arab. شهوة š a wa ), worunter man das Verlangen, die Sehnsucht oder das Sehnen nach etwas, aber auch leidenschaftliches Verlangen oder fleischliche Lust verstehen kann. Einschließlich der Verbformen kommt dieser arabische Begriff im Quran an 13 Stellen vor, von denen allerdings keine einzige einen expliziten sexuellen Bezug hat, sondern vielmehr im Sinne eines Strebens nach materiellen Dingen, die das eigene Leben angenehm machen, interpretiert wird.

Einen ausdrücklichen homosexuellen Bezug herzustellen ist also nicht zwingend, denn wenn man tatsächlich annähme, f ā hi š a und š a wa hätten doch einen homosexuellen Bezug, dann wäre erstens ein logisches Resultat die Annahme, dass es vor dem Volk Lots keine homosexuellen Annäherungen gegeben hat, was historisch gesehen nicht nachweisbar ist. Im Gegenteil, es gibt durchaus eine Reihe von Hinweisen, dass es auch vor dem Volk Lots schon Homosexualität gegeben hat, wie etwa in der Literatur oder bei Höhlenmalereien oder Darstellungen auf Tonwaren der altmesopotamischen und altägyptischen Kulturen. Zweitens müsste man fragen, warum es auch heute noch Homosexualität gibt, obwohl doch das ganze Volk Lots ausgerottet wurde. Ein dritter, und zwar sehr wichtiger Aspekt in diesem Zusammenhang ist der Begriff der angeborenen natürlichen Veranlagung (arab. فطرة fi ra ). Im Quran lesen wir Folgendes:

Sure 95:4:

WIR erschaffen ja den Menschen in schönstem Ebenmaß.

Muhammad Asad sagt in einer Anmerkung zu diesem Vers: „D. h.: versehen mit allen positiven Eigenschaften, physischen wie mentalen, den Funktionen entsprechend, welche dieses Geschöpf erfüllen soll… Diese Aussage impliziert in keiner Weise, dass alle Menschen dieselbe „beste Gestaltung“ hinsichtlich ihrer körperlichen oder geistigen Ausstattung haben: sie impliziert einfach nur, dass ungeachtet seiner natürlichen Vorzüge oder Nachteile jeder Mensch mit der Fähigkeit versehen ist, den für ihn bestmöglichen Gebrauch einer angeborenen Eigenschaften und der Umgebung zu machen, der er ausgesetzt ist.“

Zu den angeborenen Eigenschaften, also der fi ra , kann man auch die menschliche Sexualität rechnen, denn nach Aussagen seriöser Hirnforscher steuert das Kleinhirn unter Anderem, vom Menschen nicht beeinflussbar und nicht selbst bestimmbar, dessen Sexualität; es enthält ergo bereits bei der Geburt vom Schöpfer fest vorgegebene Aufgabenbereiche respektive Persönlichkeitsentwicklungen. Es gehört mithin zur fi ra , der Schöpfer gibt dem Geschöpf dessen Sexualität von Geburt an mit auf den Weg. Dies zeigen auch wissenschaftliche Untersuchungen mit dem Resultat, dass bei homosexuellen Menschen eine anatomische Region des Kleinhirns anders geartet ist als bei nicht-homosexuellen Menschen. Entsprechend heißt es in einer unter dem 05.12. 2019 datierten Mitteilung von „ Kirche + Leben Netz, DAS KATHOLISCHE ONLINE-MAGAZIN“: Homosexualität gehört zu den «normalen Formen einer sexuellen Prädisposition». Zu dieser Erkenntnis ist eine Expertenrunde aus Bischöfen, Sexualmedizinern, Moraltheologen, Dogmatikern und Kirchenrechtlern in Berlin gekommen.“ Anmerken möchte ich an dieser Stelle, dass es Homosexualität nicht nur beim Menschen, sondern weitverbreitet auch bei Tieren unterschiedlichster Art gibt.

