Übersetzungen des Verses 4:135


#1

Frieden liebe Geschwister,

ich wollte von euch gerne erfahren, was ihr darüber denkt, welche der Übersetzungen des Verses 4:135 ihr am ehesten richtig oder treffend findet. Ich habe gemerkt, dass dieser Vers von einigen Übersetzern derart übersetzt wird, dass daraus die Aufforderung entnommen werden kann, dass die Gläubigen ihr Zeugnis der Wahrheit gemäß (zB vor einem Gericht) ablegen sollen, sei es auch gegen sich selbst oder die näher bestimmten Personen. Andere übersetzen es eher so, dass man Zeuge für Gott sein soll, sei es auch gegen sich selbst oder die näher bestimmten Personen. Im Koran gibt es eine vergleichbare Aufforderung in 6:152, die ebenfalls unterschiedlich - im Sinne der Varianten des 4:135 - übersetzt wird.

Danke schon einmal für die Antworten, und Friede sei mit euch!


#2

Das arabische li-Llahi kann man meines Erachtens mit “um Allahs willen” übersetzen, und zwar in der Bedeutung “um das Wohlgefallen Allahs und Seine Belohnung zu erlangen”. Dies ist die bevorzugte Meinung der Quran-Exegeten Asch-Schaukani und Az-Zamachschari. Auch Al-Alusi weist darauf hin, dass man Gerechtigkeit üben soll, um in erster Linie das Wohlgefallen Allahs zu erlangen und nicht das Wohlgefallen der jeweils betroffenen Menschen.
Und Allah weiß es am besten!


#3

Frieden Bruder Ilir, Gottes Barmherzigkeit wie Sein Segen!

4:135 Ihr, die ihr glaubtet, seid Einstehende für die Gerechtigkeit als Zeugen für Gott, auch wenn es gegen euch selbst oder die Eltern oder die Nächsten wäre. Ob es ein Reicher oder ein Armer ist, so ist Gott eher bei beiden. So folgt nicht der Neigung, auf dass ihr gerecht seid. Und wenn ihr verdreht oder euch abwendet, so war Gott gewiss kundig dessen, was ihr tut

Es darf nicht vergessen werden, dass man solcherart Verse nicht loslösen darf vom Gesamtkontext des Themas an sich - hier in diesem Falle die Zeugenaussage bzw. gerichtliche Prozesse im Allgemeinen. Du hast ja korrekterweise auch 6:152 angeführt, wo das Prinzip des gerecht sein betont wird.

Die Art der Übersetzung spielt dann keine Rolle mehr, da die Bedeutung festgelegt wurde: “Für Gott” ist also gleichbedeutend mit der Einhaltung der Gerechtigkeit, dies wiederum kann nur erfolgen, wenn das Zeugnis wahrheitsgemäß erfolgt.


#4

Frieden lieber Bruder,
die Übersetzung von Kerem passt.


#5

Frieden liebe Geschwister u Gottes Barmherzigkeit u sein Segen seien auch mit euch!

Ich habe den Vers ebenfalls derart verstanden, dass darin die (moralisch-ethische!) Aufforderung enhalten ist wahrheitsgemäß Zeugnis abzulegen (also wenn man in die Zeugenrolle gerät), in welchen Umständen auch immer (dh im Geschäftsleben, vor Gericht oder einfach nur innerhalb von sozialen Verbindungen). Man sollte aber nicht so weit gehen (was hier auch keiner tut), dass daraus die Aufforderung entnommen werden kann, dass man nun verpflichtet werden soll zB per Gesetz durch einen Staat, die darin benannten Personen zB bei der Polizei anzuzeigen, wenn man bei Ihnen zB strafbares entdeckt. Auch den Auftrag einen Zeugen unbedingt zur Aussage, dh ideal zur wahren Aussage, gegen die benannten Personen zu verpflichten, kann ich daraus nicht entnehmen. Speziell im deutschen Strafprozessrecht finde ich die Regelungen sehr ausgewogen, wenn zB nach § 57 StPO die Zeugen vor der Vernehmung ua zur Wahrheit ermahnt werden und nach § 52 StPO ein Zeugnisverweigerungsrecht der Angehörigen des Beschuldigten besteht. Vor allem die letzte Regelung ist ua ein Ausdruck dafür, dass man Angehörige nicht in die Bedrängnis bringen will, falsch zB gegen einen Verwandten auszusagen und sich damit eventuell strafbar zu machen wegen einer Falschaussage. Man darf somit keinen zu einer wahren Aussage zwingen, der in einem bestimmten Verwandschaftsverhältnis zu einem Beschuldigten steht. Natürlich muss es jeder mit sich selbst vereinbaren und insbesondere vor Gott rechtfertigen, wenn er/sie gelogen hat, zB um einen Angehörigen zu decken, aus Mitleid gegen einen Armen oder als Gefälligkeit für einen Reichen von dem man sich etwas erhofft. Die Übersetzung des Verses 4:135 mit ,für Gott" spiegelt somit wieder, dass man ,für Gott" (als Verhaltensweise die Gott aufgrund ihrer Gerechtigkeit gefällt) wahrheitsgemäß bezeugen soll und nicht wider besseres Wissen (und Gott erfasst alles Verborgene) falsch bezeugt.


#6

Frieden lieber Bruder @Ilir_Maliqi, interessante Betrachtung. Man merkt, du nimmst es als angehender Jurist genau. :+1:

Ich persönlich sehe auch keine Pflicht formuliert, dass man ggf. anzeigen müsse oder zur Aussage gezwungen wäre. Vers 6:152 schränkt den Umfang zu Beginn auch ein wegen dem Vermögen von Waisenkindern. Und die zusätzliche Aussage verknüpft mit der Bedingung “und wenn ihr aussagt, dann …” verstehe ich so, dass man rechtlich gesehen den Leuten die Möglichkeit geben kann, die Aussage zu verweigern. Die Verweigerung der Aussage ist aber ja (nicht rechtlich gesehen) ein Teilgeständnis, oder nicht?


