Sure 12 (Yūsuf) - Update (22.02.2021): Vision / Traum

Update (22.02.2021): Vision / Traum
Update (16.02.2021): Bubenheim Übersetzung hinzugefügt; Korrektur der Übersetzung
Update (13.02.2021): Imhotep und Yūsuf

Im Namen des Gnädigen, des besonders gnädigen Gottes

12:31 Als hierauf sie von ihrem Plan hörte, sandte sie zu ihnen. Und bereitete ihnen Lehnen vor und gab jedem von ihnen einen Messer. Und sie sagte: „Bringe dich heraus zu ihnen.“ Als sie ihn sahen, machten sie ihn größer und trennten ihre Hände (ihre Bemühungen) ab. Und sie sagten: "Gott bewahre. Das ist kein Sterblicher. Das ist nur ein vortrefflicher Engel."

Als sie nun von ihren Ränken hörte, sandte sie zu ihnen und bereitete ihnen ein Gastmahl. Sie gab einer jeden von ihnen ein Messer und sagte (zu Yūsuf): „Komm zu ihnen heraus.“ Als sie ihn sahen, fanden sie ihn groß(artig), und sie zerschnitten sich ihre Hände und sagten: „Allah behüte! Das ist kein Mensch, das ist nur ein ehrenvoller Engel.“
(Bubenheim)

Die Frau des Statthalters und ihre Freunde planten möglicherweise Yūsuf (wahrscheinlich Imhotep; siehe Imhotep – Wikipedia) zu einem unanständigen Verhalten in Verbindung mit dem Messer zu bringen.

Anzumerken ist, dass dieses dreizehnte Wort des Verses sikkīnan im Koran nur einziges Mal in Erscheinung tritt und nach überwiegender Ansicht mit Messer übersetzt wird. Der triliterale Wortstamm dieses Substantivs ist sīn kāf nūn, der die Grundbedeutung vom Aufhören einer Bewegung, dem Stillstand oder den Zustand des Ungestörtseins beinhaltet, so dass hier auch gut vertreten werden könnte, dass hier gegen Yūsuf ein Beruhigungsmittel eingesetzt werden sollte.

Ich würde mich über eure Meinungen dazu freuen.

In Bezug auf die Aussage „trennten ihre Hände ab“ soll m.E. verdeutlicht werden, dass die Freunde der Frau sich von ihren Bemühungen in diesem Zusammenhang losgelöst hatten. Siehe auch 5:38.

Sehr interessant auch, dass dieses Detail sich übrigens nicht in der biblischen Erzählung von Yūsuf finden lässt (bspw: Genesis 39, 13-20).

2 „Gefällt mir“

Friede Sue!

Das arabische Wort متكأ muttaka` hat zwar die Grundbedeutung Kissen oder Polster, worauf man sich lehnt, wird aber auch (gemäß Wörterbüchern und Exegeten) als Bankett oder umfangreiches Mahl verstanden, weil man sich im in diesem Vers angesprochenen Kulturkreis beim Mahl auf Kissen zu stützen pflegte. Auf dieser Grundlage verstehe ich also den von dir zitierten Vers dahingehend, dass man ein üppiges Mahl vorbereitet und dann Joseph hinzugerufen hat und die Frauen von seiner Schönheit derart begeistert Waren, dass sie sich in ihrer Exstase vor Aufregung mit den Messern beim Zerschneiden beispielsweise einer Frucht in die Finger schnitten. Das im Vers vorkommende arabische Verb قطع qatta´a bedeutet unter Anderem auch „sich sehr in die Finger schneiden“.

Wenn du das Wort سكين sikkīn als Beruhigungsmittel verstehen möchtest, dann denke ich aber eher, dass die Frauen ein Beruhigungsmittel benötigt hätten und nicht Joseph. :joy:

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

2 „Gefällt mir“

Salam :raised_hand_with_fingers_splayed:
Wie diese Aussage zu versehen sein „wahrscheinlich Imhotep“?

1 „Gefällt mir“

Nun.

Ich dachte mehr an ein Beruhigungsmittel (Sedativum) im Sinne einer Psychopharmaka zur Ausschaltung des Bewusstseins von Joseph. Mit der Vorbereitung eines Banketts in Form eines umfangreiches Mahls wie du oben erwähnt hast, würde eine wohlmögliche Sedierung durch den Frau vom Aziz einen Sinn ergeben. Es kann diesbzgl. spekuliert werden (wohl nicht herrschende Ansicht). Aber es eröffnet einen anderen Blickwinkel in die Interpretation dieses Verses, die ich nicht vorenthalten möchte.