Die beiden Begriffe f ā hi š a und š a wa finden wir beispielsweise im folgenden Quran-Text:

Sure 7:

80 Und Lot, da er zu seinem Volk sagte: „Kommt ihr denn zum Abstoßenden, worin niemand in aller Welt euch vorangegangen ist?

81 Wirklich! Ihr kommt gewiss zu den Männern in einem Begehren anstatt zu den Frauen. Ihr seid doch ein exzessives Volk!“

Der Satz „Ihr kommt gewiss zu den Männern in einem Begehren anstatt zu den Frauen“ im zweiten Vers wird nun ebenfalls als Indiz dafür gewertet, dass es sich bei f ā hi š a und š a wa um Homosexualität handeln müsse. Wie bereits oben erwähnt, hat aber š a wa , also Begehren, bei seinem dreizehnmaligen Vorkommen im Quran nie einen sexuellen Bezug. Außerdem spricht der erste Vers eher dagegen, weil man davon ausgehen kann, dass es Homosexualität auch schon vor dem Volk Lots gegeben hat. Des Weiteren spricht Lot hier grundsätzlich das Volk an, also Männer und Frauen, und nicht nur einen Teil des Volkes. Auch das ist ein Gegenargument für die Behauptung, es handle sich um Homosexualität. Nicht zu vergessen ist darüber hinaus die Tatsache, dass außer Lot und sein Haushalt das gesamte Volk Lots, also nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen in einem Strafgericht vernichtet wurde.

Man kann in diesem speziellen Vorwurf allerdings auch davon ausgehen, dass Lot nur die Männer angesprochen hat, denn ein weiterer relevanter Aspekt wird im Vers 78 der 11. Sure genannt: „… O mein Volk! Diese meine Töchter, sie sind reiner für euch. Seid demütig in Ehrfurcht gegenüber Allah und bringt keine Schande über mich hinsichtlich meiner Gäste! Gibt es denn keinen vernünftigen Mann unter euch?“ Aber auch in diesem Fall wäre es realitätsfremd anzunehmen, dass die gesamte männliche Population homosexuell wäre. Dieser Vers spricht ebenfalls eindeutig gegen die Vermutung, es könne sich bei dem Abstoßenden von Seiten der Sodomiten um Homosexualität handeln. Denn es gibt nur zwei Möglichkeiten für einen Grund, warum Lot seine beiden Töchter anbietet: Entweder bietet er sie einem Heterosexuellen zum Heiraten an – was aber eher unwahrscheinlich ist, weil Lot seine Töchter sicher nicht jemandem anvertrauen wird, der als widerwärtig, frevelhaft, schlecht, abstoßend, begehrlich, exzessiv, sündig, in ihrem Delirium umherirrend, übertretend, töricht, den Weg abschneidend, verwerflich, unmoralisch und ungerecht bezeichnet wird, und weil es nach einer Aussage in Genesis 19:14 schon Schwiegersöhne gab, die seine Töchter heiraten wollten – oder er bietet sie als eine Art Geisel respektive als Garanten an, um seine Gäste nicht ausliefern zu müssen. Darauf weisen auch die Worte „… und bringt keine Schande über mich hinsichtlich meiner Gäste!“ hin. Die beiden Töchter den Sodomiten zu übergeben, ist mithin „reiner“ als das Ausliefern der Gäste und die damit verbundene Verletzung des Gastrechtes und die damit verbundene Schande für Lot, zumal ja in der Antike das Verweigern des Gastrechts als Schande und Frevel betrachtet wurde.

In Sure 54:37 wird zudem deutlich, dass eben dieses Fordern nach Auslieferung der Gäste Lots ein Kriterium dafür ist, dass Allah dieses Verhalten bestraft: „Sie versuchten ja, seinen Gast von ihm zu erlangen. Da verschleierten WIR ihre Augen: «So kostet MEINE peinigende Strafe und MEINE Warnungen!»“ Dass die Forderung, Lot solle die Gäste ausliefern, das eigentliche Begehren der Bewohner Sodoms war, zeigt sich auch daran, dass die Sodomiten überhaupt kein Interesse an den beiden Töchtern Lots hatten, was im folgenden Vers eindeutig zum Ausdruck gebracht wird: „Sie sagten: «Du weißt bereits, dass wir keinerlei Anspruch auf deine Töchter erheben. Und wirklich weißt du gewiss, was wir wollen». (Sure 11:79).

