Verpasstes rituelles Pflichtgebet


#1

Ich stelle mir folgenden Tatbestand vor:

Ein auf Basis des Quran lebender Muslim verpasst ein rituelles Pflichtgebet, weil er beispielsweise verschlafen hat oder sein Chef es ihm nicht erlaubt, während der Arbeitszeit ein rituelles Pflichtgebet zu verrichten.

Es gibt meines Erachtens nun zwei Möglichkeiten, zu einer Rechtsnorm zu gelangen.

  1. Man zieht als Beweis den Quran-Vers

„… Das rituelle Pflichtgebet ist für die, die den Glauben verinnerlichen, wahrhaftig für bestimmte Zeiten vorgeschrieben!“ (4:103)

heran und sagt, dass die vorgeschriebene bestimmte Zeit ja verstrichen und deshalb das jeweilige Gebet definitiv versäumt sei. Ein nachgeholtes Gebet sei deshalb zwecklos.

  1. Man zieht als Beweis denselben Quran-Vers heran und sagt: „Ja, die vorgeschriebene Zeit ist zwar verstrichen, aber die allgemeine Pflicht zur Verrichtung des rituellen Pflichtgebets besteht weiterhin und deshalb muss das versäumte Gebet nachgeholt werden, sobald man dazu in der Lage ist. Dieses verrichtete Gebet hat zwar den Mangel, dass es außerhalb der vorgeschriebenen Zeit verrichtet wurde, es liegt jedoch einzig und allein im Ermessen Allahs, ob ER auf Grund SEINER Allbarmherzigkeit das zu spät verrichtete und deshalb mangelbehaftete Gebet unter Berücksichtigung der guten Absicht des Betenden annimmt.“

Wie lautet eure Meinung? Welche der beiden Argumentationen ist euer Ansicht nach vorzugswürdig? Gibt es noch eine weitere Möglichkeit einer Lösung des Problems?


#2

Frieden,
da bin ich mir eher unsicher.


#3

Da geht es dir wie mir. :slightly_smiling_face:
Aber ich neige zur zweiten Möglichkeit.


#4

Verpasste Kontaktgebete sind verpasst und man kann nicht einfach aufgrund eines einzelnen Verses argumentieren, wo doch über 70 Verse vom Kontaktgebet handeln. 107:5 legt zum Beispiel wert auf die Art und Weise, wie wir es verrichten. Davon ausgehend kann man sagen, dass einzelne verpasste nicht nachgeholt werden können, aber eine Regelmäßigkeit wichtig ist.

Es gibt noch weitere Verse, die man hinzuziehen hat. Wollte nur verdeutlichen, dass die Grundlage wichtig ist, auf der man diskutiert. Habe ja deshalb auch mein Buch geschrieben.

Dein Argument setzt ohne Begründung voraus, dass nur zwei Möglichkeiten existieren. Diese Voraussetzung ist zu hinterfragen. Bitte eine ganzheitliche Betrachtung vornehmen.


#5
  1. Dass einzelne verpasste Gebete nicht nachgeholt werden können, habe ich ja bereits als eine Möglichkeit des Argumentierens erwähnt. Dazu reicht der von mir genannte Vers vollkommen. Der Vers 107:5 ist weniger eindeutig, weil das Wort sāhūn mehrere Deutungsmöglichkeiten offen lässt, worauf ja auch verschiedene Quran-Exegeten hinweisen.

  2. Deine Aussage „Dein Argument setzt ohne Begründung voraus, dass nur zwei Möglichkeiten existieren“ ist nicht zutreffend. Zum Einen habe ich gesagt, dass es „meines Erachtens“ zwei Möglichkeiten gibt, das heißt, es ist meine subjektive Meinung, schließt aber andere Meinungen nicht aus. Das wird zum Anderen ja auch ganz klar dadurch, dass ich am Ende meines Beitrags ausdrücklich nach einer weiteren Möglichkeit zur Lösung des Problems gefragt habe.

  3. Ja, es gibt über 70 Verse, die vom rituellen Pflichtgebet sprechen. Aber mein Thema ist doch gar nicht das rituelle Pflichtgebet im Allgemeinen, sondern ganz eng eingegrenzt die festgelegte Zeit des rituellen Pflichtgebets. Und zu diesem konkreten Fall der festgelegten Zeit gibt es meines Wissens eben nicht über 70 Verse.

  4. Inwieweit meine zweite genannte Möglichkeit des Argumentierens zu einer Rechtsnorm herangezogen werden kann, dazu hast du leider gar nichts gesagt. Lässt sich diese zweite Möglichkeit denn durch eindeutige Belege widerlegen oder wäre es denn nicht auch eine logische und zulässige Argumentation, die ich ja begründet habe?