1 „Gefällt mir“

Hi Rico. Sehr aufmerksam von Dir, dass du das bemerkt hast.

Imhotep und Yūsuf haben viele ähnliche Punkte, dass sie von einigen Historikern und Archäologen als dieselbe Person angesehen werden, wobei anzumerken ist, dass auch gegensätzliche Meinungen hierzu bestehen.

Mehr hierzu:
https://the-red-thread.net/joseph-imhotep.html

Ablehnende Meinung:
https://rationalwiki.org/wiki/Joseph_was_Imhotep

Aus altägyptischen Quellen können zumindest folgende Informationen festgehalten werden:

Imhotep war ein altägyptischer Wesir, der 2700 v. Chr. gelebt hat. Er war der Architekt der ersten Stufenpyramide. Er war zugleich ein Philosoph, Geistlicher und Arzt. Entgegen der landläufigen Meinung war er Tausende von Jahren vor Hippokrates der erste Praktiker der modernen Medizin im heutigen Sinne. Es war ein Traumdeuter nach ägyptischen Dokumenten. Er wusste im Voraus über die siebenjährige Hungersnot Bescheid und verhinderte durch Vorsichtsmaßnahmen, dass sein Volk durch Hungersnot beeinträchtigt wurde. Er hatte elf Geschwister. Er starb im Alter von einhundertzehn. Nach einer Überlieferung wurde er getötet und anschließend mumifiziert.

Diese Informationen erinnern an Yūsuf. Er war der Enkel von Ishaq, der der Sohn von Abraham war und damit der Sohn von Jakob. Er hatte elf Geschwister. Er wurde an die Ägypter verkauft, wurde Sklave und durch die richtige Interpretation von Träumen (besser: Visionen) erkannte er sieben Jahre Dürre und wurde anschließend der Wesir vom Melik (König).

yusuf-15

In der Tora wird zwar beschrieben, als ob er in seinem Bett gestorben wäre. Im Koran wird jedoch eindeutig erwähnt, dass eine Vernichtung (40:34, 16. Wort „halaka“ → in fast allen Koranübersetzungen wird dieser Begriff in 40:34 falsch übersetzt; siehe The Quranic Arabic Corpus - Quran Dictionary) sich ereignete. Daraus folgt, dass er nicht unter normalen Umständen gestorben ist.

Im Koran wird der Staatsoberhaupt in der Zeit von Yūsuf mit „Melik“ bezeichnet. Melik bedeutet König.

Im alten Ägypten wurde das Wort „nesu“, (siehe auch: Sesostris-I.-Pyramide – Wikipedia) was König bedeutet, vor der Zeit von Moses verwendet. Das ägyptische Staatsoberhaupt zur Zeit Moses wurde mit Pharao bezeichnet.

All diese Ähnlichkeiten könnten die Meinung bestätigen, dass Imhotep Yūsuf wäre.

Zweifellos ist Gott der Wissende.

3 „Gefällt mir“

Friede Sue!

So eindeutig sehe ich das nicht. In vielen arabischen Wörterbüchern wird unter den verschiedenen Bedeutungen des arabischen Verbs هلك halaka als deutsches Äquivalent auch „sterben“ angegeben.

Es gibt zwar Wörterbücher, die darauf hinweisen, dass dieses Sterben oft mit einem negativen Aspekt behaftet ist, was aber nicht ausschließt, dass mit هلك halaka im Quran auch ein normaler Vorgang des Sterbens bezeichnet wird. Ein Beleg dafür ist meines Erachtens in Sure 4 der Vers 176, der über das Erbrecht spricht und erwähnt, wie zu verfahren ist, wenn ein kinderloser Mann stirbt - und im arabischen Text steht hier هلك halaka.

Aber trotzdem vielen Dank für deine interessanten Ausführungen!

Salām und Schalom!
Gunnar :green_heart:

2 „Gefällt mir“

Ich mag die Sure Yūsuf sehr…
Und ich werde mich auch schnellstens mal wieder mit ihr befassen :slightly_smiling_face:und auch nochmal deine Ausführungen näher betrachten…

Aber im Vorhinein kann ich mir das einfach nicht vorstellen :thinking:hätte Allah es nicht erwähnt im Koran wenn es so sein sollte?
Oder spielt es einfach keine Rolle?