Das Vergehen der Leute in Sodom richtet sich also in erster Linie gegen Lot. Er hat gegen ihr Verbot verstoßen, Gäste aufzunehmen. Dadurch hat er sich in eine missliche Lage gebracht. „ Und er sagte: «Dies ist ein kritischer Tag!»“ (Sure 11:77). Auf eine solche Gelegenheit, ihn aus der Stadt vertreiben zu können, hatten die Sodomiten offensichtlich gewartet: „Und die Bewohner der Stadt kamen frohlockend.“ (Sure 15:67). „Und es gab keine Antwort seines Volkes, außer dass sie sagten: «Vertreibt Lots Familie aus eurer Ortschaft! Es sind wirklich Leute, die vorgeben, sich rein zu halten!»“ (Sure 27:56). Trotzdem bleibt Lot standhaft und versucht, seine Gäste zu beschützen, und bietet sogar seine Töchter als Auslöse für seine Gäste mit der Begründung an, sie seien „reiner“ als das Vorhaben, das den Fremden eigentlich zustehende Gastrecht zu verweigern. Die Sodomiten wiederum lehnen diesen Vorschlag ab, weil aus ihrer Sicht Lot die Zuwiderhandlung ihres Verbots dadurch nicht folgenlos machen kann.

Der Vers 29 der 29. Sure gibt uns einen weiteren Hinweis auf das Abstoßende und auf das Begehren der Bewohner Sodoms: „Kommt ihr denn gewiss zu den Männern und schneidet den Weg ab und kommt in euren Versammlungen zum Verwerflichen?“

Es handelt sich um drei Vergehen: Das Kommen zu den Männern und deren Ausliefern, obwohl sie unter dem Gastrecht Lots stehen, das „Abschneiden des Weges“ und das Verwerfliche in den Versammlungen der Bewohner Sodoms.

Das Verletzen des Gastrechts ist das Abstoßende, was es vorher noch nie gegeben hat, wohingegen man davon ausgehen kann, dass es sich bei den beiden anderen Delikten um gewohnheitsmäßig ausgeübte Delikte handelt. Darauf deuten beispielsweise die Worte „…Ihre Bewohner waren wirklich stets Ungerechte“ im Vers 31 derselben Sure hin.

Für eine Erklärung der Formulierung „Abschneiden des Weges“ bietet sich Wegelagerei respektive Straßenraub an. Auf diesen Weg gibt es sogar einen konkreten Hinweis im Quran, nämlich im Vers 76 der 15. Sure, der den Versen des vernichtenden Strafgerichtes des Volkes Lot folgt: „Und wirklich liegt sie gewiss an einem Weg, der besteht.“ Gemeint ist die Ortschaft Sodom, die am Weg zwischen dem nördlichen Hedschas und Syrien entlang des Ostufers des Toten Meeres lag. Muhammad Asad weist in einer Fußnote zu diesem Vers in seiner Quran-Übersetzung darauf hin: „Die Existenz dieser Straße … erfuhr erstaunliche Bestätigung durch Luftaufnahmen, die von der American School of Oriental Research (New Haven, Connecticut) veröffentlich wurden. Diese Aufnahmen zeigen deutlich die alte Straße als einen dunklen Streifen, der sich nordwärts windet, mehr oder weniger parallel zum Ostufer des Toten Meeres.“

