Sure 18, Ashāb al-kahf

Wie mein geschätzter Bruder @OASE im Zhg. mit Ashāb al-kahf (deutsch: die Leute der Höhle) zutreffend feststellt ist Sure 18 eine faszinierende Sure mit ihren diversen Schilderungen von Ereignissen und Personen: Sie zu „entschlüsseln“ ist eine langwierige, aber höchst interessante Aufgabe.

Im Christentum sind sie als die „heiligen Siebenschläfer“ bekannt. Neben der Örtlichkeit (Ephesus) sind selbst die Namen der Leute und des Hundes bekannt.

https://corpuscoranicum.de/kontexte/index/sure/18/vers/18/intertext/146/redirect/1

Ich persönlich sehe die Sache anders und stimme dieser These nicht zu (aA sicherlich vertretbar), zumal auch ähnliche Überlieferungen in anderen Religionen bekannt sind (selbst im Judentum), was mich irgendwie an die Legenden um die Himmelfahrt (siehe dazu: Die Himmelfahrt und die nächtliche Reise) erinnert:

Ich werde mich in diesem Beitrag dem Grundsatz sola scriptura (Koran ist die einzige normative Quelle der Gottergebenheit, vgl. 2:285; 3:159; 6:112; 68:42) folgen und mich auf den Koran alleine fokussieren.

Meine Schlussfolgerung ist, dass sich die Geschehnisse um Ashāb al-kahf im Tal der Könige ereignet haben könnten.

Vorab ist zum Verständnis zum Tal der Könige folgende Hintergrundinformationen angezeigt:

Das Tal der Könige (arabisch: وادي الملوك, türkisch: Krallar Vadisi) – gelegen in der Nähe des altägyptischen Theben, heute in der Nähe des Zentrums der oberägyptischen Stadt Luxor – war eine Nekropole im Alten Ägypten, in der noch in der Gegenwart zahlreiche Gräber und Gruben aufgefunden werden. Es ist eine der bedeutendsten ärchäologischen Stätten Ägyptens und der Welt und Begräbnisstätte der meisten Pharaonen des Neuen Reichs (ca. 1550-1080 v.Chr.).

Etwa fünf Kilometer vom Fluß entfernt zieht sich ein großes Wadi zunächst in nordwestlicher Richtung in die Gebirgskette, die den Nil begleitet, biegt dann nach Süden ab und endet unmittelbar hinter der Felskulisse von Deir el-Bahari. In diesem Ostteil des Tales liegen auch die meisten Gräber.

Das Bauen von Gräbern gehörte zum Glauben der alten Ägypter an das Leben nach dem Tod und zu ihren Vorbereitungen für die nächste Welt: Die alten Ägypter glaubten fest an das Jenseits, in dem ihnen versprochen wurde, ihr Leben fortzusetzen, und den Pharaonen wurde versprochen, sich mit den Göttern zu verbünden. Der Prozess der Mumifizierung war daher wichtig, um den Körper des Verstorbenen zu erhalten, damit seine ewige Seele ihn im Jenseits wieder aufwecken kann. In den alten Gräbern befanden sich auch alle Besitztümer der Verstorbenen, da man glaubte, sie könnten sie im Jenseits brauchen.


Im Einzelnen:

بِسْمِ اللّهِ الرَّحْمَنِ الرَّحِيمِ

18:9 Oder rechnest du wohl, dass die Anhängerschaft der artifiziellen Höhle und der Inschrift von unseren Zeichen sind, die beeindrucken?

Ich bevorzuge als Übersetzung „artifizielle Höhle“ in Abgrenzung zu der Terminologie in 9:40 bzw. 9:57: Die in 9:40:15 und 9:57:5 bezeichnen Höhlen sind Hohlräume, die ausschließlich natürlich, d.h. durch geologische Prozesse entstanden sind, die aber von den künstlich erweiterten Aushöhlungen abzugrenzen sind, die durch Eingriffe des Menschen als Hohlräume wie z. B. Bergwerke, Erdställe, Felsengräber, Hypogäen, Katakomben, Luftschutzstollen, Souterrains oder wie hier artifizielle Wohnhöhlen entstanden sind (sog. Subterranea).

Im Zhg. mit 18:11

18:11 Hierauf schlugen wir auf ihre Ohren in der artifiziellen Höhle, für zahlreiche Jahre.

hatte ich bereits auf zwei verschiedene Interpretationen hingewiesen:

18:17 Und du siehst, wenn die Sonne sich ausfaltet (aufgeht), dass sie zur rechten Seite ihrer artifiziellen Höhle wegschreitet und dass sie, wenn sie untergeht, sie an der linken Seite tangiert und (währenddessen) sind sie in der Ausdehnung von ihr. Das ist eines von den Zeichen Gottes. Wer von Gott geführt wird: Hieraufhin ist er der Geführte. Und wer von ihm abgeirrt wird: Hieraufhin wirst du für ihn keinen Verbündeten finden, der ihn abklärt.