1 „Gefällt mir“

Nun, genau weiss ich es nicht. Gott weiss es am besten. Und hätte er gewollt, hätte er uns ganz gewiss allesamt geführt (vgl. 16:9).

Wichtig ist, dass wir uns mit dem Koran beschäftigen, das übrigens der größte Dschihād ist (vgl. 25:52).

1 „Gefällt mir“

Vielen Dank für dein Feedback. Ich nehme an, dass du nicht den Kapitel an sich, sondern nur den hier zitierten Vers meinst. Ich habe daher Bubenheim noch hinzugenommen und den Beitrag aktualisiert.

1 „Gefällt mir“

Es freut mich, dass mein Beitrag dich dazu gebracht hat, die komplette Sure nachzulesen. Selam.

1 „Gefällt mir“

ok. jetzt lösche ich meine Beiträge wieder

Brauchst du eigentlich nicht. Ich bin für jedes Feedback froh. Danke Dir.

1 „Gefällt mir“

Deine Nachricht habe ich leider übersehen. Hier mein verspäteter Einwand:

Auch in 4:176 ziehe eine dem Begriff entsprechendere Übersetzung vor.

In diesem Vers geht es m.E. darum, dass der Erblasser weggefallen ist (bzw. verschollen ist).

Mit der Verwendung dieses هلك halaka könnten folglich Fallgruppen gedeckt sein, die neben dem Todesfall auch die Fälle bei dem der Aufenthalt des Betroffenen (möglicherweise für eine längere Zeit) unbekannt ist. Unbekannt in dem Sinne, dass keine Nachrichten darüber vorliegen, ob er noch lebt oder gestorben ist und ernstliche Zweifel an seinem Fortleben bestehen.

1 „Gefällt mir“

Update: Vision / Traum

12:4 Einst sagte Yūsuf zu seinem Vater: "Mein Vater. Zweifellos sah ich elf Planeten und die Sonne und den Mond. Ich sah, wie sie vor mir in Niederwerfung sind."

Wie wir wissen, erfüllte sich diese Sichtung mit der Inobhutnahme der Brüder und den Eltern von Yūsuf, vgl. 12:100. Die Niederwerfung hingegen deutete möglicherweise auf eine schwere Prüfung hin, ähnlich wie bei Adam, vgl. 2:34; 2:35.

Diese „Sicht“ ist m.E. nicht nur auf ein Traum aus einem Schlaf zu begrenzen, sondern als eine Vision zu begreifen, die Yūsuf im Wachzustand gesehen hat, was durch die zweimalige Verwendung des Verbs ra-aytu (arabisch: راي, türkisch: gördüm, deutsch: „ich sah“) im Vers hervorgehoben wird (aA vertretbar).

Träume, die im Schlaf gesehen werden, werden im Koran mit dem Ausdruck fī manāmika (arabisch: فى المنام, türkisch: uykuda, deutsch: „schlafend“, „im Schlaf“) (vgl. 8:43; 8:44) bezeichnet. Siehe auch 37:102.

Derartige Visionen hatten auch die Kerkerfreunde von Yūsuf oder auch der König des Landes. Davon ausgehend, ist anzunehmen, dass eine derartige spirituelle Praxis einer Visionssuche und deren Deutung zu dieser Zeit üblich war.

Aus selben Grund wurde Moses in einer Zeit, in der Magie üblich war, durch Wunderzeichen in dieser Richtung unterstützt.

Ebenso wurde Mohammed mit dem Koran gesandt, der ein literarisches Wunder ist, in einer Zeit, in der die Kunst des Sprechens und der Literatur weit verbreitet war. Yūsuf wurde als Visionär mit der Fähigkeit zur Deutung von „komplexen Bildern über künftige Ereignissen“ ausgestattet. Diese Art von Zukunftsvision war auch für Mohammed gegenwärtig, vgl. 48:27. Diese Vision von Mohammed (vgl. 48:27) ist neben der Geschichte von Yūsuf übrigens die einzige Vision im Koran.

Wie wir aus dem Koran lernen, ist eine Vision ein Phänomen, das jeder erleben kann.

Die Fähigkeit hingegen derartige Visionen zu interpretieren, ist eine Eigenschaft, die Yūsuf (nur) gegeben wurde. Tatsächlich konnte sein Vater, Jakob, die Vision seines Sohnes nicht genau verstehen und versuchte nur grobe Voraussagen zu treffen.

Zweifellos ist Gott der Wissende.

2 „Gefällt mir“