An dieser Stelle soll auch auf Sure 29 Vers 35 hingewiesen werden: „Und WIR ließen ja von ihr ein deutliches Zeichen für ein verständiges Volk zurück.“ Und noch einmal soll Muhammad Asad zu Wort kommen, denn in einer Fußnote zu diesem von ihm übersetzten Vers merkt er an: „Dies ist eine Anspielung auf das Tote Meer – bis zum heutigen Tag bekannt als Bahr Lut (»Das Meer von Lot«) – welches den größten Teil der Gegend bedeckt, in der Sodom und Gomorra einst lagen. Sein Wasser enthält einen so hohen Anteil von Schwefel und Pottasche, dass keine Fische oder Pflanzen darin leben können.“

Was die Versammlungen betrifft, so gibt uns der Quran keine konkrete Angabe über das Verwerfliche in ihnen. Das arabische Wort ناد n ā din umfasst das Bedeutungsfeld Versammlung, Klub, Verein, Gesellschaft. Es kann sich ergo auch um eine von der Religion motivierte Zusammenkunft handeln, was für die damalige Situation in Sodom als eine Versammlung kultischen Inhalts interpretiert werden kann. Das heißt, Lot prangert hier möglicherweise ein frevelhaftes Ritual wie etwa den bereits erwähnten Tempelkult mit dem damit verbundenen Götzendienst und der damit verbundenen Tempelprostitution an. Dafür sprechen zwei Überlegungen. Erstens sind außer dem Volk Lot auch andere Völker anderer Propheten bestraft worden, und zwar deshalb, weil sie dem Aufruf der jeweiligen Propheten zum Monotheismus nicht gefolgt waren. Zweitens ist es erwähnenswert, dass direkt im Anschluss an die Geschichte Lots und seines Volkes in Sure 27:54-58 Folgendes im Quran steht:

Sure 27:59:

Sag: „Aller Lobpreis gebührt Allah! Und Friede sei mit den IHM anbetend Dienenden, die ER auserwählt hat! Ist denn Allah besser oder das, was sie beigesellen?“

Diesen Vers kann man durchaus als abschließende Begründung für die Bestrafung des Volkes Lots verstehen, womit die These unterstützt wird, dass es sich beim Abstoßenden auch, aber nicht nur um Beigesellen, also Polytheismus, handelt.

Fazit:

1. Es ist schlüssig und logisch nachvollziehbar, dass das dem Volk Lots angelastete Abstoßende und Begehren absolut nichts mit Homosexualität zu tun hat.

2. Die sich anschließende Frage lautet: Worin besteht dieses Abstoßende und Begehren von Seiten des Volkes Lots? Bei einer zutreffenden Antwort müssen drei Kriterien erfüllt sein:

a) Es muss etwas sein, was es vorher nicht gegeben hat.

b) Es muss etwas sein, was erklärt, warum Lot den Vorwurf erhebt, dass das Begehren auf Männer unter Ausschluss der Frauen zielt.

c) Es muss etwas sein, was erklärt, warum Lot seine beiden Töchter anbietet.

3. a) Eine Möglichkeit der Erklärung lautet, dass es sich um einen eklatanten Verstoß gegen das Gastrecht handelt. In diesem Fall sind die Punkte 2 a) und 2 c) erfüllt, nicht aber Punkt 2 b).

3. b) Eine weitere Möglichkeit wäre, einen sexuellen Bezug herzustellen. Da ein homosexueller Bezug aus obigen Erwägungen ausscheidet, könnte ein bisexueller Bezug angeführt werden, zumal es in Sure 26 heißt: „ 165 Kommt ihr denn zum männlichen Geschlecht aller Welt 166 und lasst, was euer Herr für euch an euren Partnern erschaffen hat? Ihr seid doch ein übertretendes Volk!“ Hier ist nicht von Frauen, sondern von Partnern die Rede. Das heißt, Männer kommen zu Männern, obwohl sie schon eine Ehefrau als Partnerin haben, oder Frauen kommen zu Männern, obwohl sie schon eine Frau als eheähnliche Partnerin haben. Es handelt sich dann also um den verbotenen außerehelichen Geschlechtsverkehr. Dies würde den Punkt 2 b) erklären, die Punkte 2 a) und 2 c) jedoch ausschließen, da es unwahrscheinlich ist, dass es den außerehelichen Geschlechtsverkehr vorher nicht gegeben und Lot seine Töchter für etwas Verbotenes angeboten hat.