#7

Frieden Bruder Ilir,

Und weshalb nicht?

Das mag sein, aber ich denke, dass im deutschen Strafprozessrecht Gottes Worte auch keine Beachtung finden. Ein menschengemachtes Gesetz o.ä. sollte beim Interpretieren von Versen doch keine Quelle für uns sein? Wobei ich persönlich die Verse als ganz klar und deutlich definiere.


#8

Frieden @Kerem, selbstverständlich Bruder; im Detail steckt bekanntlich der Teufel!

Das Wortlaut-Argument bzgl. 6:152 habe ich nicht gesehen gehabt, gut dass du darauf gekommen bist bzw. hinweist. Danke dafür!

Zum letzten Punkt, ob die Verweigerung einer Aussage ein Teilgeständnis darstellt, muss ich Zweifel anmelden. Das klingt ein wenig wie der Spruch, wer nichts zu verbergen hat, der hat nichts zu befürchten und kann ja alles offenlegen. Ein Geständnis kann immer nur vorliegen, wenn das von der Frageperson Unterstellte durch das Geständnis bestätigt wird. Es kann aber so liegen, dass ganz andere Tatsachen bekannt sind, die nicht offengelegt werden. Es kann diverse Gründe bzw. Motive geben, warum jemand nicht aussagt (Angst vor Repressalien, Misstrauen, Scham etc.). Manchmal wird das schon so sein, dass jemand nicht aussagt, um eine dritte Person nicht zu belasten. Aber das muss keine Regel sein und im Einzelfall kann man das nicht stets mit Gewissheit sagen. Man darf nicht vergessen, dass ein Zeuge normalerweise nur über Tatsachen berichtet. Die rechtliche Würdigung erfolgt durch Juristen. Was zB ein Bericht über ein Ausschnitt des Geschehens ist, kann nach rechtlicher Würdigung des ganzen Sachverhalts etwas ganz anderes darstellen (zB Notwehr).

Frieden Schwester Arzu,

du hast recht, für das Verständnis der Lesung ist allein der (gesamte) Inhalt der Lesung maßgeblich. Dass für das deutsche Strafprozessrecht Gottes Worte keine Beachtung gefunden haben, würde ich so nicht unterschreiben. Die Gesetzgeber der StPO oder eines sonstigen Gesetzeswerkes haben immer auch ihre persönlichen Motive in den Gesetzentwicklungs/-gebungsprozess eingebracht. Ich vermute, dass zahlreiche Menschen in Europa auch geprägt sind von einem gewissen Verständnis vom Alten und Neuen Testament. Was sie aus diesen Offenbarungen an Grundgedanken entnommen haben, konnte durchaus auch weiter Anklang finden in der (menschlichen) staatlichen Gesetzgebung.

Was deine erste Frage anbelangt, so muss ich dich bitten zu differenzieren. In dem Vers 4:135 geht es um eine Zeugenaussage, also wenn jemand dazu aufgefordert ist ein Zeugnis abzulegen gegenüber jemand (und unter Umständen auch gegen jemand anderes). Es ist mithin quasi eine passive Rolle gegenüber der aktiven Rolle der Frageperson. Man darf das nicht verwechseln mit dem aktiven Berichten von etwas gegenüber jemand anderem (was wir als Anzeige kennen). Dazu sagt dieser Vers meiner Meinung nach nichts. Über diesen Punkt gibt es in der Lesung zB den Vers 4:83, wo gesagt wird, dass Informationen die die Sicherheit bzw. das Sicherheitsgefühl betreffen gegenüber den zur Aufklärung Zuständigen mitgeteilt werden sollen, statt diese unkontrolliert in die Welt zu streuen und unter Umständen unbegründete Angst zu verbreiten. Nun muss man aber klären, ob dieser Vers schon die Aufforderung enthält, die Menschen zu verpflichten derartige Informationen mitzuteilen oder doch nur eine moralisch-ethische und damit grundsätzlich rechtlich unverbindliche Aufforderung enthält. Wenn man daraus eine Verpflichtung entnimmt, dann stellt sich wieder die Frage, was genau, also welchen Schweregrad muss etwas erlangen, damit man verpflichtet ist etwas mitzuteilen bzw. anzuzeigen. Der deutsche Gesetzgeber hat im (materiellen) Strafrecht in § 138 StGB geregelt, welche Straftaten anzuzeigen sind und damit wann man sich strafbar macht, wenn man dieser Rechtspflicht nicht nachkommt. Man sieht, es ist bzw. es war auch hier eine Wertung notwendig, denn man kann nicht verlangen, dass Privatpersonen sich gegenseitig beäugen und jedes kleine Vergehen zur Anzeige bringen. Zur Strafverfolgung sind eben nur die auf Grundlage des Gesetzes tätigen Strafverfolgungsbehörden zuständig. Auch eine Anzeige schaltet diese ein, mehr nicht.

Verzeiht mir, dass es so ausführlich wurde, aber mir erscheint das als notwendig.

Frohes Bayram-Fest!


#9

Frieden Bruder @Ilir_Maliqi,

ich fand deine ausführliche Darlegung sehr aufschlussreich. So habe ich deinen Standpunkt auch besser nachvollziehen können :+1:

Wünsche dir ebenfalls ein gesegnetes Fest. Möge Gott es uns ermöglichen nächstes Jahr wieder zu fasten.


#10

Freut mich! Amin, so Gott will!