Vorhergegangene Schriften vom Schöpfer

Frieden geehrte Geschwister,

Ich wünschte die Generationen vor uns hätten ihre Energien eher in die vorherigen Schriften statt die Hadithe gelenkt.
Vieleicht könnt ihr mir diesbezüglich helfen.
Ich habe meine Fragen kurz zusammengefasst.

  1. Ist der Kuran autark zu anderen Schriften um gottergeben zu sein?
  2. Darf man die anderen Schriften ausser acht lassen?
  3. Wieviel Schriften gibt es insgesamt?
  4. Sind diese für uns authentisch zugänglich auf unsere Sprachen?

Salaam, Murad,

im Quran werden ohne Namen die Offenbarungsschriften von Abraham und Moses sowie namentlich die Thora, worunter man allgemein die fünf Bücher Mose versteht, der Psalter (Zabur) Davids und das Evangelium genannt. Was das Evangelium betrifft, so sehe ich hier die Schwierigkeit zu bestimmen, welches Evangelium denn eigentlich gemeint ist. Denn im allgemein gebräuchlichen „Neuen Testament“ gibt es ja vier Evangelien, die teilweise voneinander abweichen oder etwas enthalten, was andere nicht enthalten. Es gibt daneben aber beispielsweise auch das sogenannte „Thomas-Evangelium“, das vom Stil und Aufbau ganz anders ist als die im Neuen Testament vier Evangelien. Es handelt sich beim Thomas-Evangelium um kurze, prägnante Mitteilungen Jesu, die meistens mit den Worten „Und Jesus sprach“ beginnen und 114 (der Quran hat auch 114 Suren!) an der Zahl sind.

Salaam
Hasan :green_heart:

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Salam Bruder Hasan,

Vieken Dank für dein Beitrag. Des verschafft mir bereits einen Einblick.
Das neue Testament ist jetzt nach meinem Wissenstand doch von Menschen geschrieben bzw abgeändert, oder? Wenn ja somit ungültig zu erklären?
Ist denn die Gottergebenheit ausschließlich mit dem Kuran zulässig, wenn ja ist dir dazu ein Vers bekannt? Hätte den Vorteil das man seine ganze Kraft auf das eine Buch dann konzentrieren könnte.

Salam Murad

Salaam, Murad,

das mit den Evangelien und den früheren Schriften ist eigentlich ein sehr komplexes Thema. Ich will jetzt aber keinen langen Roman schreiben, sondern mal versuchen, eine kurz zusammengefasste Stellungnahme abzugeben. :wink:

Die Evangelien sind nach Ansicht Vieler von den Personen geschrieben worden, nach denen sie benannt sind. Das ist aber umstritten.

Ich würde nicht so weit gehen, das Evangelium oder die Thora in toto als ungültig zu erklären. In 5:46,48 und 61:6 weist der Quran etwa darauf hin, dass Jesus das bestätigte, was zu seinen Lebzeiten von den älteren Schriften vorhanden war. Muhammad Asad versteht hier „was NOCH vorhanden war“, dass also nicht alles so vorhanden war, wie zum Zeitpunkt der Offenbarung der älteren Schriften. Das halte ich für überlegenswert, denn nur dann macht es ja eigentlich einen Sinn, dass Jesus mit einer neuen Offenbarung kommt.

Aber ganz abgesehen davon meine ich, dass die wahre Gottergebenheit ausschließlich mit dem Quran nicht nur zulässig ist, sondern auch geboten. Und das halte ich für uns für das Wichtigste, dass wir uns auf den Quran konzentrieren. Sich mit dem Quran intensiv zu beschäftigen ist meiner Überzeugung nach eine Lebensaufgabe. Als Beleg dafür, dass wahre Gottergebenheit nur auf der Grundlage des Quran möglich ist, ist Folgendes: Allah sagt im Quran, dass die Religion bei IHM der Islam ist und ER sagt weiterhin, dass ER den „din“ vervollständigt hat. Das Wort „din“ hat viele Bedeutungen. In diesem Zusammenhang halte ich die Bedeutung „Religion“ respektive „Glaubenslehre“ für plausibel.

Ich denke, das reicht als Antwort! :slightly_smiling_face:

Salaam
Hasan :green_heart:

Ich denke, dass das im Koran genannte Ingil nicht ein Text ist, sondern die Botschaft Jesu durch seine Taten und Worte. In den im Neuen Testament enthaltenen Evangelien kann man Informationen darüber finden, aber sie sind eben nicht identisch mit dem Ingil.

Ja, das sehe ich grundsätzlich auch so. Interessant ist diesem Zusammenhang das sogenannte Thomas-Evangelium, das in 114 (!) kurzen Abschnitten, die meistens mit „Und Jesus sprach“ eingeleitet werden, nur Worte Jesu enthält und sich damit von den vier in der Bibel enthaltenen Evangelien in Stil und Aufbau gänzlich unterscheidet.