Meine Frage lautet nun:

Wie kann man das Abstoßende und Begehren erklären, wobei alle drei Voraussetzungen erfüllt werden?

Was machst du mit 4:15-16 in Bezug zur Homosexualität?

Das ist natürlich keine Antwort auf meine Frage. Aber auf deine Gegenfrage komme ich später zurück.
Allerdings habe ich eine zu meiner Frage passende Antwort in einem Beitrag zu einem anderen Thema gesehen, wo du schreibst:
„Der gleiche Handlungsrahmen wird auch mit Ehefrauen erwähnt. Das bedeutet dass es bei den Frauen um Ehefrauen (-> Ehebruch) geht, nicht einfach nur Frauen allgemein (26:166). Aber auch wenn es nur Frauen wären, so ist doch klar, dass es bei seiner Ermahnung um das Gastrecht geht. Es geht darum dass die Sodomiten in „Begierde“ (27:55) die Frauen verlassen und die Gäste vergewaltigen wollen. (27:55). Er spricht sie ja vor den Gästen direkt an und will keine Allgemeinheitsaussage in Bezug zu Männern und Frauen über die Homosexualität abgeben.“
Das Thema Vergewaltigung ist mir auch schon in den Sinn gekommen. Aber dann sind die beiden von mir genannten Punkte 2a) und 2c) nicht erfüllt. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass es Vergewaltigung nicht schon vorher gegeben hat. Und ich kann mir ferner nicht vorstellen, dass Lot für eine Vergewaltigung seine beiden Töchter anbietet.
Oder habe ich deine Antwort nicht richtig verstanden?

Es geht bei dieser Vergewaltigung um das Gastrecht. Lot will seine Gäste schützen, das ist das neue (schlimme, unvorstellbare) daran (das steht auch oft in Bibelkommentaren). Deswegen auch das Angebot mit den Töchtern. Wäre das Gastrecht nicht so wichtig, würde er auch seine Töchter (!) nicht anbieten. Evtl wird diese Dimension der Sünde auch damit erklärt, dass das ganze Volk oder eine große Gruppe zum Hause Lots kommt, was die Dynamik nochmal verschärft.

Dass es offensichtlich um die Verletzung des Gastrechts geht und dadurch auch erklärt wird, dass Lot seine Töchter quasi als Garanten anbietet, steht ja so schon in meinem Artikel: Eine Möglichkeit der Erklärung lautet, dass es sich um einen eklatanten Verstoß gegen das Gastrecht handelt. In diesem Fall sind die Punkte 2 a) und 2 c) erfüllt, nicht aber Punkt 2 b).
Das ist also keine Frage für mich.
Das Problem besteht für mich vielmehr darin, dass der Punkt 2b) bei dieser Hypothese für mich nicht verständlich ist: Warum erhebt Lot gegenüber den Sodomiten den Vorwurf, dass das Begehren auf Männer unter Ausschluss der Frauen zielt?
Wenn er nur das auf Männer zielende Begehren erwähnt hätte, wäre es kein Problem, das Brechen des Gastrechts und das Anbieten seiner Töchter zu erklären.
Aber warum fügt er „unter Ausschluss der Frauen“ hinzu?
Ich finde keinen Zusammenhang mit dem Brechen des Gastrechts und mit dem Anbieten seiner Töchter.

Es geht bei den Frauen aber um Ehefrauen. Die Sodomiten begehen dabei offensichtlich Ehebruch. Deswegen wird das gegenübergestellt. Ein weiterer höherer Härtegrad.

Interessant aber dass einmal Frauen und einmal Ehefrauen erwähnt werden. Um den Text halten zu können muss bei beiden Vorkommen Ehefrauen gemeint sein.