  5. Dass ich mit den von mir genannten zwei Möglichkeiten einer Antwort nicht allein stehe, zeigt mir ja übrigens auch der Beitrag von Rilum, der sich eher unsicher ist.

  6. Dass im Quran der Muslim sehr oft dazu aufgefordert wird, das rituelle Pflichtgebet zu verrichten, die festgelegte Zeit im Hinblick auf das Festgelegt-Sein aber nur einmal (möglicherweise zweimal) erwähnt wird, gibt mir doch sehr zu denken. Der Verrichtung des rituellen Pflichtgebets kommt im Quran ein sehr hoher Stellenwert zu, und deshalb neige ich zu der Ansicht, dass es besser oder sicherer wäre, das rituelle Pflichtgebet nachzuholen, wenn man es wegen eines nachvollziehbaren Grundes, der nicht auf einer Absicht beruht, in der festgelegten Zeit versäumt hat. Ein mangelbehaftetes rituelles Pflichtgebet ist meiner Meinung nach immer noch besser als ein gar nicht verrichtetes. Wenn ich es also nachhole, verliere ich nichts – gleich ob meine Ansicht richtig ist oder nicht. Wenn aber meine Meinung, das Gebet nachzuholen, richtig sein sollte und ich es dann nicht tue, dann habe ich viel verloren.

Trotzdem danke für deine Antwort! :slightly_smiling_face: Ich glaube allerdings, dass das Thema komplexer ist, als es einfach mit den Worten “Verpasste Kontaktgebete sind verpasst” ad acta zu legen.


#6

Übrigens würde ich mich sehr darüber freuen, wenn es ganz allgemein mehr Bereitschaft gäbe, auf gelesene bzw. aufgerufene Beiträge durch eine eigene Stellungnahme zu reagieren. Und damit meine ich nicht nur meine Beiträge!

Bei manchen Beiträgen habe ich den Eindruck, dass Dialoge vorwiegen. Es gibt schon fast 50 Benutzer, was doch positiv ist! Daran gemessen finde ich den Meinungsaustausch in diesem Forum recht mager!

Das haben meiner Meinung nach nicht nur diejenigen nicht verdient, die Beiträge schreiben, sondern auch diejenigen nicht verdient, die dieses Forum geschaffen und gut organisiert haben und gut verwalten!

In diesem Sinne grüße ich ALLE Benutzer! :slightly_smiling_face:


#7

Es ging mir nicht darum, es “ad acta” zu legen, sondern das ist gerade deine Wortwahl. Du hast diesen Umstand bereits als “verpasst” umschrieben.

Du müsstest dir dann wohl eine andere Wortwahl überlegen.

Genau hier unterscheiden sich unsere Ansätze. Zwar spricht nicht jeder Vers, der das Kontaktgebet beinhaltet, über die Zeiten, aber dennoch können sie nicht ignoriert werden. Mehrdeutigkeiten sind kein Argument, um ein Vers generell auszuschließen. Gerade dieser Umstand zeigt meistens auf, dass keine einfache Betrachtung möglich ist und deshalb eine Einschränkung auf zwei Möglichkeiten oder auf einen einzelnen Vers, auch wenn sie als persönliche Ansicht, aber dennoch als “vollkommen ausreichend” deklariert wird, nicht sinnvoll erscheint.

Die Verwendung des Adjektivs logisch in Bezug auf Argumentationen erfordert ein klares Bezugssystem, worin Regeln des Schlüsseziehens festgelegt werden. Dies hast du jedoch nicht dargelegt und du folgst auch keinem sonstigen mir bekannten System. Aktuell ist es einfach deine individuelle Ansicht ohne systematische Ausarbeitung. Die Unsicherheit von @Rilum kann auch allgemein gemeint sein, er hat ja nichts Konkretes geschrieben.

Deine Argumentation in Punkt sechs erinnert an die

Beide Wege gehen in Teilen davon aus, dass etwas richtig ist, um zu zeigen, wieso es richtig ist. Insofern wurde dadurch der Diskussion nichts hinzugefügt.

Die ganzheitliche Beschreibung des Kontaktgebets an sich ist wichtig, denn sie kann Aufschluss darüber geben, wieso die zeitliche Einhaltung betont wird. Dann kann entschieden werden, ob es sich um ein Prinzip ohne minutiöse Einhaltung handelt, oder um etwas anderes.

Die Gottergebenheit ist indes keine Rechtsreligion, sondern vielmehr eine innere, spirituelle Entwicklung.