Selam Hasan,

das Thomas - Evangelium ist eben eine Sammlung von Jesu Aussprüchen. Ebenso wie die „Logienquelle Q“, die man aus den Evangelien des NT mittels Sprachforschung als Grundlage der Evangelisten für ihre Erzählungen über Jesu Leben herausgefiltert hat, wobei es noch keinen archäologischen Fund gibt, der diese Logienquelle Q bestätigt hätte.
Dass aber der richtige Glaube „ausschließlich mit dem Quran…geboten“ wäre, denke ich nicht. Dazu ist für mich das Doppelgebot (5. Mose 6,5 und 3.Mose 19,18) bzw. die zehn Gebote von derart zwingender Logik und genialer Einfachheit, dass ich immer wieder ins Grübeln komme, ob der Umfang des Koran im Vergleich besonders mit dem Doppelgebot auch darin beruht, dass das Etablieren des Islam in der arabischen Gesellschaft mit einem Katalog von MIndestanforderungen einherging, der aber keineswegs für immer so einzuhalten ist, sondern auch Veränderungen zulässt. Die Frage nach der Beendigung der Sklaverei wäre so ein Beispiel. Ich frage mich auch, wie lange man braucht, den Koran im vollen Umfang durchzulesen und zu verstehen, wenn man, wie auch heute noch oft üblich, man für seinen Lebensunterhalt 16 Stunden und mehr pro Tag arbeiten muss. Dagegen sind Doppelgebot oder die Zehn Gebote bestimmt schneller zu erfassen. Ich denke nicht, dass Gottes Offenbarungen sich nicht nur an die richten, die Zeit genug für das Studium des Korans haben. :wink:
Kurz gesagt: ich bin zwar überzeugt, dass der Koran eine Offenbarung Gottes ist, aber nicht, dass ich das vorher offenbarte für obsolet halten soll, nur weil die Quellenlage fragwürdig ist.

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Salaam, Tom,

dass man das vor dem Quran Geoffenbarte für obsolet halten soll, hab ich ja auch nicht postuliert. Ich hab ja geschrieben, dass ich nicht so weit gehen würde, Thora oder Evangelium (was auch immer man unter Evangelium verstehen kann respektive soll) als ungültig zu erklären.

Wenn du dich zu Recht fragst, wie lange man braucht, den Quran in vollem Umfang durchzulesen und zu verstehen, dann stellte ich dir die Gegenfrage: Wenn die meisten Leute (vielleicht sogar alle???) nicht in der Lage sind, alles in ihrem Leben aus dem Quran herauszuholen, was in ihm steckt, wieso soll man (und kann man) sich dann auch noch mit anderen Offenbarungen intensiv beschäftigen? Die von dir herausgepickten Verse im Levitikus und Deuteronomium sind ja nur ein winziger Teil von weiteren Geboten. Das beschränkt sich beispielsweise nicht nur auf 3. Mose 19:18, sondern umfasst ja fast das gesamte Buch Levitikus, etwa mit seinen Opfervorschriften (Kapitel 1-7), den Priestergesetzen (8-10), Reinheitsgesetzen (11-15), sexuellen Vorschriften (18) usw. Geniale Einfachheit oder schnelles Erfassen kann ich da bei bestem Willen nicht feststellen.

Die Zehn Gebote: Beispiel „Du sollst nicht töten.“ Das ist einfach und schnell zu erfassen. Ja! Aber in der Einfachheit doch gar nicht praktikabel. Es ist ja gar keine Einfachheit, sondern eine Absolutheit. Im Quran wird auch davon gesprochen, nicht zu töten, aber es wird erläutert, was damit und wie im legalen Sinne es gemeint ist, und zwar in genialer Einfachheit.

Ich habe in meinen beiden Threads Monat Ramadan und Salaat aufgezeigt, dass es auch sehr komplexe Themen im Quran gibt, bei denen man als Konsequenz intensiven Nachdenkens zu verschiedenen, von jedem selbst vor Allah zu verantwortenden Resultaten gelangen kann. Aber das Thema Salaat beispielsweise ist für unser tägliches Leben ein wichtiges Thema und verlangt Beschäftigung mit ihm - jeder nach seinem geistigen Vermögen und entsprechend der ihm zur Verfügung stehenden Zeit. Aber ich nehme es dir nicht ab, dass jemand in seinem ganzen Leben keine Zeit findet, sich mit dem Quran zu beschäftigen. Zum Fernsehen, Fußballstadion, Kino, Theater, Konzert reicht die Zeit und für den Quran nicht??? Und seien es nur eine Viertelstunde oder eine halbe Stunde täglich??? Statt dessen soll ich mich mit Levitikus und dessen zahlreichen Vorschriften auseinandersetzen und sie befolgen oder mich mit 5. Mose beschäftigen und zum Beispiel gemäß dem von dir zitierten Kapitel 6 die Worte „Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig“ als Zeichen um das Handgelenk binden sowie auf die Türpfosten meines Hauses und auf meine Stadttore schreiben??? (Vgl. 3. Mose 6:4-9). Und das ist nur ein winziger Teil des Alten Testaments. Nicht zu vergessen, dass es ja auch noch die Evangelien gibt!