Den Ehebruch hab ich ja auch schon in meinem Artikel angesprochen. Ehebruch ist sicher nicht das Begehren, das es vorher nicht gegeben hat. Außerdem hätte Lot sicher nicht seine Töchter als Ehebruch-Alternative angeboten.
Meine Frage bleibt mithin unbeantwortet.
Ebenfalls in meinem Artikel habe ich schon darauf hingedeutet, dass einmal von Frauen und einmal von Partnern gesprochen wird: Hier ist nicht von Frauen, sondern von Partnern die Rede. Das heißt, Männer kommen zu Männern, obwohl sie schon eine Ehefrau als Partnerin haben, oder Frauen kommen zu Männern, obwohl sie schon eine Frau als eheähnliche Partnerin haben. Es handelt sich dann also um den verbotenen außerehelichen Geschlechtsverkehr.

Vers 7:81 meint aber nicht nur das Verhältnis zwischen Männern und Frauen sondern zusätzlich das Gastrecht. Deswegen will er auch seine Töchter geben. Die „Schandtat“ bezieht sich nicht einfach auf die Männer in Bezug zu Frauen. Der Text in 7:81 ist dazu sehr kurz in Bezug zur Lotgeschichte, sie wird dort nur angerissen. Alle Texte zusammen machen erst den Sinn klar.

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Ich fasse, deinem Ratschlag folgend, die relevanten Verse zusammen. Die Verse, die die an die Sodomiten gerichteten Vorwürfe Lots beinhalten, sind die folgenden:

Sure 7:
80 Und Lot, da er zu seinem Volk sagte: „Kommt ihr denn zum Abstoßenden, worin niemand in aller Welt euch vorangegangen ist?
81 Wirklich! Ihr kommt gewiss zu den Männern in einem Begehren anstatt zu den Frauen. Ihr seid doch ein exzessives Volk!“

Sure 11:
78 Und sein Volk kam zu ihm eilends gerannt. Und schon früher waren sie es gewohnt, Schlechtigkeiten zu begehen. Er sagte: „O mein Volk! Diese meine Töchter, sie sind reiner für euch. Seid demütig in Ehrfurcht gegenüber Allah und bringt keine Schande über mich hinsichtlich meiner Gäste! Gibt es denn keinen vernünftigen Mann unter euch?“**

Sure 15:
68 Er sagte: „Dies sind wirklich meine Gäste! So beschämt mich nicht
69 und seid demütig in Ehrfurcht gegenüber Allah und bringt keine Schande über mich!“**
70 Sie sagten: „Haben wir dir denn nicht alle Welt verboten?“
71 Er sagte: „Diese meine Töchter, wenn ihr wie stets Handelnde seid!“

Sure 26:
165 Kommt ihr denn zum männlichen Geschlecht aller Welt
166 und lasst, was euer Herr für euch an euren Partnern erschaffen hat? Ihr seid doch ein übertretendes Volk!

Sure 27:
54 Und Lot, da er zu seinem Volk sagte: „Kommt ihr denn geflissentlich zum Abstoßenden?
55 Wirklich! Kommt ihr denn gewiss zu den Männern in einem Begehren anstatt zu den Frauen? Ihr seid doch ein Volk, das töricht ist!“

Sure 29:
28 Und Lot, da er zu seinem Volk sagte: „Wirklich kommt ihr gewiss zum Abstoßenden, worin niemand in aller Welt euch vorangegangen ist!
29 Kommt ihr denn gewiss zu den Männern und schneidet den Weg ab und kommt in euren Versammlungen zum Verwerflichen?“ Und es gab keine Antwort seines Volkes, außer dass sie sagten: „Bring uns die peinigende Strafe Allahs, wenn du zu den Wahrhaftigen gehörst!“

Und als zusätzliches Statement lesen wir:

Sure 54:
37 Sie versuchten ja, seinen Gast von ihm zu erlangen. Da verschleierten WIR ihre Augen: „So kostet MEINE peinigende Strafe und MEINE Warnungen!“
38 Am Morgen in der Frühe erfasste sie ja eine andauernde peinigende Strafe.