#8

Erst mal habe ich mit dem Begriff “annehmen” im Zusammenhang mit dem Gebet meine Schwierigkeiten. Ich denke, das Gebet ist in erster Linie etwas, was uns selbst guttut, weil es uns daran erinnert, was wirklich wichtig ist im Leben. Wenn ich einen Groll gegen jemanden habe, muß ich diesen erst besiegen, ehe ich beten kann. Es verschafft mir innere Gelassenheit, ich erinnere mich daran, wofür ich dankbar sein kann.

Daraus folgt dann auch die Antwort auf die obige Frage. Wenn ich eine bestimmte Zeit verpasse (wobei das Problem ist, daß die Zeiten eben gar nicht so genau bestimmt sind), hole ich es zum nächstmöglichen Zeitpunkt nach. Habe ich mehrere Gebete verpaßt, macht es für mich aber keinen Sinn, diese alle nachzuholen. Das wäre so wie mehrmals hintereinander Zähne zu putzen oder den Wecker mehrmals klingeln zu lassen.

Übrigens war ich gerade ein paar Tage auf Radtour bzw. auf dem Land und habe gemerkt, wie schön doch das Gebet in der Morgendämmerung ist, auch wenn ich dafür früh aufstehen muß. Diese besondere Stimmung und all die singenden Vögel, das scheint mir ein besonderes Geschenk Gottes zu an uns zu sein, das wir nicht verpassen sollten. Wobei es in der Stadt zugegebenermaßen längst nicht so schön ist.


#9

Vielen Dank für deinen Beitrag!

Dass das Gebet in erster Linie etwas ist, was uns selbst gut tut, ist sicher eine interessante Aussage, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob zu diesem wichtigen Aspekt die Wertung „in erster Linie“ passt. Mein Respekt gegenüber meinem Schöpfer lässt mich eher dazu neigen, in erster Linie das Gebet zu verrichten, weil ER mich dazu auffordert, es zu verrichten, und zwar in den festgelegten Zeitspannen, (die man meiner Meinung nach ohne Problem dem Quran entnehmen kann,) allerdings im Bewusstsein, dass das rituelle Pflichtgebet einen Kontakt zwischen meinem Schöpfer und mir bildet, was auch beinhaltet, dass dieses Gebet etwas Gutes für mich darstellt.

Auch wenn ich einen Groll gegen jemanden hegte, würde ich das Verrichten des Gebets nicht so lange verschieben, bis ich diesen Groll besiegt habe. Das könnte ja unter Umständen sehr lange, also auch mehrere Tage dauern. Vielmehr würde ich Allah in meinem Gebet bitten, mir bei der Überwindung dieses Grolls zu helfen, das Gebet also auch als etwas betrachten, was mir das Geben einer persönlichen Note für dieses Gebet ermöglicht.

Deiner Erwähnung, dass du ein verpasstes Gebet nachholst, entnehme ich, dass du das Nachholen eines verpassten Gebets für statthaft hältst – jedoch nicht als verpflichtend betrachtest, weil du ja auch sagst, dass es dir beim Verpassen mehrerer Gebete keinen Sinn macht, alle Gebete nachzuholen. Allerdings erwähnst du nicht, auf welcher Grundlage des Quran du dich so verhältst. Und eben das war ja meine ursprüngliche Frage: Ist es statthaft, verpasste Gebete nachzuholen, oder ist er erwünscht, oder ist es nicht möglich?

Es gibt ja auch die Meinung, dass verpasste Gebete verpasst sind und nicht nachgeholt werden können. So wie ich deinen Beitrag verstanden habe, bist du hingegen der Ansicht, dass das Nachholen eines Gebets durchaus möglich ist. Mit welchem Beleg kannst du nun gegenüber demjenigen, der das Nachholen ausschließt, argumentieren?


#10

Ich gehe ja davon aus, daß wir Menschen zunächst einmal den Verstand und einen inneren Kompaß für das Richtige sowie jede Menge Zeichen in unserer Umwelt bekommen haben - wenn wir damit nicht weiterkommen, helfen uns Offenbarungen wie der Koran. In meinen Auführungen ist also auch einiges an eigenen Überlegungen. Es sollte dem Koran eben nicht direkt widersprechen, was es m.M. nicht tut.

Zu meinem Gottesbild gehört ferner, daß Gott uns nicht willkürlich Dinge auferlegt, die uns nicht guttun, sondern daß alles, was von uns verlangt wird, letztlich gut für uns selbst ist - entweder direkt oder indirekt, indem es unserer Umwelt nützt, von der wir Teil sind. Wäre dies nicht so, gäbe es für mich keinen Grund, daran zu glauben.

Ich habe eigentlich ganz gute Erfahrungen damit gemacht, meinen Groll vor dem Gebet zu überwinden - was nicht heißt, daß er nicht später wieder hochkommen kann. Aber ein Gebet im Zustand des Zorns funktioniert m.M. nicht.