Ich bleibe also lieber bei meiner Ansicht, dass für einen Quraniten der Quran die einzige Grundlage seiner Lebensführung sein kann und er sich nach besten Können mit dieser von Allah geoffenbarten Grundlage beschäftigen sollte. Allah gibt jedem Menschen einen unterschiedlichen Intellekt und entsprechend dieser geistigen Anlage ist er vor Allah verantwortlich. Und Allah mutet einer Seele nur deren Leistungsvermögen zu.

Wer sich neben dem Quran noch mit anderen Schriften befassen mag, bitte schön, soll er es tun! Aber bitte schön, der Quran sollte Priorität besitzen.

In diesem Sinne Salaam!
Hasan :green_heart:

Selam Hasan,
Ich habe mir auf deine Kritik hin meinen Text noch einmal durchgelesen und denke, dass ich mich missverständlich ausgedrückt habe. Selbstverständlich ist das Doppelgebot nicht als Ersatz für das Studium und Verstehen des Korans zu sehen. Ich habe auch nicht gesagt, dass Leute, die lange und schwer arbeiten, sich nicht den Koran erschließen können. Aber das dauert dann auch sehr lange, evtl. Jahre. In der Zwischenzeit kann man sich in Fällen, in denen man nicht weiß, wie der Koran zu diesen steht, des Doppelgebotes als Richtschnur bedienen. Das war und ist mir jedenfalls eine große Hilfe, und zwar auch deshalb, weil ich es als von Gott gemacht und dem Koran nicht widersprechend ansehe.
Ich hoffe, dass ich mich jetzt ein wenig klarer ausgedrückt habe.
Selam

Salaam, Tom,

und danke für dein Feedback!

Nein, ich habe dich nicht missverstanden. Ich glaube, das Umgekehrte ist der Fall! :sweat_smile:

Das vollständige Erschließen des Quran dauert ein ganzes Leben lang und ist vielleicht gar nicht in seiner Gänze zu erreichen. Umso mehr halte ich es für sinnvoll, sich so viel wie möglich mit dem Quran zu beschäftigen und dies nicht auf Kosten anderer, weniger ergiebiger Beschäftigungen zu vernachlässigen. Als Beispiel für eine solche weniger ergiebige Beschäftigung habe ich den von dir genannten Levitikus und das Deuteronomium genannt: „Statt dessen soll ich mich mit Levitikus und dessen zahlreichen Vorschriften auseinandersetzen und sie befolgen oder mich mit 5. Mose beschäftigen und zum Beispiel gemäß dem von dir zitierten Kapitel 6 die Worte „Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig“ als Zeichen um das Handgelenk binden sowie auf die Türpfosten meines Hauses und auf meine Stadttore schreiben??? (Vgl. 3. Mose 6:4-9). Und das ist nur ein winziger Teil des Alten Testaments. Nicht zu vergessen, dass es ja auch noch die Evangelien gibt!“

Allerdings verstehe ich nicht , dass du ein sogenanntes „Doppelgebot“ in den Vordergrund rückst. Die von dir zitierten Textstellen sind doch nur ein Bruchteil des gesamten Levitikus und Deuteronomiums, de facto handelt es sich um ein „Vielgebot“. Ich will ja gar nicht verhehlen, dass die beiden von dir zitierten Verse dem Geist des Quran entsprechen. Aber ich denke, den Inhalt dieser beiden Verse kann ich auch dem Quran als Ganzes entnehmen, dazu muss ich nicht erst alle fünf Bücher Mose lesen, was ja auch sehr viel Zeit in Anspruch nimmt. Diese Zeit möchte ich lieber in das Lesen des Quran investieren - auch aus Liebe zu Allah „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“ (5. Mose 6:5). :slightly_smiling_face:

Ich meine also damit nicht, dass das Lesen der Bibel definitiv keinen Nutzen bringt. Ich meine vielmehr, dass der Quran Priorität hat und die Bibel hinzugezogen werden kann, wenn es um Themen im Quran geht, zu denen die Bibel etwas Aussagekräftiges hinzufügen kann.