Die Verse, die eindeutig auf das Verletzen des Gastrechts hinweisen, sind
11:78 - 15:68-71 - 54:37-38

Die übrigen Verse sprechen von weiteren Vergehen, als da sind Ehebruch, Wegelagerei und Verwerfliches in Versammlungen. Letzteres kann auf die Tempelprostitution hinweisen.

Das zunächst Verwirrende besteht darin, dass die Worte „worin niemand in aller Welt euch vorangegangen ist“ nicht bei den Versen stehen, die eindeutig vom Verletzen des Gastrechts sprechen, sondern bei den Versen, die über die anderen Vergehen reden, die es ja schon vorher gegeben hat.

Dein Hinweis „Der Text in 7:81 ist dazu sehr kurz in Bezug zur Lotgeschichte, sie wird dort nur angerissen. Alle Texte zusammen machen erst den Sinn klar.“ bedeutet, dass wir, wenn wir die Verse, die in Verbindung mit dem vorher nicht Dagewesenen stehen, allein lesen, unter Hinweis auf die Verse, die das Brechen des Gastrechts erwähnen, die Wörter „und außerdem lasst ihr euch Folgendes zu Schulden kommen“ oder „und hinzu kommt noch Folgendes:“ hinzufügen müssen.

Entsprechend müssen wir dann nach dem Vers 7:81 „Kommt ihr denn zum Abstoßenden, worin niemand in aller Welt euch vorangegangen ist?“ vor dem Weiterlesen in Gedanken hinzufügen „Und hinzu kommt noch Folgendes:“ und dann den Vers 82 lesen. Entsprechend müssen wir dann auch bei den weiteren sich auf Lot und die Sodomiten beziehenden Suren verfahren.

Das wäre in der Tat eine Lösung.

Das zeigt aber auch, wie wichtig es beim Lesen des Koran ist, dass man Verse nicht einzeln und auch nicht nur im Kontext in derselben Sure betrachten darf, sondern nachforschen muss, ob es im Koran weitere Textstellen gibt, die sich mit dem gleichen Thema beschäftigen.

Vielen Dank jedenfalls für deine Bemühungen! :blush:

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Salaam, Eddy San,

mit 4:15-16 in Bezug zur Homosexualität mache ich Folgendes:

Die beiden von dir erwähnten Verse können unterschiedlich interpretiert werden, sofern man sie isoliert betrachtet.

Im ersten Vers wird von Frauen im Plural gesprochen, die etwas Abstoßendes, etwas Unmoralisches tun und entsprechend bestraft werden.

Im zweiten Vers wird von zwei Personen in der dualen männlichen Form gesprochen, die das gleiche Abstoßende respektive Unmoralische tun.

Was nun die zwei Personen betrifft, so kann man entweder zwei männliche oder eine weibliche und eine männliche verstehen; beides ist im Arabischen unter grammatischem Gesichtspunkt möglich.

Die Exegeten, die meinen, es seien zwei männliche Personen gemeint, leiten daraus das Verbot von männlicher Homosexualität ab und beziehen die Frauen im ersten Vers auf Lesben.

Und die Exegeten, die meinen, es seien eine weibliche (nämlich eine von den im ersten Vers genannten heterosexuellen) Frau und ein heterosexueller Mann, verstehen von diesem Vers, dass es sich um zinā oder um etwas anderes Abstoßendes bzw. Unmoralisches im sexuellen Bereich handelt und im ersten Vers allgemein die Frauen gemeint sind, die diesen außerehelichen Geschlechtsverkehr respektive etwas anderes Abstoßendes oder Unmoralisches im sexuellen Bereich begehen.