Nicht nur die vielen Wandbemalungen, die die Sonne darstellen, sondern auch die geografische Lage der Aushöhlungen im Tal der Könige decken sich mit diesem Vers, denn die die Begräbnisstätten hatten spezielle geographische Positionen ähnlich wie bei den Pyramiden, worauf hier durch die Beschreibungen der Sonnenbewegung hingewiesen wird.

Aber auch die zahlreichen Wandbemalungen in den Gräbern unterstützen die These. Siehe:

https://www.kunst-fuer-alle.de/deutsch/kunst/kuenstler/kunstdruck/tal-der-koenige/18425/1/122957/sonnenlauf---aegypt--wandmalerei/index.htm

18:18 Und du rechnest damit, dass sie wach sind, und (währenddessen) sind sie die Ruhestätte. Und wir drehen sie herum zur Rechten und zur Linken. Und ihr Hund ist auf der Schwelle, der seine zwei Pfoten ausstreckt. Wenn du über ihnen ausgefaltet (aufblicken) wärst, hättest du dich ganz gewiss abgewendet von ihnen durch ein Davonmachen und du wärst ganz gewiss erfüllt von ihnen durch Furcht.

Der Begriff ruqūdun in 18:18:4 bezeichnet einen Sarg. Dazu gehört auch der Sarkophag, als ein umgeschlossener Sarg, der im damaligen Altägypten zumeist aus Stein oder Holz gefertigt wurde, worauf in Lebensgröße die Figur der bestatteten Person vorhanden ist.

Siehe dazu auch: 3000 Jahre alte Holzsärge: Sensationeller Sarkophag-Fund | tagesschau.de Sarkophag - Medienwerkstatt-Wissen © 2006-2021 Medienwerkstatt

Der Begriff kalbuhum in 18:18:10 weist möglicherweise auf die sog. Anubis-Statue. Anubis wird vorwiegend als liegender schwarzer Hund dargestellt, der nach ägyptischer Mythologie als ernstzunehmender Totengeleiter und Wächter vor der Grabkammer aufgestellt wurde. Möglicherweise hatten ihre Hunde diese furchteinflößende Position eingenommen.

Der liegende Hund war insofern für die Altägypter furchterregend, was aus folgendem Zitat deutlich wird:

„Ich bin es, der den Sand hindert, die geheime Kammer zu ersticken, und der derjenigen zurückweist, der ihn zurückweist mit der Wüstenflamme. Ich habe die Wüste (?) in Flammen gesetzt, ich bin schuld, wenn der falsche Weg genommen wird. Ich bin da zum Schutz des Osiris (des Verstorbenen)“

18:19 Und ebendarum, dass sie untereinander fragen, haben wir sie (ins Leben) zurückgebracht. Ein Sprecher unter ihnen sagte: „Wie lange habt ihr verweilt?“ Sie sagten: „Wir verweilten einen Tag oder einen Teil eines Tages.“ Sie sagten: „Euer Herr ist genau wissend darüber, wie lange ihr verweilt habt. So lässt durch einen von euch mit diesem euren Druckblatt (Münzprägung) der Stadt hervorbringen, so dass er sieht, welches Verzehr das Reine ist, woraufhin er davon euch ein Versorgungsvorrat herbringt. Und er soll umsichtig sein und niemanden von euch wahrnehmen lassen.“

Im Zhg. mit dem „Blatt“ hatte ich bereits meine Interpretation hier erläutert:

In dem besagten Tal haben ägyptische Arbeiter die Gräber in den Fels geschlagen. Eigens für die Grabbauten im Tal der Könige wurde ein Arbeiterdorf gegründet, zur Zeit des Neuen Reiches: Deir el-Medine. 18:19 verwendet diesen Begriff.

In dieser Arbeitersiedlung lebten die Handwerker, Künstler und Steinmetze bis zu ihrem eigenen Ableben. Das Dorf war abgeschirmt von der Außenwelt, mit einer Mauer umgeben.

https://www.mein-altaegypten.de/Website/C-Architektur-Tal-Deirelmedine.html

In Sure 18 wird auffällig viel über die Aufgaben der Ashāb al-kahf berichtet, so dass ausgegangen werden könnte, dass diese jungen Männer in dem Tal als Arbeiter tätig waren. 18:9 könnte dies unterstützen: Sie hatten laut 18:9 die Eigenschaft der „Inschrift“, mithin hatten sie spezielle Fertigkeiten im Zhg. mit dem Handwerk.

Sie waren laut 18:22 sieben (denn die letzte Aussage, dass sie sieben waren und ihr Hund der achte war, wird vom Koran in diesem Vers nicht bestritten.) Personen. Und sie waren in zwei Parteien unterteilt (vgl. 18:12), dh eine Gruppe mit vier Personen und eine Gruppe mit drei Personen, mithin möglicherweise Arbeitskolonnen inkl. Vorarbeitern (siehe dazu „Hierarchie“ in Die Arbeitersiedlung Deir el-Medina in Geschichte | Schülerlexikon | Lernhelfer)

Zweifellos ist Gott der Wissende und er ist genau wissend.