Neben Leuten sitzen, welche sündigen

Selam
Ich habe ein Video eines Sunni Predigers geschaut und er meinte es wäre verboten neben Leuten zu sitzen welche eine Sünde begehen. Ist das Koranisch haltbar oder ist das ok. Er bezieht sich dabei auf Überlieferungen, aber auch auf 4:140, wo es heißt wir sollen nicht neben Leuten sitzen welche über Gott und seine Zeichen spotten. Er versteht also das sündigen als Spott gegenüber Gott. Ich persönlich würde sagen dass niemand die Sünde eines anderen trägt und wir uns deswegen keine Gedanken machen sollten über Freunde oder Verwandte welche neben dir eine Sünde begehen. Im Koran heißt es ja auch dass nur die eigenen Taten für einen zählen und dass niemand die Last eines anderen trägt.

Friede Nico,

es ist natürlich wichtig, den zitierten Vers 4:140 im Kontext zu sehen. Eine ganze Reihe von Versen vor und nach diesem Vers haben die Heuchler und die Wahrheit Leugnenden zum Thema. Diese soll sich man nicht zu vertrauten Freunden/Schutzherren/Autoritäten nehmen, weil die Gefahr besteht, dass man von ihnen in die Irre geführt wird und somit zu ihnen gehört.

Außerdem heißt es in 4:140, dass man das Leugnen der Wahrheit respektive das Spotten hört. Es geht also darum, dass die Wahrheit Leugnenden und Heuchler etwas Leugnendes oder Spottendes durch hörbare Worte zum Ausdruck bringen. Man soll ja 4:140 zufolge auch nur so lange nicht mit ihnen oder neben ihnen zusammensitzen, bis sie über etwas Anderes reden.

Wenn man Spott und Leugnen mit Worten als Sünde versteht, dann kann man dem von dir erwähnten Prediger, dessen Namen du uns leider nicht verraten hast :wink:, zustimmen. Wenn man Sünde im Zusammenhang mit einer Handlung betrachtet, dann wird das aus erwähnten Gründen meinem Verständnis zufolge durch 4:140 nicht gedeckt.

Dass man nicht mit jenen Leuten zusammensitzen soll, kann man meines Erachtens auch dahingehend verstehen, dass man sich ihnen nicht anschließen und sie nicht in ihrem Reden unterstützen und sie nicht widerspruchslos sprechen lassen soll, also nicht nur einfach so mit ihnen zusammensitzen soll, sondern ihnen entsprechende Argumente gegen ihre Worte vorlegt, bis sie nicht mehr spotten und nicht mehr die Wahrheit leugnen und auf ein anderes Thema eingehen und sich in ein anderes Thema vertiefen - nämlich das Thema der im Quran geoffenbarten Wahrheit.

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

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Lieben Dank, ergänzend noch:

Der Koran setzt die Willensfreiheit und insbesondere die Freiheit der Meinungsäußerung voraus (vgl. 2:256; 4:90; 4:137; 4:140; 10:99; 18:29; 25:63; 88:21; siehe auch 28:54), so dass die Empfehlung des passiven Protests in diesem Vers verständlich ist.

Der Koran macht in vielen Versen deutlich darauf aufmerksam, dass mit Verspottungen und unhöflichen Menschen auf friedliche Weise umgegangen werden muss, und dass Geduld, Toleranz und Zurückhaltung aufgebracht werden muss, vgl. 3:186; 4:140; 6:68; 25:63; 33:48.

Es wird in keinster Weise erlaubt die Urheber für etwaige Beleidigungen und Verspottungen zu bestrafen, vielmehr wird gefordert, „die Bösheit mit Gutheit zu begegnen“ und „diese Menschen in Ruhe zu lassen, dass Gott allein sich mit ihnen befasst“, vgl. 7:199; 28:54; 28:55; 41:34; 73:10; 73:11.

Die Gottergebenheit setzt die Meinungs- und Pressefreiheit, aber auch die Dialogbereitschaft voraus, so dass jedes intolerante Verhalten gegenüber diesen Menschen gleichbedeutend ist mit einem Verstoß gegen Gottes Ordnung, vgl. 2:8; 2:9; 2:10; 2:11; 2:12; 2:204; 2:205; 2:206.

Jede Reaktion durch Ungeduld oder Gewalt ist gemäß 28:55 damit gleichgesetzt, dass diese sodann als Tat von Unwissenden eingestuft wird. Im Hinblick auf eine beharrliche Ablehnung der Wahrheit und Beleidigung Gottes und seines Gesandten hebt der Koran lediglich die moralische Konsequenzen hervor, vgl. 3:85; 3:86; 3:87; 3:88; 3:89; 3:90; 4:137; 7:180; 33:57. Der Koran sagt in 2:256 unmißverständlich aus, dass ein Zwang in der Religion nicht existieren darf und verurteilt folglich jeglichen Glaubenszwang.

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