Dabei betonen diejenigen, die sich gegen zinā aussprechen und zu denen etwa Muhammad Asad und Yusuf Ali gehören, dass ja die anders lautende Strafe für zinā in Sure 24:2 genannt wird. Beispielsweise kommentiert Muhammad Asad in seiner Übersetzung des Verses 16: „Einige Kommentatoren schreiben dem Begriff fahischa die Bedeutung von »Ehebruch« oder »Unzucht« zu und sind folglich der Meinung, dass dieser Vers »abrogiert« wurde durch 24:2, wo die Strafe von einhundert Hieben für jede der schuldigen Parteien festgesetzt wird. Diese ungerechtfertigte Meinung muss jedoch verworfen werden. Ganz abgesehen von der Unmöglichkeit der These, irgendeine Passage des Qur`an hätte von einer anderen Passage »abrogiert« werden können, muss sich der Ausdruck fahischa nicht unbedingt auf unerlaubten Geschlechtsverkehr beziehen: er bezeichnet alles, was grob schamlos, ungehörig, unzüchtig, unschicklich oder abscheulich in Wort und Tat ist, und ist keineswegs auf geschlechtliche Vergehen beschränkt. In diesem Zusammenhang und in Verbindung mit 24:2 gelesen bezeichnet dieser Ausdruck hier offensichtlich unmoralisches Verhalten, das nicht notwendigerweise auf das hinausläuft, was mit dem Begriff zina (d. h. »Ehebruch« oder »Unzucht«) bezeichnet wird, und daher durch aufrichtige Reue getilgt werden kann (im Gegensatz zu einem bewiesenen Akt von zina , der mit Auspeitschen zu bestrafen ist).“

Es wird dich sicher nicht wundern, dass ich der Meinung der zweiten Exegeten-Gruppe folge, die der Ansicht ist, es handle sich im zweiten Vers um eine der im ersten Vers genannten Frauen und um einen Mann und nicht um das Thema Homosexualität; dies ergibt sich aus meinen Ausführungen zur Fitra in meinem Artikel über Lot im Quran.

Was unter fahischa in den beiden Versen 4:15-16 konkret zu verstehen ist, ist hier nicht offensichtlich. Allerdings kann in diesem Zusammenhang vielleicht Sure 17:32 weiterhelfen: „Und nähert euch nicht dem außerehelichen Geschlechtsverkehr! Es ist wirklich ein unmoralisches Verhalten und ein wie übler Weg!“ Ich habe hier das Pronomen „hu“ in „innahu“ zu Beginn des zweiten Satzes nicht mit „er“ (also auf den außerehelichen Geschlechtsverkehr bezogen) übersetzt, sondern mit „es“, weil ich es auf den ganzen ersten Satz bezogen verstehe. Das unmoralische Verhalten bzw. das Abstoßende liegt hier also darin, dass man sich dem außerehelichen Geschlechtsverkehr durch irgendwelche Handlungen oder Worte nähert, ihn selbst aber noch nicht ausführt. So könnte man fahischa auch in 4:15 interpretieren.

Salaam
Hasan :green_heart:

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Ich denke, mit der Nicht-Abrogation hat Asad recht, allerdings würde ich die Fahisha der Frauen mit Prostitution gleichsetzen, so dass man dann wieder einen anderen Tatbestand als den normalen Ehebruch hat. Das in den Häusern behalten verstehe ich auch im Gegensatz zum Rausschmeißen, was sie erst recht zur Prostitution treiben würde.
Bei dem Paar dürfte es sich um sexuelke Kontakte jeglichen Geschkahcts ausserhalb definierter fester Beziehungen handeln.

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Salaam, Regine!

Das sehe ich auch so. Deshalb bezeichne ich ja zinā auch nicht als Ehebruch, sondern allgemein als außerehelichen Geschlechtsverkehr, was auch deinen Hinweis auf sexuelle Kontakte außerhalb definierter fester Beziehungen (wie Ehevertrag) zwischen Menschen jeglicher Geschlechtsorientierung (bisexuell, heterosexuell, homosexuell, transsexuell) berücksichtigt.

Salaam
Hasan :green_heart:

Frieden!

Ja das Thema habe auch ich mal genauer analysiert. Ist schon länger her.