Salaam
Hasan :green_heart:

Hallo Hasan,
Das Doppelgebot als solches findet man bei den Synoptikern (Mt. 22,34-40,Mk.12,28-31,Lk.10,25-28).Die Faszination über dieses einleuchtende Prinzip stammt noch aus meiner „vorkoranischen“ Zeit und seitdem kriege ich das nicht mehr richtig „ussm Kopp“. Zumal es für mich eine elegante Brücke von Moses über Jesus zum Koran darstellt. Ich ahne, dass meine laienhafte Konklusion dich an meinem Verstand zweifeln lässt :crazy_face:, aber soo schlimm wie’s scheint ist es auch wieder nicht.:slightly_smiling_face:
Selam
Tom

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Hallo Tom,

ja, bei den Synoptikern (die ick ooch uff´n Kieka hab :face_with_raised_eyebrow:) wird das Doppelgebot klar. Keine weiteren Einwände! Die elegante Brücke kann ich betreten. Wenn ick an deener Jrütze Zweifel hätte, hätte ick dir nich so ausführlich jeantwortet! :wink:

Und ja! Dinge aus der „vorkoranischen“ Zeit trampeln mir ooch noch im Jehirn rum!

Hauptsache, man entwickelt sich weiter - zum Besseren. Und ich denke, dieses Forum bildet dafür auch eine elegante Brücke! :slightly_smiling_face:

In diesem Sinne Salaam!
Hasan :green_heart:

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Wenn man den Koran lesen will, kann man das so machen: Jeden Tag eine Seite lesen. Bei normaler Lesegeschwindigkeit ist das 1 Minute. Wenn du sehr genau überlegen willst, was da steht, kann es vielleicht auch 5 Minuten dauern. Dann bist du einmal im Jahr durch den Koran. Wenn du jeden Tag 15 Minuten investieren willst, dann brauchst du 3 Wochen bis 4 Monate um den Koran komplett durchzulesen. Die Zeit findet man schon, denke ich

Frieden,

Ich glaube der folgender Vers gewichtet und hebt den Koran klar autark hervor.

Baqara Vers 4 lautet in der bestmöglichen Übersetzung:

Und diejenigen, die daran glauben, was zu dir herabgesandt wurde und was vor dir herabgesandt wurde, und vom Letzten überzeugt sind.

Natürlich unterstreichen Verse wie das die Schrift detailliert und vollständig ist dies.

Salaam, Murad,

das Wort الآخرة al-aachira bedeutet im Arabischen „das Jenseits“. Im Vers 4 gibt es kein feminines Bezugswort, das rechtfertigen könnte, die feminine Form الآخرة mit „das Letzte“ zu übersetzen.

Ich schlage als Beleg dafür, dass wir NUR dem Quran folgen sollen, 46:9 vor, in dem es unter Anderem heißt: „… Ich folge nur dem, was mir geoffenbart wird…“, also dem Quran.

Salaam
Hasan :green_heart:

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Selam,

ist echt frustrierend seinen Glauben dauernd zu korrigieren wenn immer ein Übersetzungsfehler auftaucht.

Geht einem an die Motivation.

Salaam, Murad,

am besten wäre es, Arabisch zu lernen, um nicht auf Übersetzungen angewiesen zu sein. :wink:

Zu den besten Übersetzungen zähle ich übrigens die von Muhammad Asad. Die empfinde ich als motivierend und als relativ stressfrei! :smiley:

Nichtsdestoweniger muss man als fehlerbehafteter Mensch immer bereit sein, seine eigenen Auffassungen zu überprüfen und zu überdenken und eventuell zu korrigieren.

In diesem Sinne!
Salaam
Hasan :green_heart:

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Danke für die wertvollen Tipps :slight_smile:

Selam,
für Murad spricht, dass er die Übersetzung von hanif. de zitiert hat. Die ist doch wohl aus „diesem Hause“ und jedenfalls deutlich jünger als M. Asads Übersetzung, aber in diesem Fall nicht besser.

Salaam, Tom,

man kann natürlich die Wörter und die Verse des Quran unterschiedlich verstehen und entsprechend interpretieren. Ein anschauliches Beispiel findest du in meinem Thread zum Begriff صلاة salā.

Allerdings muss eine derartige Interpretation sachlich fundiert sein, also sowohl von der arabischen Sprache her als auch vom Kontext und von der intellektuellen Nachvollziehbarkeit her. Und vom linguistischen Standpunkt betrachtet halte ich die Übersetzung von الآخرة al-āchira im Vers 4 der zweiten Sure mit „vom Letzten“ für nicht vertretbar.

Aber am besten wäre es natürlich, wenn der betreffende Übersetzer begründete, warum er diese Wortwahl bevorzugt hat.

Salaam
Hasan :green_heart: